ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2008Kinder und Sucht: Dem komplexen Thema gerecht

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Kinder und Sucht: Dem komplexen Thema gerecht

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 180

Calia, Giulio

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Das Jugendalter ist geprägt von einer Phase der Identitätsfindung und Exploration der eigenen Identität, die begleitet ist durch psychoemotionale Instabilität und Identitätsinstabilität, in der es zu erhöhter Fokussierung des eigenen Selbst kommt. Jugendspezifische Entwicklungsaufgaben sind verbunden mit der Auseinandersetzung mit moralischen Vorstellungen vor dem Hintergrund von Regel- und Wertesystemen, der eigenen Sexualität, der gelungenen Einbettung in Alterspeer-gruppen, der Ablösung von den Eltern, der Ausbildung einer eigenen Identität, dem Aufbau eigener Perspektiven und vielem mehr. Die gelungene Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben ist auch vor dem Hintergrund diverser Schutz- und Risikofaktoren biologisch-genetischer und psychosozial-emotionaler Genese zu sehen.

Suchtmittel vermitteln jungen Menschen den Eindruck, bei der Bewältigung diverser Entwicklungsaufgaben in gewisser Weise „dienlich“ zu sein, wodurch sich die Affinität des Jugendalters zu Drogen mit erklären lässt. Gelingt die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, so kann es im Erwachsenenalter zu einer Abkehr von den Drogen kommen, wenn sich nicht schon vorher eine relevante Suchterkrankung entwickelt hat. Die Entwicklung von Suchterkrankungen im Jugendalter ist daher häufig verbunden mit mangelnden Schutzfaktoren und zusätzlichen psychischen und psychiatrischen Belastungen, wodurch sich dysfunktionale wechselseitige abwärtsgerichtete Kreisläufe etablieren können, die es in der Behandlung zu durchbrechen gilt. Um sich der Thematik der Suchtgefahren für Kinder und Jugendliche mit all den Risiken und Folgen zu nähern und sich mit dieser Thematik zu befassen, bedarf es daher einer vielschichtigen, komplexen Sicht- und Herangehensweise.

Das vorliegende Handbuch „Kinder und Suchtgefahren“, in dem bekannte Autoren ihren Beitrag leisten, kommt diesem Anspruch in erfreulicher Art und Weise kompetent nach und befasst sich in elf Teilabschnitten mit entwicklungspsychopathologischen, biologischen, philosophischen, psychologischen, und rechtlichen Aspekten der Sucht. Auch die Auseinandersetzung mit neuen Suchtformen in Zusammenhang mit exzessiver Mediennutzung wird aufgegriffen. Es gibt zudem einen Überblick über Hilfemöglichkeiten und bundesweit tätige Hilfeeinrichtungen.

Dieses Buch ist allen zu empfehlen, die in der Suchtarbeit mit Jugendlichen tätig sind. Das Ziel, die Thematik „Kinder und Sucht“ auch in den akademischen Ausbildungen stärker zu verankern, um eine effektive Frühintervention, Prävention und Behandlung sicherzustellen, ist ein erstrebenswertes Ziel. Das Buch leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Giulio Calia

Michael Klein: Kinder und Suchtgefahren. Risiken – Prävention – Hilfen. Schattauer, Stuttgart, New York, 2008, 544 Seiten, gebunden, 49,95 Euro
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