ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2008Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung

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Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 164

Goddemeier, Christof

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Foto: picture-alliance/KPA
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Vor 100 Jahren wurde der Philosoph und Psychologe Maurice Merleau-Ponty geboren.

Seit Isaac Newton und Immanuel Kant ist das Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie zwiespältig: Während insbesondere die Naturwissenschaften ausdrücklich nur die nächsten Bedingungen der Vorgänge zu erforschen suchen, bedenkt die Philosophie deren allgemeinste Bedingungen. Von einer Ursachenforschung sehen letztlich beide ab. Dieses Verhältnis hat in der Philosophie Maurice Merleau-Pontys nicht länger Bestand. Seine beiden Hauptwerke „Die Struktur des Verhaltens“ und „Phänomenologie der Wahrnehmung“ setzen sich intensiv mit den Wissenschaften vom Leib und von der Seele, mit Physiologie und Psychologie auseinander. So steht er für einen überaus fruchtbaren „Stoffwechsel“ zwischen den Humanwissenschaften und der Philosophie. In zahlreichen Aufsätzen formuliert der politische Philosoph Merleau-Ponty nach dem Zweiten Weltkrieg seine Positionen zu Marxismus, Sozialismus und Kapitalismus. Indem er die „Bedeutung des Menschen für die Welt“ hervorhebt, ist sein Denken zutiefst humanistisch.

Maurice Merleau-Ponty wird am 14. März 1908 in Rochefort-sur-Mer geboren. Drei Jahre später stirbt sein Vater. So wird er in einem katholisch geprägten Elternhaus überwiegend von der Mutter erzogen. Zu ihr und der jüngeren Schwester besteht zeitlebens eine enge Bindung. An Frankreichs Eliteschule École Normale Supérieure gehört Merleau-Ponty schnell zu den Besten. Hier studieren auch Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre und Simone Weil. Mit Simone de Beauvoir verbindet Merleau-Ponty bald eine enge Freundschaft. Doch während sie sich nach dem „wirklichen Leben“ sehnt, will er seine Kraft vor allem in den Dienst philosophischen Denkens stellen. Über de Beauvoir macht Merleau-Ponty die Bekanntschaft einer jungen Frau, mit der sich eine feste Beziehung entwickelt. Als sich deren Eltern nach Merleau-Pontys Familienverhältnissen erkundigen, finden sie schnell heraus, dass nicht Monsieur Merleau-Ponty, sondern ein Universitätsprofessor dessen leiblicher Vater ist – und untersagen ihrer Tochter jeden weiteren Umgang mit Maurice. Diese, in de Beauvoirs „Memoiren“ kurz Zaza genannt, erkrankt daraufhin schwer und stirbt wenige Wochen später.

Seit ihren Anfängen steht der intensive Gedankenaustausch zwischen der Philosophie und den Wissenschaften im Zentrum der Phänomenologie. Neben Edmund Husserl und Émmanuel Lévinas macht vor allem Aron Gurwitsch den jungen Philosophen auf die Zusammenhänge zwischen Phänomenologie und Gestaltpsychologie, Entwicklungspsychologie und Medizin aufmerksam. So übt Merleau-Ponty bereits in den 30er-Jahren ein interdisziplinäres Denken und Forschen ein, das für seinen weiteren Weg charakteristisch bleiben soll: „Die Philosophie ist überall, selbst in den ,Tatsachen‘ – und nirgends hat sie einen Bereich, in dem sie von der ansteckenden Wirkung des Lebens verschont bliebe“, schreibt er 1960 in „Signes“.

1942 erscheint „Die Struktur des Verhaltens“, zugleich Merleau-Pontys Dissertation. Hier behandelt er zwei für das bisherige Verständnis des Menschen einander gegenüber-stehende Positionen: die traditionell materialistisch ausgerichtete „physiologische Psychologie“ der Behavioristen und Reflexologen und den „intellektualistischen Kritizismus“ (Waldenfels) mancher Psychologen und Philosophen, für die die Welt letztlich aus Bewusstsein besteht. Merleau-Ponty zufolge sind beide Positionen nicht haltbar, er geht einen dritten Weg. Bereits Friedrich Nietzsche betont in seiner Philosophie immer wieder, dass der Leib mehr Beachtung verdiene als alle seelischen Regungen, die doch nur „etwas am Leibe“ seien: „Wesentlich: vom Leib ausgehen und ihn als Leitfaden benutzen. Er ist das viel reichere Phänomen, welches deutlichere Beobachtungen zulässt.“ Phänomenologen und Existenzphilosophen haben gezeigt, dass der Mensch sich durch „Weltoffenheit“ auszeichnet. Hätte er lediglich einen Körper, würde er die Welt um sich herum bloß als augenblickliche Gegenwart wahrnehmen, ohne erinnerte Vergangenheit und vorgestellte Zukunft. Der Leib, den Merleau-Ponty meint, ist also nicht der Körper der Anatomen, Physiologen und Verhaltensforscher. Bestehend aus den beiden „Blättern“ Bewusstsein und unbewusste Natur ist er Sitz von Aktivität, Wille und Intentionalität – „natürliches Ich“ und „inkarniertes Subjekt“, jene Anordnung der Welt, in der sie sich ihrer selbst bewusst wird. Im Alltag nehmen wir diesen Leib als Teil des Raumes wahr. Merleau-Ponty zufolge gilt jedoch das Gegenteil: „Endlich ist mein Leib für mich so wenig nur ein Fragment des Raumes, dass überhaupt kein Raum für mich wäre, hätte ich keinen Leib.“ Das heißt: Weil wir Leib sind, haben wir Raum, nicht umgekehrt.

Schlüsselbegriffe „Struktur“ und „Gestalt“
Indem Merleau-Ponty den menschlichen Leib als integrale Einheit auffasst, zeigt er zugleich, dass es unmöglich ist, diesen Leib in Schichten und Instanzen zu zerlegen, weil dadurch sein Wesen und seine Sinndimension verloren gingen. Schlüsselbegriffe seines Verständnisses dieses Leibs in der Welt sind daher „Struktur“ und „Gestalt“. Schon Wilhelm Dilthey hat den Aufbau des Seelenlebens strukturell gesehen: Seelisches existiert in Form ganzheitlicher Gliederung, Teile und Ganzes stehen in sinnvollem Zusammenhang. Zudem stützt Merleau-Ponty sich auf die Gestaltpsychologen (Wolfgang Köhler, Kurt Koffka, Kurt Goldstein, Viktor von Weizsäcker und andere). Mit ihnen sieht er sowohl die Dingwelt als auch die Welt des Bewusstseins als strukturell beschaffen an. Dabei betont Merleau-Ponty, dass er verschiedene Ebenen der Strukturbildung (Materie, Leben, Psyche, Geist) und nicht Substanzen wie Descartes oder Instanzen wie Sigmund Freud beschreibt. Jede Trieb- und Kausalpsychologie ist ihm zufolge unzulänglich. Er plädiert stattdessen dafür, menschliches Verhalten nicht auf Komplexe, Triebe und Traumata zurückzuführen, sondern darin verschiedene Ebenen der Stellungnahme zum Leben zu sehen.

1890 begründete Christian von Ehrenfels mit seinem Buch „Über Gestaltqualitäten“ die Gestaltpsychologie. Sie betont vor allem das Spontane und Schöpferische jeder Wahrnehmung: Menschen nehmen ganzheitlich und gestalthaft wahr, höhere Lebewesen lernen durch Einsicht, nicht durch „Versuch und Irrtum“. Ist unsere Wahrnehmung unvollständig, ergänzen wir in unserer Vorstellung, was uns zur Vollständigkeit fehlt. Der „Vater“ der Phänomenologie, Edmund Husserl, sah in einer richtig verstandenen Theorie von der Wahrnehmung alle Fragen menschlicher Erkenntnis zusammenlaufen. Mit ihm ist Merleau-Ponty der Auffassung, dass Wahrnehmung und Bewusstsein untrennbar miteinander verbunden seien. Sein zweites Hauptwerk „Phänomenologie der Wahrnehmung“ (1945) kann man als Fortsetzung der „Struktur des Verhaltens“ lesen. Hat er den Menschen zunächst „von außen“ betrachtet, versetzt er sich im zweiten Werk „in das Innere des Subjekts“. Ihm zufolge endet die Wahrnehmung des Menschen nicht bei seiner Haut; vielmehr erstreckt sich der geöffnete Leib bis zum Horizont des Sicht- und Fühlbaren. Dabei sind die Sinnesorgane „kleine Philosophen“, die in der Wahrnehmung Sinn generieren, wie umgekehrt der der Welt innewohnende Sinn mithilfe der Sinnesorgane für uns wahrnehmbar wird. So ist der gesamte Leib mit Dilthey und Merleau-Ponty Sinn-Sucher und Sinn-Schaffer, der in einer Welt dauernder Gefährdung dem Sein laufend „Sinn abringt“. Das ist nur möglich, weil dieser Leib mit einem seiner „Blätter“ aus demselben „Fleisch“ besteht wie die unbewusste Natur: „Der Leib vereinigt uns (. . .) direkt mit den Dingen (. . .): die sinnliche Masse, die er selber ist, mit der Masse des Empfindbaren, aus der er durch Ausgliederung hervorgeht und für die er als Sehender offen bleibt.“ („Das Sichtbare und das Unsichtbare“, 1964) Wären die Dinge um uns ganz „an sich“ und der Mensch ganz „für sich“, so käme Merleau-Ponty zufolge zwischen unserem Bewusstsein und der materiellen Welt keine Verbindung zustande. In der „Lebenswelt“ der Phänomenologie sind Subjekt und Objekt nicht scharf voneinander getrennt. Merleau-Ponty spricht vom „Zur-Welt-Sein des Menschen“ und einer „präobjektiven Welterfahrung“, in der sich der Leib „an die Welt hingibt“. Dabei ist der Leib „unser Ankerplatz in der Welt“. Nach Jean-Paul Sartre sind wir zur Freiheit verurteilt. Merleau-Ponty zufolge sind wir zugleich frei – als Bewusstsein – und unfrei – als unbewusste Natur.

1949 bis 1952 hat Merleau-Ponty einen Lehrstuhl für Kinderpsychologie und Pädagogik an der Pariser Sorbonne inne. In Übereinstimmung mit den Ergebnissen der Entwicklungs- und Säuglingsforschung sieht er den Menschen von Anfang an als soziales Wesen: „(. . .) muss ich (. . .) so etwas wie einen meine Individualität umgebenden ,Hof‘ von Allgemeinheit, eine Atmosphäre der ,Sozialität‘ erfassen.“ („Phänomenologie der Wahrnehmung“) Neben der Gestaltpsychologie bezieht er sich wesentlich auf Freuds Psychoanalyse. Bereits Sartre hat an Freuds Konzept kritisiert, dass die Annahme eines Über-Ich zu einer Verdopplung des Ich führe und damit erhebliche philosophische Schwierigkeiten mit sich bringe. Dem schließt Merleau-Ponty sich an, verliert dabei aber nicht aus dem Blick, was Freud an Neuem gefunden hat. So lassen sich etwa zwischen Freuds Unbewusstem und Merleau-Pontys Leib etliche Übereinstimmungen zeigen.

Bruch mit Sartre
Mit Sartre, de Beauvoir und anderen arbeitet Merleau-Ponty nach 1945 an der Zeitschrift „Les Temps Modernes“. 1952 kommt es zum Bruch zwischen Sartre und Merleau-Ponty. In seinem Aufsatz „Über Merleau-Ponty“ (1961) sieht Sartre den Grund dafür vor allem in unterschiedlichen Haltungen: Während er selbst sich als philososphischer Aktivist zunehmend einen radikalen marxistischen Standpunkt zu eigen macht, bleibt Merleau-Ponty zurückhaltend und skeptisch. Eine Anbiederung an den Staatskommunismus etwa der Sowjetunion ist mit seinem Selbstverständnis als Philosoph unvereinbar.

1952 wird Merleau-Ponty Professor am Collège de France – die höchste Auszeichnung für einen Gelehrten in Frankreich. Seine Antrittsvorlesung „Lob der Philosophie“ widmet er dem Andenken seiner Mutter. Am 3. Mai 1961 ist Maurice Merleau-Ponty in Paris gestorben.
Christof Goddemeier
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