ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2008Ärzteschach: Der einsame Tod eines Genies

SCHLUSSPUNKT

Ärzteschach: Der einsame Tod eines Genies

Pfleger, Helmut

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Dr. med. Helmut Pfleger
Dr. med. Helmut Pfleger
Bobby Fischer ist tot. Der Mann, der mehr in der Schachwelt bewegt hat als je einer vor und nach ihm, ist Anfang des Jahres in Reykjavík an Nierenversagen gestorben – trotz all seines Ruhms einsam. Bobby Fischer wurde 64 Jahre alt. So viel, wie das Schachbrett Felder hat. Diese 64 Felder waren für ihn die Welt, alles jenseits dieses Mikrokosmos verblasste letztlich für ihn.

Ich erinnere mich noch gut, als er 17-jährig nach der Schacholympiade 1960 in Leipzig, wo er am ersten Brett für die USA spielte, eine Woche lang in meine Heimatstadt Bamberg kam und wir zu Hause bei mir viele Blitzpartien spielten. Es war für ihn unverständlich, dass ich meine Schule beenden wollte. Nur Schach konnte das Leben mit Sinn erfüllen, alles andere war Zeitverlust.

Mit unerbittlicher Konsequenz und Leidenschaft vermied er solchen Zeitverlust, mit ebensolcher Konsequenz strebte er den Weltmeistertitel an, wobei seine Halsstarrigkeit und ein unbedingtes Gerechtigkeitsgefühl ihn aber auf diesem Weg auch Qualifikationsturniere zur Weltmeisterschaft ausschlagen ließen. Erst später wurde klar, dass seine Paranoia teilweise wohlbegründet war; in der Tat kam es bei den Sowjets, die ihre Vorherrschaft im Schach gefährdet sahen, zu Intrigen und Absprachen.

Schließlich 1972 in Reykjavík das „Jahrhundert-Match“ gegen den sowjetrussischen Weltmeister Boris Spassky. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Und Fischer erschien nicht. Kissinger und Nixon intervenierten persönlich, bis er mit Verspätung doch noch in der isländischen Hauptstadt eintraf, eine Partie kampflos verlor, dann aber doch seinen Gegner beherrschte und ihm seinen unbeugsamen Willen aufdrückte. Die sowjetische Hegemonie war gebrochen. Und Fischers Diktum „Im Schach geht es darum, das Ego des Gegners zu zerbrechen“ hatte sich anscheinend bewahrheitet.

Doch nach seinem triumphalen Erfolg zog sich Fischer ganz zurück. Das Match 1975 gegen seinen Herausforderer Anatoli Karpow ließ er platzen, seine Nachfolger Karpow und Kasparow bezeichnete er als Betrüger, Briefe unterzeichnete er immer noch mit „Robert James Fischer – Schachweltmeister“. Mehr und mehr lebte er nur noch in seiner eigenen Welt; seinen Hass, der ursprünglich den Russen und vor allem den Juden (er selbst war durch seine Mutter Halbjude) galt, erweiterte er auf die USA. Er war nur noch getrieben von einer blinden, verbitterten Aggression einerseits, von einer fast allumfassenden Paranoia andererseits. Seine Mutter (eine Ärztin!) hatte ihn früh vernachlässigt und sich selbst überlassen, nicht zufällig waren wohl seine feindseligen Projektionen auf Juden, Amerikaner und Russen (die Mutter war auch Kommunistin und möglicherweise sowjetische Spionin).

Fischer fühlte sich existenziell bedroht, als sein Weltmeisterthron gefährdet war, er konnte nur noch fallen und verlieren, deshalb sein völliger Rückzug. So konnte er die Illusion aufrechterhalten, unschlagbar zu sein. Vielleicht verlor der schon immer exzentrische Fischer den Kontakt zur Wirklichkeit erst, als er die Schachszene verließ.

Unvergessen wird seine einzigartige Schachkunst bleiben. Mit welchem Schlag erzwang Fischer als Weißer gegen Paul Benkö 1962 in Curaçao trotz der akuten Gefährdung seines eigenen Königs ein zweizügiges Matt?

Lösung:
Nach dem Damenopfer 1. Dxh6+! gab Schwarz schon auf, weil er durch 1. . . . gxh6 2. Sf7 mattgesetzt wird.
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