WISSENSCHAFT

Computerspiel- und Internetsucht: Behandlungsbedarf steigt

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 177

Sonnenmoser, Marion

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Erstmalig wurde in Deutschland eine Ambulanz zur Behandlung von Computerspiel- und Internetsucht eingerichtet. Das Universitätsklinikum Mainz bietet dabei gruppentherapeutische Behandlungen an.

Der Anziehungskraft von PC und Internet erliegen immer mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und zeigen ein exzessives und inadäquates Nutzungsverhalten. Da das Störungsbild „Computerspiel- beziehungsweise Internetsucht“ bisher nicht anerkannt ist, gibt es kaum psychotherapeutische Angebote. Um diese Versorgungslücke zu schließen und dem steigenden Behandlungsbedarf gerecht zu werden, eröffnete im März 2008 an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Mainz eine Ambulanz, in der künftig nicht nur das pathologische Glücksspiel, sondern erstmalig in Deutschland auch das Störungsbild „Computerspiel- und Internetsucht“ gruppentherapeutisch behandelt werden.

Unwiderstehlicher Drang
„Betroffene von Computerspielsucht oder deren Angehörige berichten über einen unwiderstehlichen Drang, am Computer spielen zu müssen, der ihr Leben zunehmend dominiert“, beschreibt Prof. Dr. Manfred Beutel, der zusammen mit dem Dipl.-Psych. Klaus Wölfling die neue Ambulanz leitet, eines der Symptome des Störungsbilds. Im Verlauf einer Abhängigkeitsentwicklung kommt es zum Kontrollverlust über die Spielzeit, zu merklichen Leistungseinbußen im schulischen oder beruflichen Bereich und zu körperlichen Folgesymptomen (zum Beispiel Verschiebung des Schlaf-Wach-Rhythmus, Mangel- oder Fehlernährung). Zudem muss immer länger und intensiver gespielt werden, um gewünschte Effekte, wie etwa Entspannung, Stressreduktion oder Selbstwertsteigerung, zu erzielen. Wird das Computerspielen verhindert, treten aggressive Spannungsabfuhr, Nervosität oder Unruhe als anklingende Entzugssymptome auf. Häufig werden Vereinsamung und Ängste in realen sozialen Beziehungen bis hin zu Verwahrlosungstendenzen berichtet. Gleichzeitig sind bei den Betroffenen oft die Einsicht in das Problemverhalten und dessen Folgen herabgesetzt.

Reduzierung der Onlinezeiten auf normales Maß
Jugendliche und junge Erwachsene, die mit solchen Symptomen die neue Ambulanz aufsuchen, können nun in Gruppentherapien behandelt werden. Vor Beginn der Therapie wird jeder Teilnehmer einer umfassenden psychologischen Diagnostik unterzogen. In der vorangehenden verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Therapie stehen die individuelle Analyse des Problemverhaltens und seiner aufrechterhaltenden Bedingungen im Vordergrund. Beispielsweise werden gedankliche, emotionale, körperliche und verhaltensbezogene Aspekte des Computerspielverhaltens der Betroffenen „sekundengenau“ beleuchtet. Ebenso werden Wünsche, Ängste und Motivationen der Patienten hinterfragt und eine intrinsische Motivation zur Reduktion von Spielzeiten aufgebaut. Hauptziel der Behandlung der Computerspielsucht ist die deutliche Reduzierung der Onlinezeiten auf ein normales Maß. Parallel sollen alternative Verhaltensweisen (wieder-)erlernt werden, bisher vernachlässigte Aktivitäten und Hobbys erneut aufgegriffen und die Aufnahme realer sozialer Kontakte gefördert werden. Das Behandlungskonzept ist ambulant konzipiert. Zudem bietet sich das Gruppensetting als Therapieform an, weil der Austausch der Betroffenen untereinander die Chance bietet, am Modell zu lernen und Rückhalt in der Gruppe zu finden.

Das Suchtpotenzial von exzessiver Internetnutzung und die klinische Relevanz der Begleitsymptomatik wird derzeit zunehmend in nationalen und internationalen wissenschaftlichen Publikationen sowie in Politik und Gesellschaft kritisch diskutiert und führte bisher noch nicht zu einer Aufnahme des Störungsbilds „Computer- und Videospielsucht“ in den Kriterienkatalog psychischer Störungen. Dazu meint Beutel: „Eine Anerkennung im DSM (Diagnostic and Statistical Manual) wäre auch für Deutschland auf gesundheitspolitischer Ebene richtungsweisend, da die im deutschen Sprachraum angewendeten Diagnosekriterien psychischer Störungen sich inhaltlich nah an denen des DSM orientieren.“

Neben der gruppentherapeutischen Behandlung von Computerspiel- beziehungsweise Internetsucht wird an der Mainzer Ambulanz eine Gruppentherapie für das Störungsbild „Pathologisches Glücksspiel bei Erwachsenen“ angeboten, die als reguläre Einrichtung allen Betroffenen offensteht.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Kontakt:
Dipl.-Psych. Prof. Dr. med. Manfred Beutel, Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie und Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Saarstraße 21, 55099 Mainz,
Telefon: 0 61 31/17-73 48, E-Mail: beutel@psy chosomatik.klinik.uni-mainz.de
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1.
Grüsser SM, Thalemann R: Exzessives Computerspielen – eine Verhaltenssucht. Medizinische Welt 2006; 3, 1–5.
2.
Wölfling K, Grüsser SM: Computerspielsucht. MMW – Fortschritte der Medizin (im Druck).
1. Grüsser SM, Thalemann R: Exzessives Computerspielen – eine Verhaltenssucht. Medizinische Welt 2006; 3, 1–5.
2. Wölfling K, Grüsser SM: Computerspielsucht. MMW – Fortschritte der Medizin (im Druck).

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