ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2008Neurologie/Psychiatrie: Indizien für eine Unterversorgung

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Neurologie/Psychiatrie: Indizien für eine Unterversorgung

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 156

Richter-Kuhlmann, Eva

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Wachsende Patientenzahlen in der Neurologie/ Psychiatrie: Ein Grund ist die ständig älter werdende Bevölkerung. Foto: Klaus Rose
Wachsende Patientenzahlen in der Neurologie/ Psychiatrie: Ein Grund ist die ständig älter werdende Bevölkerung. Foto: Klaus Rose
Steigende Fallzahlen bei gleichbleibenden Arztzahlen: Ein IGES-Gutachten beleuchtet erstmals die Misere im neuropsychiatrischen Bereich.

Einen Augenblick, bitte! Dr. med. Andreas Köhler zückt seinen Taschenrechner. Nach wenigen Minuten kommt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zu dem Ergebnis: Zusätzlich 365 Millionen Euro sind bei einem Punktwert von 5,11 Cent notwendig, um die Honorarnachteile der Neurologen und Psychiater auszugleichen.

Doch nicht nur eine bessere finanzielle Ausstattung, sondern auch eine bessere Struktur der neuropsychiatrischen Versorgung hält Köhler für dringend notwendig. Mittlerweile sieht er sogar bereits Indizien für eine Unterversorgung. Hintergrund seiner spontanen Berechnungen ist das Gutachten des Instituts für Gesundheit und Sozialforschung (IGES) zum Thema „Strukturen und Finanzierung der neurologischen und psychiatrischen Versorgung“, das erstmals eine Datengrundlage liefert. Gemeinsam mit dem Berufsverband Deutscher Neurologen und dem Berufsverband Deutscher Psychiater (BVDP) hatte es der Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) in Auftrag gegeben.

Das IGES-Gutachten zeigt: Nervenärzte, Neurologen und Psychiater sind benachteiligt und derzeit die Ärzte mit dem geringsten Einkommen. Bei einer etwa gleichbleibenden Zahl von Ärztinnen und Ärzten haben sich die Fallzahlen in der neuropsychiatrischen Versorgung innerhalb der letzten zehn Jahre nahezu verdoppelt. Die Honorare haben sich den Versorgungsbedürfnissen der Patienten jedoch nicht angepasst. „Politik und Krankenkassen unterschätzen die Bedeutung von neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen für unser Gesundheitswesen und unsere Volkswirtschaft“, erläutert Dr. med. Frank Bergmann, Vorsitzender des BVDN. Gefährlich sei dies insbesondere angesichts einer ständig älter werdenden Bevölkerung und der häufig mit dem Alter zunehmenden Prävalenz der neuropsychiatrischen Erkrankungen. So verursachten dem IGES-Gutachten zufolge bei der Gruppe der über 65-Jährigen die Erkrankungen des Nervensystems die höchsten Kosten im Gesundheitswesen. Bei den über 85-Jährigen erreichten sie sogar etwa das Dreifache der Kosten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Ferner stellten die Gutachter fest:
- Die Zahl der Krankenhausfälle hat wegen psychischer und verhaltensbezogener Erkrankungen von 1994 bis 2005 um 36 Prozent zugenommen. Die Gesamtzahl aller Krankenhausfälle hat sich im selben Zeitraum nur um elf Prozent erhöht.
- Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage wegen neuropsychiatrischer Erkrankungen hat zwischen 1997 und 2006 um 64 Prozent zugenommen. Die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage 2006 für alle Erkrankungen lag dagegen auf dem gleichen Niveau wie 1997.
- Die Arbeitsunfähigkeit aufgrund neuropsychiatrischer Erkrankungen verursacht steigende volkswirtschaftliche Kosten. Der Ausfall an Bruttowertschöpfung entsprach 2006 rund sieben Milliarden Euro und damit etwa 10,5 Prozent des geschätzten Gesamtausfalls an Bruttowertschöpfung infolge von Arbeitsunfähigkeit. Im Jahr 2000 war dieser Anteil mit rund 5,3 Prozent nur etwa halb so groß.

Trotz des steigenden Betreuungsbedarfs gebe es jedoch nur geringfügig mehr Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie/Neurologie, um die wachsende Zahl an Patientinnen und Patienten zu versorgen, erklärt die Vorsitzende des BVDP, Dr. med. Christa Roth-Sackenheim. Leider sei auch in Zukunft nicht mit mehr Nachwuchs zu rechnen, bedauert sie. Angesichts der von Mangel geprägten Situation setzten die Fachärzte auf eine intensive Zusammenarbeit mit den Hausärzten, die bereits viele Erkrankungen zutreffend beschrieben und diagnostizierten.

Verbessern solle sich in den kommenden Jahren die Honorierung der neuropsychiatrischen Facharztgruppen, erklärt Köhler. Dabei räumt er Versäumnisse der KBV in der Vergangenheit ein: Die bisherigen Kalkulationen für diese Fachgruppen seien nicht ausreichend gewesen. Dies wolle die KBV jetzt ausgleichen. „Mit der Neuordnung der vertragsärztlichen Vergütung und der Rückverlagerung des Morbiditätsrisikos an die Krankenkassen wird sich das ab 2009 deutlich verbessern“, verspricht Köhler. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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