ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2008Anonyme Geburt: Geburtshelfer wollen Rechtssicherheit

POLITIK

Anonyme Geburt: Geburtshelfer wollen Rechtssicherheit

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 157

Rieser, Sabine

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Schutz oder Schande? In Deutschland haben nach Erkenntnissen der Bundesregierung 76 Krankenhäuser Babyklappen eingerichtet. Was sie bewirken, ist unter Fachleuten umstritten. Foto: dpa
Schutz oder Schande? In Deutschland haben nach Erkenntnissen der Bundesregierung 76 Krankenhäuser Babyklappen eingerichtet. Was sie bewirken, ist unter Fachleuten umstritten. Foto: dpa
Ärztinnen und Ärzte, die Frauen bei einer anonymen Geburt helfen, bewegen sich rechtlich in einer Grauzone. Doch eine gesetzliche Neuregelung ist bei einem so kontrovers diskutierten Thema schwer durchzusetzen.

Sie tauchte hochschwanger in der Klinik auf und hatte sich entschieden. Eine Abtreibung war nie infrage gekommen, ein Leben mit dem Kind kam auch nicht infrage. Ihr Ausweg: eine anonyme Geburt mit ärztlicher Hilfe. Warum – darauf wollte die zweifache Mutter Prof. Dr. med. Klaus Vetter keine Antwort geben. Umstimmen ließ sie sich nicht mehr. Der Direktor der Geburtsklinik im Vivantes-Klinikum Berlin-Neukölln entband sie einige Wochen später von ihrem dritten Kind, erneut per Kaiserschnitt. Die Mutter erholte sich, Diakonie und Caritas kümmerten sich um Adoptiveltern für das Kind.

Vetter, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, weiß sehr wohl, dass die anonyme Geburt in Deutschland gesetzlich nicht vorgesehen und rechtlich nicht zulässig ist. Im geschilderten Fall ermittelte die Staatsanwaltschaft nicht gegen ihn – zuvor aber war das schon der Fall. Denn grundsätzlich können Frauen, die anonym gebären, und alle, die sie dabei unterstützen, rechtlich belangt werden, sofern keine Notlage besteht. Schließlich hat jedes Kind ein grundgesetzlich geschütztes Recht auf Kenntnis seiner Abstammung. Darüber hinaus spielen gesetzliche Vorgaben zur Angabe der Vaterschaft, zu Fürsorge- und Erziehungspflichten sowie zum Unterhalt eine Rolle.

Vetter findet aber: „Entweder bin ich in einer derartigen Situation der Patientin verbunden oder dem Staat – beides zusammen geht nicht.“ Seiner Ansicht nach wäre es hilfreich, Frauen frühzeitig in der Schwangerschaft eine offene und anonyme Beratung anzubieten. So ließen sich noch Perspektiven für ein Leben mit dem Kind oder für ein reguläres Adoptionsverfahren aufzeigen. Doch wenn Ärzte bei einer anonymen Geburt helfen, plädiert Vetter dafür, sie aus der rechtlichen Grauzone zu holen. Dies könnte, schlägt er vor, durch eine Regelung ähnlich wie die bei Abtreibungen geschehen: Die anonyme Geburt bliebe demnach verboten, helfende Ärzte und Hebammen würden jedoch nicht mit Strafe bedroht.

Vetters Fachgesellschaft hatte sich des Themas kürzlich im Rahmen eines Symposiums angenommen. „Wir machen uns schuldig, wenn wir einer Gebärenden nicht Hilfe leisten. Wir werden aber andererseits gegenüber dem Gesetz schuldig, wenn wir den Wunsch nach Anonymität einer Niederkommenden achten“, beschrieb Prof. Dr. med. Walter Jonat, Präsident der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, den Konflikt.

Die folgenden Referate und Diskussionen ließen ahnen, dass sich der Wunsch der Ärzte nach einer Auflösung der Grauzone nur schwer umsetzen lassen wird. Denn über anonyme Geburten wie auch über Babyklappen an Kliniken, wo man unerkannt einen Säugling abgeben kann, wird heute unter Fachleuten genauso kontrovers debattiert wie im Jahr 2000. Damals hatte die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag einen Vorstoß zu einer gesetzlichen Neuregelung unternommen und war gescheitert.

Kompromisslos argumentierte während des Symposiums unter anderem Rechtsanwältin Ulrike Riedel, zu Zeiten von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer Staatssekretärin. Ihrer Meinung nach darf man anonyme Geburten weder anbieten noch zusichern, die Hilfe in echten medizinischen Notlagen einmal ausgenommen. Riedel verwies auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, wonach jedes Kind ein Recht auf Kenntnis seiner biologischen Abstammung habe. Dieses Recht wird ihm im Falle der anonymen Geburt genommen. Die Adoptionsforschung belegt nach Ansicht von Riedel zudem hinreichend, welche Probleme Kinder später zu bewältigen haben, die ihre Herkunft nicht ergründen können.

Und der Wunsch, Schlimmeres zu verhindern? Dass sich durch anonyme Geburten in Kliniken oder durch Babyklappen Kindstötungen vermeiden lassen, hält die Rechtsanwältin für „eine bloße Hoffnung“. Weltfremd ist für sie zudem die Vorstellung, durch solche Angebote könne man womöglich Abtreibungen verhindern.

Kindstötung: Schwangere verdrängten ihren Zustand
Ganz ähnlich urteilte Prof. Dr. med. Anke Rohde, die an der Universitätsfrauenklinik Bonn zu gynäkologischer Psychosomatik forscht und lehrt. Damit Frauen Angebote wie eine anonyme Geburt oder eine Babyklappe in Erwägung ziehen, müssen sie nach Ansicht der Ärztin ihre Schwangerschaft realisieren, darüber nachdenken und die Geburt planen. Am Beispiel zweier Fälle von Kindstötung nach der Geburt schilderte Rohde aber, dass die betreffenden Mütter ihren Zustand ignoriert oder verdrängt hatten und deshalb subjektiv von der Geburt überrascht wurden.

Anonyme Geburten sind darüber hinaus nach Rohdes Ansicht nicht nur eine Lebenshypothek für die Kinder, sondern auch für die Mütter. Frauen hadern zum Teil noch nach Jahren damit, ihr Kind zur Adoption freigegeben zu haben. Im Fall einer anonymen Geburt sind sie, gibt Rohde zu bedenken, erst recht „zu lebenslanger Sprachlosigkeit“ verdammt. Die Ärztin hat zudem noch keinen Fall erlebt, in dem sich Hilfe nicht organisieren ließ – selbst in Fällen, wo Schwangere illegal in Deutschland lebten.

Etliche Mütter nehmen ihre Kinder offenbar doch an
Aber wie viele Kinder kommen mit ärztlicher Hilfe anonym zur Welt, und wie viele Kinder wurden in den letzten Jahren in Babyklappen abgelegt? Antworten darauf gab Eva-Maria Welskop-Deffaa, Ministerialdirektorin im Bundesfamilienministerium. Sie bezog sich dabei auf die Antwort der Bundesregierung auf eine Große Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion. Die Angaben sind allerdings unvollständig, weil nicht alle Bundesländer ihre Erkenntnisse gemeldet haben.

Nach allem, was man offiziell weiß, werden pro Jahr 40 bis 50 Neugeborene ausgesetzt. Die Hälfte der Kinder wird tot aufgefunden. Möglichkeiten, anonym zu gebären, bieten bundesweit 130 Kliniken an. Babyklappen wurden in 76 Krankenhäusern eingerichtet, davon allein 31 in Nordrhein-Westfalen und 13 in Bayern. Zahlreiche Mütter bleiben allerdings nicht bei ihrem Entschluss. In Hamburg beispielsweise, wo sich der Verein Sternipark um Mütter kümmert, die anonym bleiben wollen, entschieden sich nach der Geburt 148 von 248 Müttern schließlich doch dafür, ihr Kind zu sich zu nehmen.

Insgesamt sind die Erkenntnisse zum Thema Babyklappe und anonyme Geburt gering, vor allem die zu den Motiven der Frauen. Kein Wunder, dass die Broschüre zur Studie „Anonyme Geburt – Das Moses-Projekt in Bayern“ längst vergriffen ist. Im Freistaat wurde 1999 bei den staatlich anerkannten Schwangerenberatungsstellen von Donum Vitae das Moses-Projekt etabliert. Es soll schwangeren Frauen in scheinbar aussichtsloser Lage helfen, eine Perspektive zu entwickeln, und Verzweiflungstaten vermeiden.

Im Rahmen der Studie ergründeten Wissenschaftler des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg, welche Frauen mit „Moses“ erreicht wurden, was ihre Motive für den Wunsch nach einer anonymen Geburt waren, aber auch, warum bisherige Angebote offenbar nicht genügen. Viele Fragen blieben offen; zudem wurden nicht die Frauen befragt, sondern die Beraterinnen. In zehn von 30 dokumentierten Fällen entschieden sich jedoch die Mütter gegen die anonyme Geburt.

Dass Kliniken diese wie auch eine Babyklappe anbieten sollten, findet Prof. Dr. med. Birgit Seelbach-Göbel, Direktorin der Frauenklinik am Krankenhaus Barmherzige Brüder in Regensburg. Den Anstoß gab im Oktober 1997 ein Säugling, der vor dem Krankenhaus in einem Fahrradkorb gefunden wurde. Seitdem wurden vier Kinder abgegeben, das letzte im Dezember 2005.

Dass solche Angebote Kindstötungen verhindern helfen, bezweifelt auch Seelbach-Göbel. Sie ist jedoch der Meinung, dass man es sich zu einfach mache, wenn man glaube, es gebe für alle Frauen eine andere Lösung. „Von Missbrauch kann man da nicht reden“, entgegnete sie zudem jenen, die warnen, die Zahlen anonym geborener Kinder würden steigen, weil sich auch hier das Angebot seine Nachfrage schaffe. Seelbach-Göbel plädierte allerdings für eine frühzeitige, anonyme Schwangerenvorsorge in Arztpraxen: „Intensive Beratungen können zu einer Situation führen, die den Plan der anonymen Geburt überflüssig macht.“

Bundesregierung will erst Daten sammeln, dann handeln
Obwohl die Situation sowohl für Ärzte wie für Beraterinnen unbefriedigend ist, sieht die Bundesregierung keinen Handlungsbedarf. Und das, obwohl sich SPD und Union im Koalitionsvertrag verständigt hatten, das Thema anonyme Geburt anzugehen. In der Antwort auf die Große Anfrage heißt es lediglich: „Die Bundesregierung sieht keine hinreichende Grundlage für eine valide Beurteilung der Notwendigkeit gesetzlicher Regelungen zur anonymen Geburt und prüft deshalb eine bundeszentrale Untersuchung.“

Sabine Rieser

Weitere Informationen: Zur Großen Anfrage unter www.bundestag.de/ Drucksache 16/7220, zum Moses-Projekt unter www.sozialministerium. bayern.de/Publikationen/Familie
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