POLITIK

Stammzellgesetz: Neuauflage „2008“ für den Kompromiss

Dtsch Arztebl 2008; 105(16): A-816 / B-712 / C-700

Richter-Kuhlmann, Eva

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Nach langen Debatten sprach sich das Parlament für eine Lockerung des Stammzellgesetzes von 2002 aus: Der Stichtag für den Import von embryonalen Stammzellen wird verschoben.

Lange und für alle sichtbar hielt René Röspel (SPD) während jeder namentlichen Abstimmungsrunde im Bundestag seine Stimmkarte in die Höhe: eine rote bei den Anträgen von Ulrike Flach (FDP) zur Liberalisierung der Stammzellforschung und von Hubert Hüppe (CDU) zum Verbot dieses Forschungsbereichs; eine blaue bei der Abstimmung seines eigenen Entwurfs eines neuen Stammzellgesetzes. Röspel hatte Erfolg. Mit großer Mehrheit (346 Ja-Stimmen und 228 Nein-Stimmen bei sechs Enthaltungen) unterstützte das Parlament am 11. April in Zweiter und Dritter Lesung seinen Antrag. Er sieht eine Verschiebung des Stichtags für den Import von embryonalen Stammzelllinien von Januar 2002 auf den 1. Mai 2007 vor. Ferner wird die Strafandrohung für Forscher, die mit jüngeren Zelllinien arbeiten, auf das Inland begrenzt. Internationale Kooperationen in diesem Forschungsbereich werden somit vereinfacht.

Die vorangegangene Debatte verlief engagiert und sachlich. Lediglich vier Minuten später als im Protokoll vorgesehen, konnte mit der Abstimmung über die fünf Gesetzentwürfe begonnen werden. „Es geht nicht um die Verschiebung eines Datums, sondern um eine Verschiebung unserer Ethik, unserer Normen“, warnte Hüppe zuvor und forderte Unentschlossene auf, sich durch ihr Votum für eine Beendigung der Forschung mit embryonalen Stammzellen in Deutschland einzusetzen. Seinen Antrag lehnte das Parlament mit 442 Nein- und 118 Ja-Stimmen ab. „Wir befinden uns erst in der Phase der Grundlagenforschung. Alle Wege sollten den Forschern offenstehen“, argumentierte dagegen Peter Hintze (CDU) und warb für die völlige Abschaffung der Stichtagsregelung. Auch diesen, von Flach gestellten Antrag, lehnte der Bundestag mit 443 Nein- und 126 Ja-Stimmen ab. Über die beiden auf die Beibehaltung der bisherigen Gesetzeslage abzielenden Initiativen stimmten die Abgeordneten aufgrund der großen Mehrheit für Röspels Entwurf nicht mehr ab.

Die Reaktionen auf das novellierte Stammzellgesetz sind geteilt. Größtenteils begrüßt jedoch die Wissenschaftsgemeinde, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Max-Planck-Gesellschaft, die Entscheidung des Parlaments. „Sie ist ein sinnvoller Kompromiss im Geiste des Gesetzes von 2002“, sagte auch Prof. Dr. med. Gerd Kempermann, Universität Dresden, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken nahm die Stichtagsverschiebung von 2002 auf 2007 hingegen „mit großer Enttäuschung“ auf. Sie sei „das falsche Signal“. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Reaktionen aus der StammzellForschung
Prof. Dr. med. Bodo-E. Strauer, Direktor der Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Angiologie, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Foto: dpa
Prof. Dr. med. Bodo-E. Strauer, Direktor der Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Angiologie, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Foto: dpa
„Die Entscheidung des Parlaments respektiere ich. Eine Verschiebung des Stichtags wäre meiner Ansicht nach jedoch nicht nötig gewesen. Wir hatten bereits einen Stichtag, der sich bewährt hat. Yamanaka und Kollegen haben ihre Versuche zur Reprogrammierung von Hautzellen zu induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) ebenfalls mit embryonalen Stammzelllinien aus dem Jahr 1998 vorgenommen. Auf meine wissenschaftliche und klinische Arbeit mit adulten Stammzellen des Menschen hat die Entscheidung des Bundestags keinen Einfluss. Es mag interessant sein, adulte Stammzellen mit embryonalen vergleichen zu können. Wir haben embryonale Stammzellen (ES) jedoch bei unserer Forschung in Düsseldorf nie vermisst. Forscher, die in Deutschland mit ES arbeiten, sollten sich bewusst sein, dass jede ES gleichzeitig eine potenzielle Tumorzelle mit einer Tumorrate von bis 86 Prozent ist. Die Therapie von Patienten ist deshalb Wunschdenken. Künftige Stammzellforschung wird sich meiner Ansicht nach zunehmend an iPS-Zellen orientieren, die die humanen embryonalen Stammzellen methodisch verdrängen werden.“

Prof. Dr. med. Frank Emmrich, Leiter des Fraunhofer- Instituts für Zelltherapie und Immunologie, Leipzig, und Direktor des Translationszentrums für Regenerative Medizin, Leipzig Foto: Fraunhofer-Gesellschaft
Prof. Dr. med. Frank Emmrich, Leiter des Fraunhofer- Instituts für Zelltherapie und Immunologie, Leipzig, und Direktor des Translationszentrums für Regenerative Medizin, Leipzig Foto: Fraunhofer-Gesellschaft
„Ich begrüße die Entscheidung des Parlaments. Mit der Verschiebung des Stichtags können wir als Forscher leben. Nach entsprechenden Anträgen und Genehmigungen sind wir nun in der Lage, auf rund 500 neuere Stammzelllinien zurückzugreifen,
die qualitativ deutlich besser sind als die etwa 20 Linien, die uns noch nach der bisherigen Gesetzeslage zur Verfügung standen. Dies ist derzeit von großer Bedeutung, da neben der Arbeit mit induzierten pluripotenten Stammzellen embryonale Stammzellen als Vergleich benötigt werden. In einigen Jahren werden sie möglicherweise nicht mehr gebraucht, denn ich glaube, dass die Zukunft bei den induzierten pluripotenten Stammzellen liegen wird. Das wichtigste Element des neuen Gesetzes ist für uns Forscher an der Basis jedoch die Beschränkung der Strafandrohung gegenüber Forschern im Inland. Internationale Kooperationen werden somit sicherer. Darüber sind wir erleichtert.“
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