ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2008Drei Wochen Auszeit in Peru: „Un problema social“

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Drei Wochen Auszeit in Peru: „Un problema social“

Dtsch Arztebl 2008; 105(15): A-805 / B-701 / C-689

Hildebrand, Heiko

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Wegen der finanziellen Nöte spielt die Anamnese eine herausragende Rolle. Heiko Hildebrand während einer Sprechstunde Fotos: privat
Wegen der finanziellen Nöte spielt die Anamnese eine herausragende Rolle. Heiko Hildebrand während einer Sprechstunde Fotos: privat
Ein kardiologischer Einsatzbericht aus den Anden

Knapp zehn Millionen Menschen leben in Lima, der Hauptstadt Perus. Im Zentrum, in den Vierteln um die Plaza Mayor, entsteht der Eindruck, als ob alle gleichzeitig unterwegs wären. Im Stadtteil Pueblo Libre geht es beschaulicher zu. Vorbeigehende und Besucher der „Policlinico San Ezequiel Moreno“ schauen neugierig auf den Aushang neben dem vergitterten Eingang. Werden sie in meine Sprechstunde kommen? Ich bin hoffnungsvoll: Die Konsultationen sind gratis, und die Möglichkeit, sich von einem deutschen Arzt behandeln zu lassen, werden sich nicht viele entgehen lassen, beruhigt mich Schwester Aura Esther.

Die Ärzte arbeiten gern hier
Ich gönne mir eine kleine Auszeit: drei Wochen Peru. Seit mehreren Jahren arbeite ich als Kardiologe mit Schwestern einer Glaubenskongregation zusammen. In der von ihnen geleiteten Poliklinik „San Ezequiel Moreno“ werden ambulante Leistungen angeboten. Hierher kommen Menschen der unteren Schichten. Die Kosten der Behandlung, die in einem Land mit nur geringem Versichertenanteil in der Regel selbst getragen werden müssen, sind niedriger als in staatlichen oder privaten Einrichtungen. Die Ärztinnen und Ärzte, die an verschiedenen Tagen Sprechstunden abhalten, arbeiten gern hier. Neben der Abwechslung zur Krankenhausroutine sind dafür die entspannte Atmosphäre, die Fürsorge der Schwestern und der Zuverdienst verantwortlich. Schnell kommen wir ins Gespräch und tauschen Erfahrungen aus. Ich lerne die Arbeitsplätze meiner Kollegen in Krankenhäusern der Stadt kennen, indem ich zu Hospitationen eingeladen werde. Konzentriert, aber immer gut gelaunt, agieren emsig viele Ärzte und Schwestern um die Patienten. Besonders beeindrucken mich die aufwendige Dokumentation der Abläufe ohne Computer und die patientennahe Weiterbildung.

Neben dem organisierten Ablauf kümmern sich die Ordensschwestern aufopferungsvoll um mittellose Bedürftige: So gibt es einen öffentlichen Speisesaal, in dem Mahlzeiten fast kostenfrei ausgegeben werden. Kleidung und Medikamente werden für sie in großen Kartonagen zum Preis der Zollgebühren von Organisationen aufgekauft. Bei Letzteren handelt es sich um Apothekenrückgaben aus europäischen Ländern.

Mein Behandlungszimmer ist übersichtlich: Tisch, Liege und zwei Stühle, ein Blutdruckmessgerät, einige Poster über verbreitete Krankheiten und vermeidbare Gefahren des Lebens. Ich habe zunächst Zeit, mir alles anzusehen, bis die ersten Patienten kommen. Bluthochdruck und Diabetes sind mir vertraute Krankheiten, ich hätte sie hier in geringerer Zahl erwartet. Die Anamnese spielt vor dem Hintergrund der finanziellen Engpässe eine herausragende Rolle. Ich muss gut abwägen, wen ich ins Labor oder zu einer apparativen Folgeuntersuchung schicke.

Die in Lima ansässigen Glaubenskongregationen arbeiten zusammen. So erweitert sich mein Aufgabenkreis. Ich werde zu Konsultationen in das Pflegeheim Santa Maria de la Esperanza nach Chosica (eine Autostunde vom Zentrum entfernt) gebeten, das von Franziskanermönchen verwaltet wird. Ich sehe etwa 20 Patienten, verändere in Absprache mit dem vor Ort tätigen Allgemeinarzt Therapien, veranlasse einfache Diagnostik. Bei einer 50-jährigen Patientin sind eine Computertomografie des Schädels und bei einem 63-jährigen Patienten ein Hörgerät erforderlich, wofür sich mit Geduld und Initiative Möglichkeiten finden.

Ein schweres Schicksal
Während der Sprechstunde im Pflegeheim erhalte ich einen Anruf in vertrauter Sprache. Die deutsche Ordensschwester Elisabeth bittet mich, eine Patientin anzusehen, die an einer Herzerkrankung leiden soll. Schwester Elisabeth, 81 Jahre alt, gehört zur Kongregation der Ursulinen und arbeitet seit 55 Jahren in Lima. Ich lerne die Patientin, Señora Maria Reyes, am nächsten Tag kennen. Sie lebt weit draußen in Comas. Hier kommen die Menschen an, die für die Verheißung auf ein besseres Lebens in der Großstadt aus ländlichen Regionen angezogen werden. Sie bauen ihre Hütten aus geflochtenen Zuckerrohrstauden auf Sand.

Auf Anraten eines Schamanen entscheidet sich Señora Maria Reyes gegen die Operation ihrer Herzklappe. Schwester Elisabeth arbeitet seit 55 Jahren in Lima.
Auf Anraten eines Schamanen entscheidet sich Señora Maria Reyes gegen die Operation ihrer Herzklappe. Schwester Elisabeth arbeitet seit 55 Jahren in Lima.
Im Gegensatz zu dem vieler Nachbarn ist das Haus von Familie Reyes aus Stein. Im Haus gibt es keine Fenster. Maria Reyes hat drei Kinder, die zwischen drei und 14 Jahre alt sind. Einen Familienvater gibt es nicht. Alle schlafen auf dem Boden, ein wackliger alter Tisch mit vier Plastikstühlen, ein Herd und Kochgeschirr sind das Inventar des Hauses. Für ihren Lebensunterhalt arbeitet Maria Reyes auf einem Markt als Köchin. Täglich schiebt sie mit immer größerer Anstrengung einen gemieteten Imbisswagen über mehrere Kilometer zur Arbeit. Luftnot und Schmerzen quälen sie. Ein lautes Diastolikum an typischer Stelle lässt auf einen Defekt der Aortenklappe schließen. Señora Reyes ist nicht krankenversichert und hat keine Rücklagen. Im Ultraschall zeigt sich eine fortgeschrittene Aortenklappeninsuffizienz bei einer erweiterten Aorta ascendens, kurz ein OP-Befund. Was nun? Mithilfe der Ärzte und Schwestern gelingt es, ihr ein Angebot zu machen: Sie kann über eine spezielle Versicherung, die im Fall einer schweren akuten Erkrankung mit überschaubaren Beiträgen eintritt, im namhaften „Hospital 2 de Mayo“ operiert werden. Darüber freue ich mich sehr.

Ein Gefühl der Ohnmacht
Nach Deutschland zurückgekehrt, währt die Freude nur kurz. Mich erreicht die Nachricht, dass Maria Reyes kein Einverständnis für die Operation geben wird. Ich organisiere ein Telefonat mit ihr, versuche geduldig, Bedenken auszuräumen. Ich stehe mit Kardiologen des Landes in Verbindung und bedränge sie höflich, alles zu versuchen, Señora Reyes doch der indizierten Operation zuzuführen. Es nützt nichts, alle Vorbereitungen sind umsonst. Meine Kollegen konstatieren, dass es sich um „un problema social“ handelt, was wohl so viel bedeutet, dass es nicht lösbar ist. Die Patientin hat ihre Entscheidung mit der Familie und nach Vorstellung bei einem Schamanen getroffen. Vielleicht erhofft sie sich, dass sie noch so lange leben kann, bis ihre Kinder selbst in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Mehr hat sie sich möglicherweise für ihr Leben nicht vorgenommen. „Un problema social“ kann auch Diskriminierung im eigenen Land heißen: „Warum hast du so viele Kinder, wenn du nicht einmal für dich selbst sorgen kannst?“ Wir organisieren für Maria Reyes regelmäßige Kontrollen und eine langfristig gesicherte medikamentöse Behandlung.

Einige Monate später soll das Schicksal Señora Reyes noch einmal auf eine harte Probe stellen. Bei einem Unfall hat sie sich schwer an Arm, Hand und Gesicht verletzt. Mit dem linken Auge kann sie nur noch eingeschränkt sehen. Operationen und Rehabilitationen, auf die sie ein Anrecht hat, da für alle öffentlichen Fahrzeuge in Peru Versicherungspflicht besteht, haben die eingeschränkten Funktionen erfreulicherweise verbessern können. Ein Schmerzensgeld wird es nicht geben. Schwester Elisabeth versucht, eine leichte Arbeit zu finden, die Maria Reyes von zu Hause aus durchführen kann. Bis dahin lebt sie von der Hilfe der Familie und Almosen.

Trotz solcher Schicksale sind meine Kollegen stolz auf ihr Land. Sie möchten mir seine Schönheiten vermitteln und nehmen mich mit in die prächtige Innenstadt von Lima. Sie zeigen mir die unfassbaren Linien und Figuren von Nazca, deren Erforschung und Erhaltung die Deutsche Maria Reiche aus Dresden fast ihr gesamtes Leben gewidmet hat. Ich bestaune die Pyramidenstätte Caral – mit 5 000 Jahren die älteste Stadt der Welt, in der nachweislich nur friedlich Handel betrieben wurde. Trotz alledem kann ich mich nicht von den Menschen lösen.
Dr. med. Heiko Hildebrand
E-Mail: heiko_hildebrand@freenet.de
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