ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2008Klimawandel: Die armen Länder tragen die größte Last

POLITIK

Klimawandel: Die armen Länder tragen die größte Last

Dtsch Arztebl 2008; 105(16): A-820 / B-714 / C-702

Rieser, Sabine; afp

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Am diesjährigen Weltgesundheitstag hat die WHO, die 60 Jahre besteht, vor dem Klimawandel und seinen Folgen gewarnt. Das ist auch ein Thema für Deutschland. Denn importierte Infektionen und Krankheiten durch neue Erreger nehmen zu.

Obwohl eindeutige Zusammenhänge zwischen dem Klimawandel und dem Auftreten alter und neuer Infektionskrankheiten noch nicht hinreichend belegt sind, muss sich Deutschland auf diese Problematik einstellen. Diese Ansicht hat Prof. Dr. rer. nat. Jörg Hacker kürzlich vertreten. Der neue Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI). sprach anlässlich des Weltgesundheitstages am 7. April, dieser stand in Deutschland unter dem Motto „Vom Seuchenschutz bis zum Klimawandel – 60 Jahre WHO“.

Klimaveränderungen hätten aller Wahrscheinlichkeit nach einen Einfluss auf die Freisetzung von Allergenen und auf die Erhöhung der UV-Strahlung. „Die Hitzewellen, die in den Sommern der letzten Jahre in Europa zu beobachten waren, hatten einen direkten Effekt auf die Mortalität, insbesondere bei älteren Personen mit Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen“, betonte Hacker.

Nach seiner Überzeugung wird sich auch das Infektionsgeschehen durch den Klimawandel ändern. In Deutschland häufen sich bereits importierte Infektionen. „Während schon seit geraumer Zeit zwischen 600 und 1 000 importierte Malariafälle pro Jahr beobachtet wurden, werden jetzt zunehmend auch importierte Infektionserreger durch Dengueviren und durch Leishmanien beobachtet“, sagte Hacker. Ein weiterer wichtiger Erreger in diesem Zusammenhang sei das Chikungunya-Virus, das von Aedesmücken übertragen wird. Diese seien nun auch nördlich der Alpen anzutreffen, erläuterte der RKI-Präsident.

Die parlamentarische Staatssekretärin im Ge­sund­heits­mi­nis­terium, Marion Caspers-Merk (SPD), würdigte anlässlich des 60-jährigen WHO-Bestehens deren Wirken. Ihr komme eine Schlüsselrolle bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten zu. Auch habe die Welt­gesund­heits­organi­sation den Impfschutz wesentlich vorangebracht. Pocken seien weltweit ausgerottet. Der größte Teil der Welt sei frei von Kinderlähmung; seit 1992 komme die Krankheit in Deutschland nicht mehr vor. Als Meilenstein bezeichnete Caspers-Merk die Tabakrahmenkonvention der WHO von 2003. Sie habe dazu beigetragen, in Deutschland den Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens zu verbessern.

WHO-Generaldirektorin Dr. Margaret Chan warnte vor den dramatischen Folgen des Klimawandels für die Gesundheit. Es seien die armen Länder, die die große Last der Klimaveränderungen tragen müssten. Als Beispiel verwies sie auf die jüngsten Überschwemmungen in Angola, die zu einer Ausbreitung der Cholera geführt hatten. Chans Stellvertreter, Dr. David Heymann, sprach von einem „Meningitis-Gürtel“ in Schwarzafrika, der auf größere Trockenheit zurückzuführen sei.

Susanne Weber-Mosdorf, stellvertretende Generalsekretärin der WHO in Europa, hatte anlässlich des Weltgesundheitstages in Deutschland auf die schlechte Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern verwiesen. Rund ein Fünftel aller Länder weltweit hat demnach maximal 15 US-Dollar pro Jahr und Kopf für seine Bevölkerung zur Verfügung. Hilfe für die Gesundheitssysteme in Entwicklungsländern ist geboten, zumal sie nach Ansicht von Mosbach-Weber auch reicheren Staaten nutzen würde: „Wir können unsere eigene Gesundheit nicht schützen, wenn wir nicht helfen, die Gesundheitsversorgung in armen Ländern zu unterstützen.“ Denn es sei klar, dass man beispielsweise bei der Eindämmung von Epidemien, die sich in Zeiten der Globalisierung rasch ausbreiten könnten, nicht auf die Hilfe extrem armer Länder zählen könne.
Sabine Rieser, afp
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema