ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2008Psychosomatik in China, Laos und Vietnam: Versorgung als Exportschlager

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Psychosomatik in China, Laos und Vietnam: Versorgung als Exportschlager

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 163

Hillienhof, Arne

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LNSLNS China, Laos und Vietnam sind die Partnerländer für ein Export- und Kooperationsprojekt der besonderen Art, nämlich den Aufbau einer psychosomatischen Grundversorgung nach deutschem Muster.

Das „Postgraduate Psychosocial Training for Medical Doctors“, so der offizielle Name, setzt auf ein Train-the-trainer-Konzept. „Mittlerweile haben wir in allen drei Ländern eine Kerngruppe von zwei einheimischen Trainern und eine Trainingsgruppe von drei bis fünf Mitarbeitern ausgebildet“, sagt Klaus Fritzsche aus der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik in Freiburg. Zusammen mit Peter Scheib aus derselben Abteilung und Gerhard Schüßler von der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Innsbruck betreut er das 2002 gestartete Projekt. Es ist so erfolgreich, dass die Europäische Union es im Rahmen ihres sogenannten ASIA-Link-Programms fördert.

Somatoforme Störungen und Essstörungen nehmen zu
„Wir beobachten, dass psychische und psychosomatische Störungen in Ländern, die in Bezug auf Wirtschaft und Gesundheitsvorsorge bisher als Entwicklungsländer galten, stark zunehmen“, sagt Fritzsche. Der wachsende Wohlstand für Teile der Bevölkerung sei häufig mit unsicheren und belastenden Lebensbedingungen erkauft, der Druck auf den Einzelnen steige. „Wenn traditionelle Werte infrage gestellt werden oder verschwinden und neue gesellschaftliche Strukturen erst im Aufbau sind, ist die biopsychosoziale Belastung besonders groß“, so Fritzsche. Ein psychosomatischer Ansatz bei der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sei bei vielen nicht westlichen Ländern besonders wichtig, weil psychosoziale Störungen sich in der Primärversorgung häufig eher körperlich als seelisch zeigten. Zum Beispiel seien für Chinesen körperliche Beschwerden aufgrund ihres Wertesystems sozial annehmbarer als eine psychische Störung. Die sogenannten somatoformen Körperbeschwerden ohne hinreichenden Befund nähmen deshalb in den Schwellenländern wie China, Vietnam und Laos stark zu. Auch bislang kaum bekannte Essstörungen – wie Anorexie und Bulimie – tauchten vor allem bei jungen Frauen in den Ballungsgebieten Südostasiens vergleichbar oft oder sogar häufiger auf als im Westen.

Typisch für die genannten Länder ist im Augenblick das Nebeneinander von westlicher Schul- und traditioneller Medizin, zum Beispiel chinesischer Heilkunde. Diese traditionelle Medizin favorisiert charakteristischerweise ein ganzheitliches Krankheitsverständnis. So ist ein Dualismus von Körper und Seele dem konfuzianisch denkenden Arzt fremd. „Aber der traditionellen Medizin fehlen psychologische Krankheitskonzepte und vor allem psychologische Interventionsmethoden“, so Fritzsche. Beispielsweise sei es ihr fremd, die Familie in das therapeutische Handeln einzubeziehen. „Wenn die psychosoziale Problematik eine bestimmte Schwere und Komplexität erreicht, ist der traditionelle Mediziner ebenso überfordert wie der biomedizinisch ausgerichtete Arzt“, so die Erfahrung des Psychosomatikers.

Hier setzt die Zusammenarbeit der deutsch-österreichischen und der asiatischen Projektpartner an. Grundlage ist das Modell einer psychosomatischen Grundversorgung. Diese strebt nicht die Ausbildung von ausschließlich psychosomatisch arbeitenden Spezialisten an, sondern bemüht sich, die psychosomatische Qualifikation der klinisch tätigen Ärzte aller Fachgebiete zu verbessern. Eine Pilotphase in Wuhan und Schanghai (China) mit mehr als 100 Teilnehmern zeigte, dass dieser Bottom-up-Ansatz, der auf einer Weiterqualifikation von Internisten, Gynäkologen, Neurologen, Allgemeinärzten und anderen Ärzten beruht, nach Südostasien übertragbar ist. 2006 begannen daher die ersten regulären Kurse in China, Vietnam und Laos. Die Referenten kamen noch aus Deutschland und Österreich.

Bereits 2007 gaben einheimische Referenten ihr erworbenes Wissen in eigenen Kursen weiter, die europäischen Referenten boten dazu Supervision und Feedback an. Ab 2008 sollen einheimische Ärzte die Kurse gänzlich eigenständig halten.

Mental-health-Gesetz in China
„Die Resonanz auf das Kursangebot – dreimal 20 Stunden umfasst es – ist sehr gut“, berichtet Fritzsche. Die Teilnehmer erhielten ein Zertifikat, das für ihr berufliches Weiterkommen offenbar sehr wichtig sei. „In den nächsten Monaten geht es darum, dass Erreichte zu erhalten und weiterzuverbreiten“, so Fritzsche. Ein besonderes Anliegen ist es, die psychosomatische Grundversorgung in einem neuen sogenannten Mental-health-Gesetz zu verankern, über das in China zurzeit diskutiert werde. Aber auch danach gibt es viel zu tun: „Unsere Projektpartner in Südostasien überlegen im Augenblick, ob wir gemeinsam ein Curriculum für eine umfassende Psychotherapie-Ausbildung erarbeiten könnten“, berichtet der Freiburger Psychosomatiker.
Arne Hillienhof
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