ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2008Reihe Internationale Psychotherapie: Argentinien – Nationale Begeisterung für Psychotherapie

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Reihe Internationale Psychotherapie: Argentinien – Nationale Begeisterung für Psychotherapie

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 166

Sonnenmoser, Marion

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Das Behandlungsangebot ist vielfältig, der Zugang einfach und die Kosten sind niedrig. Argentinier nutzen Psychotherapie nicht nur als Heilmethode, sondern auch zur Persönlichkeitsentwicklung und Bewältigung alltäglicher Probleme.

Argentinien ist ein psychotherapiebegeistertes Land. Wie die Psychologin Beatriz Gómez von der Fundación Aiglé in Buenos Aires berichtet, gibt es kaum eine andere Nation, die so selbstverständlich psychologische und psychotherapeutische Dienstleistungen in Anspruch nimmt wie die Argentinier. Psychotherapie ist für sie ein bereicherndes Angebot in der allgemeinen Gesundheitsversorgung, über das offen gesprochen und das gern weiterempfohlen wird, weil kaum Scheu davor besteht. Daher nutzen Argentinier Psychotherapie nicht nur, wenn sie psychische Schwierigkeiten haben, sondern auch zur Bewältigung alltäglicher Probleme, zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Verbesserung ihrer Lebensqualität.

Die Berufsbezeichnung „Psychotherapeut“ ist in Argentinien weder klar definiert noch geschützt, und es existiert auch keine vorgeschriebene Berufsausbildung. Aus diesem Grund können Psychologen mit Universitätsabschluss Psychotherapie anbieten, ohne eine weiterführende Ausbildung absolviert zu haben. Mittlerweile halten viele Psychologen eine spezielle, psychotherapeutische Zusatzqualifikation jedoch für unerlässlich und nutzen das vielfältige Fortbildungsangebot, das seit den Siebzigerjahren von Universitäten, Gesundheitseinrichtungen und privaten Ausbildungsinstituten offeriert wird. Argentinische Psychologen mit oder ohne psychotherapeutische Zusatzausbildung teilen sich das Arbeitsgebiet mit Ärzten, meistens Psychiatern, die ebenfalls ohne Zusatzausbildung Psychotherapie anbieten dürfen. Zurzeit gibt es in Argentinien circa 40 000 psychotherapeutisch Tätige; davon sind 35 000 klinische Psychologen und 5 000 Psychiater. Damit kommen 133 psychotherapeutisch Tätige auf je 100 000 Einwohner, wobei die meisten von ihnen (85 Prozent) weiblich sind.

Eine psychologische Ausbildung ist in Argentinien seit 1956 möglich. Seither wurde das Ausbildungsangebot ständig erweitert, sodass mittlerweile 34 öffentliche und private Universitäten und Ausbildungsinstitute Abschlüsse in Psychologie anbieten; die größten Anbieter sind die Universitäten von Buenos Aires, Córdoba und Rosario.

Traditionell psychoanalytisch orientiert
Die Psychotherapie in Argentinien ist traditionell psychoanalytisch orientiert. Die Ursachen dafür sind in den 30er-Jahren zu suchen, als viele europäische Psychoanalytiker nach Argentinien einwanderten und die aufkeimende psychotherapeutische Kultur des Landes entscheidend prägten. Lange Zeit standen die Lehren Freuds und Kleins im Vordergrund, während in den 70er-Jahren das Gedankengut des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan an Bedeutung gewann. In den 80er-Jahren wuchs das Interesse an systemischer Therapie und zugleich an alternativen Herangehensweisen wie humanistischer Therapie, Psychodrama und Gestalttherapie; Letztere blieben jedoch stets außerhalb des Mainstreams. Ende der 80er-Jahre wurde die kognitive Therapie populär, und seit den 90er-Jahren versuchen Psychotherapeuten aller Schulen, die verschiedenen Ansätze zu integrieren. Obwohl die bedeutendsten psychotherapeutischen Ansätze „importiert“ wurden, gibt es auch landestypische Besonderheiten. Typisch für Argentinien ist zum Beispiel die Zusammenarbeit von Psychotherapeuten mit traditionellen Heilern, welche besonders im Süden des Landes praktiziert wird und bei der die kulturellen Werte und Weltanschauungen der eingeborenen Bevölkerung berücksichtigt werden.

Einen Einschnitt erfuhr die breite und vielfältige Psychotherapielandschaft Argentiniens durch die Wirtschaftskrise in den Jahren 1998 bis 2002. Sie brachte finanzielle Einschränkungen und erhebliche Versorgungsprobleme mit sich, die bis heute nicht gelöst sind. Viele Menschen sind seither verarmt, gleichzeitig steigt der Bedarf an psychotherapeutischer Beratung und Behandlung von Problemen, die durch Arbeitslosigkeit, niedriges Einkommen und schlechte Arbeitsbedingungen verursacht werden. Die Wartelisten für Psychotherapie und psychologische Beratung sind jedoch lang, und es gibt zu wenige Therapeuten, um den Bedarf zu decken. Um die Mindestversorgung aufrechtzuerhalten, werden viele Patienten aus der Unterschicht mit Kurzzeittherapien behandelt.

Dreiklassensystem
In Argentinien hat sich in den letzten Jahren im Hinblick auf die psychotherapeutische Versorgung ein Dreiklassensystem herausgebildet, das hauptsächlich von der Mittelschicht genutzt und zum Teil überbeansprucht wird. Für die Ärmsten der Armen bietet das staatliche Gesundheitssystem eine kostenlose Grundversorgung, die auch Psychotherapie beinhaltet. Daneben gibt es zwei weitere Systeme, die Ähnlichkeiten mit dem deutschen Gesundheitssystem aufweisen, insbesondere mit der gesetzlichen und privaten Kran­ken­ver­siche­rung. In beiden Systemen gibt es zunehmend Überschneidungen, und sie werden außerdem immer öfter von ein und derselben Organisation angeboten. Das hat einerseits zur Folge, dass Psychotherapie für immer mehr Menschen zugänglich wird, andererseits müssen Psychotherapeuten seit einigen Jahren Honorareinbußen hinnehmen und stehen verstärkt unter Druck, kostenorientiert zu arbeiten, was zu einer Zunahme zeitlich begrenzter, kognitiv-verhaltenstherapeutischer Interventionen und zu einer Abnahme lang dauernder, psychoanalytischer oder psychodynamischer Therapien geführt hat.

Eine weitere Entwicklung, die argentinischen Psychotherapeuten und Psychologen Sorge bereitet, ist die steigende Popularität von Psychopharmaka. Seit circa 15 Jahren verschreiben Psychiater und Ärzte psychisch erkrankten Patienten immer größere Medikamentenmengen und schwächen damit zunehmend den guten Ruf, den die Psychotherapie in Argentinien genießt.

„Die ökonomische Krise hat aber auch ihre guten Seiten“, meint Gómez. Durch die Ressourcenknappheit und den steigenden Bedarf seien Ärzte und Psychotherapeuten gezwungen, ihr Angebot zu erweitern und neue Methoden zu integrieren. Sie müssten flexibel und kreativ reagieren und die Therapie individueller auf die Patienten abstimmen. Daraus ergibt sich fast zwangsläufig eine stärkere Kooperation zwischen den Vertretern verschiedener Disziplinen und Schulen. Multimodale, psychotherapeutische Behandlungsangebote mit einer breiten theoretischen Fundierung, die unter anderem psychodynamische, behaviorale, humanistische, systemische und kognitiv-soziale Ansätze und Techniken umfasst, sind daher in manchen argentinischen Gesundheitseinrichtungen keine Seltenheit mehr.

Behandlungsmöglichkeiten am Beispiel von Frau A.
In Argentinien hat eine psychisch stark belastete oder erkrankte Person wie Frau A. (siehe Fallbeispiel) mehrere Möglichkeiten, sich helfen zu lassen. Sie kann sich beispielsweise in einem öffentlichen Krankenhaus oder staatlichen Gesundheitszentrum melden und eine kos-tenlose Behandlung in Anspruch nehmen. Sie kann auch eine staatlich oder privat verwaltete Non-Profit-Organisation im Gesundheitswesen aufsuchen, braucht dafür aber eine ärztliche Überweisung. Dem Therapeuten muss sie aus eigener Tasche nichts oder ein geringes Basishonorar bezahlen, darf ihn sich aber nicht aussuchen. Sie kann sich auch in einer privaten Praxis oder Institution vorstellen und muss nur einen geringen Eigenbeitrag beziehungsweise kein Honorar für die Behandlung entrichten. Darüber hinaus gibt es weitere Anlaufstellen für psychisch Erkrankte, die beispielsweise von der Kirche oder religiösen Organisationen angeboten werden.

Wenn Frau A. sich für die Behandlung in einem öffentlichen Krankenhaus oder Gesundheitszentrum entscheidet, muss sie sich einen Termin geben lassen und eine Wartezeit von ein bis acht Monaten einplanen. Nach dem Erstinterview wird sie einem Psychiater, einem Psychologen oder einem spezialisierten Therapeutenteam zugewiesen. Die Behandlung ist vorwiegend psychoanalytisch orientiert, es werden aber gelegentlich auch integrative, systemische oder kognitive Ansätze sowie Einzel-, Gruppen- und Familientherapie, eventuell kombiniert mit Medikation, angeboten. In der Regel wird die Familie in die Therapie eingebunden, bei Bedarf auch einer eigenen psychotherapeutischen Behandlung zugeführt. Die Psychotherapie umfasst zehn bis 30 Sitzungen mit einer Verlängerungsoption um 30 Sitzungen. Die Sitzungen werden ein- bis zweimal pro Woche durchgeführt. Zusätzlich wird oft Gruppentherapie ohne zeitliche Einschränkung angeboten.

Einbeziehung der Familie
Sucht Frau A. hingegen eine Non-Profit-Organisation auf, wird sie von einem Psychotherapeuten oder Psychiater behandelt. Bei den acht bis 30 Sitzungen ist teilweise die Familie zugegen, die vom Therapeuten ebenfalls untersucht und beraten wird. Die Behandlung ist wahrscheinlich psychoanalytisch orientiert, im Fall von Frau A. möglicherweise auch kognitiv-behavioral, und dauert drei bis sieben Monate. Es besteht für Patienten die Möglichkeit, sich nach der dritten Sitzung finanziell zu beteiligen und dann eine Therapie von unbegrenzter Dauer in Anspruch zu nehmen.

In einer privaten Institution wird Frau A. einem spezialisierten Therapeuten zugewiesen, der ebenfalls die Familie in die Therapie einbezieht. Die Therapie ist meistens individuell auf den Patienten abgestimmt und psychoanalytisch, integrativ oder systemisch orientiert; kognitive Therapie ist dagegen eher unüblich. Meistens ist die Behandlung multimodal und als Einzeltherapie, seltener als Gruppentherapie angelegt. Mit einer Dauer von zwei und mehr Jahren ist zu rechnen.

Neben den genannten Institutionen gibt es für Frau A. und ihre Familie weitere Möglichkeiten, ihre psychischen Probleme und psychosozialen Belastungen behandeln zu lassen. Beispielsweise kann sie eine der zahlreichen staatlichen und privaten Einrichtungen aufsuchen, die Schutz und Beratung bei häuslicher Gewalt bieten, und ihre Kinder kann sie einem pädagogischen Psychologen oder „Psychopädagogen“ vorstellen. Dabei handelt es sich um qualifizierte Fachleute, die Lernstörungen und Probleme rund um das Lernen diagnostizieren und Interventionen anbieten, mit denen Lernprozesse gefördert werden können. Das Honorar von Psychopädagogen ist oft variabel und orientiert sich an den finanziellen Möglichkeiten der Klienten.

Die Begeisterung der Argentinier für Psychotherapie lässt sich begründen mit dem vielfältigen Angebot, dem einfachen Zugang, den niedrigen Kosten und der Möglichkeit, unterschiedliche Verfahren auszuprobieren oder gleichzeitig anzuwenden. Nach Meinung von Gómez spielen aber auch Mentalität und Einstellung der Argentinier zur Psychotherapie eine Rolle. Argentinier sehen Psychotherapie nicht nur als Heilmethode bei psychischen Erkrankungen an, sondern sind daran interessiert, sich und andere Menschen zu ergründen und Ideen auszutauschen. In der Psychotherapie finden sie dafür den geeigneten Rahmen und zugleich die nötige Unterstützung, um schwierige Zeiten wie beispielsweise die jüngste Wirtschaftskrise besser durchzustehen.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt:
Beatriz Gómez, Fundación Aiglé, Virrey Olaguer y Feliú 2679, C1426EBE Buenos Aires, Argentina,
E-Mail: fundacion@aigle.org.ar


Fallbeispiel
Frau A. ist 30 Jahre alt, verheiratet und leidet unter Depressionen. Sie klagt vor allem über ein geringes Selbstwertgefühl, Hoffnungslosigkeit, Schlaf- und Konzentrationsprobleme, Abgeschlagenheit und Libidoverlust. Darüber hinaus hat sie Ängste und sorgt sich um ihre Kinder, Ehe und finanzielle Situation. Suizidgedanken oder -absichten, psychotische Symptome, eine bipolare Störung oder auffällige medizinische Befunde sind nicht feststellbar. Psychische Belastungen bereiten ihr vor allem gewaltsame Ehestreitigkeiten und die Verhaltensauffälligkeiten ihrer beiden Kinder. Der zehnjährige Sohn ist schlecht in der Schule, spricht nicht und lässt sich nicht von ihr bei den Hausaufgaben helfen. Die achtjährige Tochter lebt sehr zurückgezogen, hat keine Freundinnen, wird von anderen Mädchen gemieden und möchte nicht mehr zur Schule gehen. Eine weitere Belastung stellen die Eltern von Frau A. und die mit im Haus lebende Schwiegermutter dar, weil sie das Ehepaar A. häufig kritisieren.
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1.
Fernández-Álvarez H: Clinical psychology in Latin America. In: Bellack AS, Hersen M, Comprehensive clinical psychology, vol. 2: Professional issues. Exeter: Pergamon 1998.
2.
Garcia HD: Some variables associated with psychologists’ appraisal of psychotherapy in Argentina. The Spanish Journal of Psychology 2005; 8(2): 221–8.
3.
Gómez B: Psychotherapy in Argentina: A clinical case from an integrative perspective. J Clin Psychol 2007; 63(8): 713–23.
1. Fernández-Álvarez H: Clinical psychology in Latin America. In: Bellack AS, Hersen M, Comprehensive clinical psychology, vol. 2: Professional issues. Exeter: Pergamon 1998.
2. Garcia HD: Some variables associated with psychologists’ appraisal of psychotherapy in Argentina. The Spanish Journal of Psychology 2005; 8(2): 221–8.
3. Gómez B: Psychotherapy in Argentina: A clinical case from an integrative perspective. J Clin Psychol 2007; 63(8): 713–23.

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