ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2008Asylbewerber: Kein akuter Schmerzzustand

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Asylbewerber: Kein akuter Schmerzzustand

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 169

Gieseke, Sunna

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Foto: picture alliance
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Kranke Menschen gehen zum Arzt und werden behandelt. Für Asylbewerber gelten allerdings zahlreiche Einschränkungen.

Hassan Serdar* hat in seinem Heimatland Syrien, nahe der türkischen Grenze, sein Bein durch eine Landmine verloren. Da war er 14 Jahre alt. Dies sollte aber nicht das einzige traumatische Erlebnis seines Lebens bleiben. Über ein Jahr lang saß der heute 34-Jährige bereits im Gefängnis. Er kann das Erlebte nur schwer in Worte fassen, und Erklärungen hierfür gehen in der Übersetzung verloren. Eines betont der jugendlich wirkende Mann aber immer wieder: Er wurde gefoltert. Die Demütigungen durch die Gefängniswärter haben sich in seine Psyche eingebrannt. Äußere Spuren hat er nicht davongetragen, und genau das ist sein Problem. Sein Asylantrag wurde abgelehnt: Er gilt als unglaubwürdig.

Zunächst muss Hassan sich hier in Deutschland, dem Land, in dem er sich ein besseres Leben erhoffte, mit ganz anderen Problemen auseinandersetzen. Er braucht dringend eine neue Prothese. Ärzte haben ihm bescheinigt, dass man die alte Prothese nicht erneut reparieren kann. Sein Beinstumpf ist rot, fast lila. Man kann die Druckstellen deutlich sehen und die Schmerzen fast mitfühlen, die beim Gehen mit der alten Prothese entstehen müssen.

Wie Hassan geht es vielen Asylsuchenden in Deutschland. Im ersten Halbjahr 2007 wurden laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 8 465 Asylanträge gestellt. Größtenteils kommen die Flüchtlinge aus Serbien, dem Irak und der Türkei. Im Zeitraum von Januar bis Juni 2007 hat das Bundesamt 13 557 Entscheidungen getroffen: „114 Personen (0,9 Prozent) wurden als Asylberechtigte anerkannt“, heißt es lapidar in der Statistik.

Für die Menschen hinter der Statistik fallen medizinische Leistungen unter das Asylbewerberleistungsgesetz. 1995 haben etwa 500 000 Menschen die Regelleistungen nach diesem Gesetz erhalten; 2005 waren es 200 000. Die Ausgaben haben sich in dieser Zeit auf 1,2 Milliarden Euro halbiert. Nur Leistungen zur Behandlung akuter Erkrankungen und von Schmerzzuständen werden gewährt – eine Formulierung, die viel Spielraum für Interpretationen lässt.

„Das kann chronische Erkrankungen und Therapien ausschließen, die von langfristiger Natur sind. Manchmal heißt es dann seitens der Sozialämter, dass die Asylbewerber nicht so lange bleiben und sie die notwendigen Therapien auch in der ursprünglichen Heimat machen können“, erklärt Anni Kammerlander, Geschäftsführerin bei Refugio, einem Beratungs- und Behandlungszentrum in München, das Menschen unterstützt, die aufgrund von Folter, politischer Verfolgung oder kriegerischen Konflikten ihr Herkunftsland verlassen mussten und in Deutschland im Exil leben. Zunehmend wird im Asylverfahren nur noch geprüft, ob im Herkunftsland eine Behandlung möglich ist. Immer häufiger beobachtet Kammerlander dieses Phänomen. „Oft reicht es, wenn es im Heimatland einen Psychiater gibt. Ob die Betroffenen tatsächlich einen Zugang zu der ärztlichen Hilfe haben, beachten die Behörden nicht.“

So ist es auch einer Afrikanerin ergangen: Sie hatte tiefe Verbrennungen am rechten Arm und eine Ellbogenfraktur – der Grund: Folter. „Da hieß es: Nein, das muss nicht behandelt werden. Das ist schon ein halbes Jahr her. Außerdem bleibt die Frau nicht lange hier. Die soll es zu Hause behandeln lassen“, erinnert sich Kammerlander. Ihr Kollege Jürgen Soyer, Sozialpädagoge bei Refugio München, betont aber, dass die Zusammenarbeit mit den Ämtern sehr wichtig sei und in den meisten Fällen auch gut funktioniere. Bloß seien diesen durch die Gesetzeslage die Hände gebunden.

Ein weiteres Problem sieht das Team aus Sozialpädagogen und Psychotherapeuten darin, dass die meisten Asylbewerber kein oder kaum deutsch sprechen. „So können sie nicht ausdrücken, was ihnen fehlt“, erklärt die Fachärztin für Psychotherapie und Psychoanalyse, Dr. med. Waltraut Wirtgen. Hierdurch sei es für Ärzte erschwert, akute Schmerzen zu lokalisieren und diese zu behandeln. Für die Asylbewerber sei es zudem nahezu unmöglich, ihre traumatischen Erlebnisse auszudrücken.

Der unterschiedliche kulturelle Umgang mit Krankheiten werde zu einem zusätzlichen Hindernis. Die verschiedenen Kulturen haben teilweise eigene sprachliche Bilder vom Körper. „Meine Leber brennt“ – das verstehen die wenigsten deutschen Ärzte. Die Leber hat beispielsweise in der türkischen Kultur eine andere Bedeutung als hier in Deutschland. „Meine Leber brennt“ ist dort ein Ausdruck für einen starken seelischen Schmerz. Hierzulande sagt man eher, dass einem das Herz wehtut. Das ist ein Signal für deutsche Ärzte, dass eine seelische Erkrankung vorliegen könnte. „Dolmetscher werden in Kliniken nur selten und in Praxen gar nicht zur Verfügung gestellt. Sie würden eine Kommunikation aber sehr erleichtern. Es passiert daher häufig, dass Kinder für ihre Eltern übersetzen müssen“, sagt Wirtgen. Dies könne für die Kinder zu einer großen psychischen Belastung werden.

Wenn die Asylbewerber überhaupt anfangen, das Erlebte zu erzählen, geschieht dies häufig in Bruchstücken, und es ist nicht direkt eine komplette chronologische Geschichte. „Das Ganze ist ein Mosaik, was dann erst zusammengesetzt werden muss“, erklärt Wirtgen. Dafür brauche man vor allem viel Zeit und Geduld. Nach einer langen Odyssee landen viele von ihnen dann in Hilfezentren, wie dem Refugio in München. „Die Asylbewerber glauben häufig an gar nichts mehr. Ihnen wurde der Glaube an das Gute genommen. Was würde passieren, wenn sie abgeschoben werden? Dann werden sie mit dem konfrontiert, vor dem sie geflohen sind“, empört sich Wirtgen.

Auch Hassan drohen weitere zwei Jahre Haft und Folter in Syrien. Er schluckt, wenn er von den Elektroschocks und den Erniedrigungen spricht, die seinen Willen brechen sollten, damit er mit der Regierung zusammenarbeiten würde. Nächtelang wurde er vom Schlafen abgehalten, er musste sich nackt ausziehen und wurde verhört. Als er schließlich in eine Einzelzelle kam, wollte er nicht mehr leben.

Seit dem 15. August 2006 ist er in Deutschland und humpelt seitdem mit einer kaputten Prothese umher. Schon selbstverständliche Dinge, wie zum Beispiel eine Toilette aufzusuchen, fallen ihm schwer. In seiner Münchner Unterkunft liegen die Sanitäranlagen außerhalb des Gebäudes. Für jemanden, dem das Laufen sehr schwerfällt, kann dieser Weg sehr lang werden. „Aber je besser die Unterbringung ist, desto schneller können sie sich auch erholen“, erklärt Wirtgen. Hassan aber wollte gar nicht unbedingt nach Deutschland. Die Schlepperbande hat ihn mit einem falschen Ausweis hierher gebracht.

Die neue Prothese für Hassan hält das Sozialamt nicht für notwendig: Der entsprechende Antrag wurde abgelehnt. Begründung: „Es ist Ihnen zuzumuten, das Ende Ihres Asylverfahrens abzuwarten.“ Der Sozialpädagoge Soyer weiß aber: „Das Verfahren kann noch Jahre dauern. In der Praxis zieht es sich einfach. Und der Schmerzzustand schleppt sich dann auch.“
Sunna Gieseke


Gesetzeslage
Asylbewerberleistungsgesetz
§ 4 Leistungen bei Krankheit, Schwangerschaft und Geburt

(1) Zur Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände sind die erforderliche ärztliche und zahnärztliche Behandlung einschließlich der Versorgung mit Arznei- und Verbandmitteln sowie sonstiger zur Genesung, zur Besserung oder zur Linderung von Krankheiten oder Krankheitsfolgen erforderlichen Leistungen zu gewähren. Eine Versorgung mit Zahnersatz erfolgt nur, soweit dies im Einzelfall aus medizinischen Gründen unaufschiebbar ist.

(2) Werdenden Müttern und Wöchnerinnen sind ärztliche und pflegerische Hilfe und Betreuung, Hebammenhilfe, Arznei-, Verband- und Heilmittel zu gewähren.

(3) Die zuständige Behörde stellt die ärztliche und zahnärztliche Versorgung einschließlich der amtlich empfohlenen Schutzimpfungen und medizinisch gebotenen Vorsorgeuntersuchungen sicher. Soweit die Leistungen durch niedergelassene Ärzte oder Zahnärzte erfolgen, richtet sich die Vergütung nach den am Ort der Niederlassung des Arztes oder Zahnarztes geltenden Verträgen nach § 72 Abs. 2 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch. Die zuständige Behörde bestimmt, welcher Vertrag Anwendung findet.
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