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Psychosomatik: Funktionelle somatische Syndrome ganzheitlich behandeln

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 178

MS

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Funktionelle somatische Syndrome (FSS) sind anhaltende körperliche Krankheitszustände, bei denen die körperliche Funktion eines oder mehrerer Organe krankhaft gestört ist, ohne dass es bislang zu strukturellen organischen Schäden gekommen ist. Zu den FSS ohne organmedizinische Ursache zählen unter anderem Spannungskopfschmerz, Rücken- und Gelenkschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Magen- und Verdauungsbeschwerden, prämenstruelles Syndrom, unspezifischer Thoraxschmerz, Fibromyalgie und chronischer Lumbago. Man fasst sie zu folgenden drei somatischen Beschwerdegruppen zusammen: erstens Schmerzen unterschiedlicher Lokalisation (Kopf, Rücken, Brust- und Bauchraum, Becken, Gelenke, Muskeln et cetera), zweitens Funktionsstörungen (von Herzrhythmus, Blutdruck, Nahrungsaufnahme, Stuhlgang, Motorik, Empfindung et cetera) und drittens allgemeine Beeinträchtigung der Vitalität durch Erschöpfung, Müdigkeit und Schlafstörungen.

Eine Übersichtsarbeit zu FSS haben jetzt Henningsen et al. in der Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlicht. Die Psychosomatiker haben Ergebnisse zu zwölf FSS aus systematischen Reviews und Metaanalysen ausgewertet, die seit 2001 veröffentlicht wurden:


- FSS sind weitverbreitet. Die Prävalenz der FSS in der Normalbevölkerung liegt bei etwa zehn Prozent; in den Arztpraxen und Kliniken liegt sie zwischen 30 und 50 Prozent.
- Patienten mit FSS fühlen sich in der Regel stärker in ihrem Befinden und ihrer Lebensqualität beeinträchtigt als Patienten mit ähnlichem Beschwerdebild und bekannter organischer Ursache.
- Die Symptomatik der FSS ist variabel und komplex, das heißt, sie ändert sich häufig, zum Beispiel von Kopfschmerzen über Rückenschmerzen hin zu herzbezogenen Beschwerden. Zudem bestehen funktionelle Symptome verschiedener Organsysteme gleichzeitig wie zum Beispiel Gelenk- und Muskelschmerzen parallel zu Verstopfung oder Unterbauchschmerzen. Sehr häufig besteht zusätzlich eine psychische Symptomatik.

Die Komplexität und Variabilität der FSS sind nach Meinung der Autoren mit ein Grund dafür, dass FSS häufig erst spät (oder gar nicht) erkannt werden; im Schnitt dauert es circa sieben Jahre, bis ein Patient mit einem FSS die richtige ärztliche Versorgung erhält. Darüber hinaus sind diese beiden Faktoren auch dafür verantwortlich, dass FSS bisher überwiegend ausschließlich organmedizinisch oder psychogen wahrgenommen und behandelt wurden. Nach Meinung der Wissenschaftler ist dies aber wenig hilfreich, denn die ausgewerteten Studien zeigen, dass eine variable, multimodale und ganzheitliche Behandlung, bei der medizinische, psychotherapeutische und allgemein aktivierende Maßnahmen kombiniert werden, die größten Erfolgsaussichten bietet.

Für die Kombinationstherapie stehen Medikamente mit peripherem organbezogenem Ansatzpunkt, Injektionen oder chirurgische Eingriffe, Medikamente mit zentralnervösem Ansatzpunkt, Psychotherapie sowie adäquate körperliche Belastung und Aktivierung als Behandlungsoptionen zur Verfügung. Medikamentöse Ansätze, die primär auf die Verbesserung der beeinträchtigten Organfunktion abzielen, haben sich nur bei einem Teil der Syndromgruppen als wirksam erwiesen. Zentral wirksame Substanzen, wie etwa Antidepressiva, sind hingegen bei den meisten FSS effektiv. Im Hinblick auf nicht medikamentöse Interventionen haben sich vor allem solche Therapieverfahren als wirksam erwiesen, bei denen der Patient eine aktive Rolle und Eigenverantwortung übernimmt. ms

Henningsen P, Zipfel S, Herzog W: Management of functional somatic syndromes. Lancet 2007; 369(9565): 946–55.
Prof. Dr. Peter Henningsen, Universitätsklinikum, Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, TU München, Langerstraße 3, 81675 München, E-Mail: p.henningsen@tum.de
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