ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2008Jugendliche: Wo Aggressivität im Gehirn entsteht

Referiert

Jugendliche: Wo Aggressivität im Gehirn entsteht

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 168

Meyer, Rüdiger

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ein beschleunigtes Wachstum der Corpora amygdaloidea, der für die Verarbeitung von Emotionen zuständigen „Mandelkerne“ im Temporalhirn, ist für das aggressive Verhalten von Jugendlichen zu Beginn der Pubertät verantwortlich. Das wollen australische und US-amerikanische Forscher laut einer Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences herausgefunden haben. Erst wenn im jungen Erwachsenenalter inhibitorische Verbindungen zum Präfrontalhirn geschaltet werden, dürfen Eltern und Erzieher auf einen leichteren Umgang mit den Jugendlichen hoffen.

Der Psychologe Nicholas Allen vom Orygen Research Centre in Melbourne/Australien ließ die Gespräche von Eltern und ihren frühpubertierenden Kindern (Alter elf bis 14 Jahre) per Video aufzeichnen. Themen waren die üblichen Streitpunkte wie Hausaufgaben, Schlafzeiten und Handyrechnungen. Die Psychologen bewerteten, wie die Jugendlichen auf die Vorhaltungen ihrer Eltern reagierten, und setzten dies mit den kernspintomografischen Aufnahmen in Beziehung, die sie bei den Teenagern angefertigt hatten. Dabei entdeckten sie, dass die Kinder mit den heftigsten emotionalen Reaktionen die größten Amygdalae hatten.

Die Amygdalae sind beiderseits im medialen Teil des Temporallappens lokalisiert. Sie sind Teil des limbischen Systems. Hirnforscher schreiben ihnen, grob vereinfacht, eine vermittelnde Rolle zwischen Gefühlsleben und Vernunft zu. Das Ergebnis wird dann über den Hypothalamus an das sympathische Nervensystem weitergeleitet.

Beim Erwachsenen stehen die Amygdalae unter der Kontrolle präfrontaler Hirnzentren, die Sitz des verantwortlichen Handelns sind. Diese Verbindungen werden in der Pubertät relativ spät angelegt, wie die Forschergruppe „Teenage Brain“ am US-amerikanischen National Institute of Mental Health (NIMH) schon vor Jahren festgestellt hat. Die Wissenschaftler haben eine Gruppe von Kindern während der Pubertät begleitet und regelmäßig kernspintomografische Aufnahmen gemacht.

Das Ergebnis sind 3-D-Animationen zur Hirnentwicklung während der Kindheit. Sie zeigen, dass im Alter von sechs bis 13 Jahren vor allem die weiße Hirnsubstanz, also die „Drähte“, zunimmt. In dieser präpubertären Phase entwickeln sich auch die Zentren zur Sprachentwicklung und zum räumlichen Vorstellungsvermögen stark. Diese Entwicklung stoppt etwa im Alter von zwölf Jahren.

Während der Pubertät kommt es dann zu einem stärkeren Wachstum der grauen Hirnsubstanz, also der Schaltstellen im Gehirn. Diese Entwicklung schreitet in den Amygdalae schneller voran als im Präfrontalhirn. Dadurch entgleiten die Amygdalae für einige Zeit den inhibitorischen Einflüssen des Frontalhirns. Die aktuellen Forschungsergebnisse fügen sich plausibel in dieses Konzept ein.

Jugendliche mit raschem Wachstum der Amygdalae wären demnach eher gefährdet, dem erzieherischen Einfluss von Eltern und Lehrern zu entgleiten, was bei Jungen in der Kernspintomografie deutlicher zu erkennen war als bei Mädchen. Die daraus folgenden Verhaltensstörungen halten so lange an, bis auch die präfrontalen Hirnzentren ausgereift sind. rme

Abstract der Studie: www.pnas.org/cgi/content/abstract/0709815105v1
Informationen des US-amerikanischen National Institute of Mental Health: www.nimh.nih.gov/health/publications/teenage-brain-a-work-in-progress.shtml
Orygen Research Centre: www.orygen.org.au/
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema