ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2008Richtlinien: Kartellrechtliche Überprüfungen gefordert
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LNSLNS Ich möchte Herrn Prof. Zurhorst herzlich für seinen oben genannten Leserbrief hinsichtlich der Aussagen von Prof. Dr. Dietmar Schulte danken.

Man hat ja eigentlich gar keine Lust mehr, sich mit der Frage der wissenschaftlichen Anerkennung „neuer“ Therapieverfahren beziehungsweise deren möglicher Aufnahme in den Kreis der Richtlinienverfahren, also mit Äußerungen des WBP oder des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses, zu beschäftigen – die daraus resultierenden eigenen oder identifikatorisch übernommenen Selbstunwirksamkeitserfahrungen und deren Affektregelung sind auf Dauer doch einfach zu anstrengend.

Wir alle (!) wissen, dass dies aus-schließlich an den vorhandenen und etablierten Machtverhältnissen (inklusive deren Auswirkungen auf Forschungsmittel und -kapazitäten), also letztlich an erfolgreicher Lobbytätigkeit liegt –, und die Aussagen von Prof. Schulte in ihrer Einordnung durch Prof. Zurhorst zeigen dies so deutlich, dass wir uns eigentlich weitere entlarvende Interviews mit derartigen Protagonisten wünschen.

Jüngere Kolleg(inn)en können sich vermutlich kaum ein Bild von der Psychotherapielandschaft machen, wie diese einige Jahre vor dem Psychotherapeutengesetz (PTG) ausgesehen hat. Etwa so, dass viele, wahrscheinlich die überwiegende Mehrheit von uns Psychotherapeut(inn)en (die wir ja selbst ein durchaus nicht neurosenarmes Völkchen sind) unser eigenes Heil in anderen Verfahren, also Nichtrichtlinienverfahren, suchten und uns dann – quasi evidenzbasiert – auch in diesen Verfahren haben ausbilden lassen, um deren Inhalte, Methoden und vor allem therapeutische Haltungen mit Überzeugung auch im Therapie-Patienten-Bereich anzuwenden.

Diese Zeiten sind vorbei, und junge Kolleg(inn)en sind wahrscheinlich, abgesehen von möglichen fachlichen Interessen, kaum noch finanziell und zeitlich bereit oder in der Lage, umfangreichere Nichtrichtlinienverfahren zu erlernen. Allenfalls wegen dringender eigener Therapiewünsche werden diese noch aufgesucht, kaum ein Verhaltenstherapeut scheint sich zum Beispiel einer Verhaltenstherapie anvertrauen zu wollen.

Das PTG hat den Richtlinienverfahren eine unglaubliche Ausweitung der Ausbildungszahlen sowie die Gründung zahlreicher lukrativer zusätzlicher Ausbildungsinstitute beschert – wobei dieses Wort sicher falsch gewählt ist, denn es handelte sich um keine Bescherung durch einen Weihnachtsmann, sondern um das Ergebnis erfolgreicher Lobby-tätigkeit – also um eine Art Selbstbedienung – meiner Ansicht nach ein linker Griff in die Kassen, Hirne und Tätigkeiten vieler – meiner Ansicht nach der meisten – älteren Kolleg(inn)en.

Psychotherapieverfahren sind sozusagen die Medikamente der Psychotherapeuten und Therapieschulen sowie Ausbildungseinrichtungen, und damit auf dieser Ebene mit miteinander konkurrierenden Pharmafirmen oder -konzernen zu vergleichen.

Die berufspolitischen Tätigkeiten von Prof. Dr. Schulte und seinen Ausschusskollegen wären insofern ähnlich zu behandeln beziehungsweise zu kennzeichnen, wie die Tätigkeiten von anderen Autoren und Wissenschaftlern, die sowohl forschen und publizieren als auch finanziell mit Pharmafirmen verbandelt sind und jetzt Erklärungen abgeben müssen, die den Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors entsprechen.

Es ist an der Zeit, die vor allem auch wirtschaftlich ins Auge stechenden Vorteilsnahmen von Referenten, Wissenschaftlern und Ausschussmitgliedern für sich selbst oder die eigene Klientel hinsichtlich der Dienstverhältnisse (Dozent, Berater, Leiter . . .) und Inhalte zu Ausbildungseinrichtungen oder gar hinsichtlich bestehender Eigentumsanteile an solchen Ausbildungseinrichtungen zu benennen, also am Schluss des Artikels eine Aussage über bestehende oder nicht bestehende Interessenkonflikte anzufügen.

Außerdem möchte ich dazu anregen, die Frage der Richtlinientherapie auf die Ebene zu heben, auf die sie sowohl wirtschaftlich gesehen wie auch in Hinblick auf das monopol-artige Abspracheverhalten der Verfahrensfunktionäre gehört: meiner Ansicht nach sind dringend kartellrechtliche Überprüfungen angesagt, denn die „Psychotherapielandschaft verödet“ nicht, wie die Überschrift im Leserforum nahelegt, sie wird – wie im richtigen Leben – von zwei Saatgutmonopolisten mit Monokulturen überzogen.

Interessenkonflikt: Zugehörig zum Lehrkörper von EAG/FPI (Integrative Therapie), Mitarbeit in der AFE (Funktionelle Entspannung nach Marianne Fuchs), Mitgliedschaften in EMDRIA (EMDR), DGBFB (Biofeedback), DGS (Schmerztherapie) und der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung.

Jürgen Abresch, Dipl.-Psych., M.A., Psychologischer Psychotherapeut (PT & VT), Hinterstraße 31, 57072 Siegen
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