ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2008Kommentar - Walter Jens: Grenzfragen

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Kommentar - Walter Jens: Grenzfragen

Dtsch Arztebl 2008; 105(16): A-821 / B-715 / C-703

Jachertz, Norbert

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Norbert Jachertz
Norbert Jachertz
Man muss Walter Jens nicht mögen, um den Umgang seiner Familie mit ihm, nachdem er hochgradig dement ist, geschmacklos zu finden. Nun hat auch seine Frau und Mitarbeiterin, Inge, sich in einem Interview im „Stern“, Heft Nr. 15 ausführlich zu seinem Zustand und zu ihrer eigenen Befindlichkeit geäußert und es zudem zugelassen, dass ihr Mann mit seinem entleerten, verstörten Gesicht den sieben Millionen „Stern“-Lesern im Bild vorgeführt wird.

Schon zuvor, Anfang März, hatte Sohn Tilman Jens mithilfe der „FAZ“ der Öffentlichkeit angekündigt: „Meine Mutter, mein Bruder und ich sind uns einig, wir wollen, wir werden sein Leid nicht verstecken.“ Nein, verstecken wäre falsch. Und versteckt wird Walter Jens ja auch nicht, wenn er von seiner Pflegerin durch Tübingen geführt wird. Was stört, ist das Präsentieren. Das nimmt dem ahnungslos in seinem Elend Präsentierten die Würde.

Gewiss, Inge und Tilman Jens und sicher auch der Bruder leiden unter den verstörenden Veränderungen, die mit dem Mann, mit dem Vater vor sich gehen. Sie teilen dieses Leid mit ungezählten Familien, die einen Angehörigen, der so anders geworden ist, pflegen. Still, Tag für Tag, ohne persönliche Pflegerin. Sie alle, auch Inge und Tilman Jens, verdienen unser Mitgefühl, unsere Gesprächsbereitschaft. Denn der Austausch mit anderen hilft, selbst in Würde zu überleben. Das wissen alle, die sich in den Selbsthilfegruppen für Angehörige gegenseitig stützen.

Inge Jens, die mit ihrem Mann seit 57 Jahren verheiratet ist, distanziert sich nun vorsichtig von ihm: „Den Mann, den ich liebte, gibt es nicht mehr.“ Und: „Er ist nicht mehr mein Mann. Die Krankheit hat ihn zu einem anderen Menschen gemacht.“ Distanzierung spricht auch aus dem zwiespältigen Artikel seines Sohnes. Er beklagt, zu Recht, dass viele aus der Generation seines Vaters ihre Vergangenheit im Dritten Reich schönreden, und führt prominente Beispiele an. So auch seinen Vater. Dem Leser legt er nahe, die Demenz des Vaters als Verdrängung anzusehen. Denn dessen Vergessen habe im September 2003 begonnen, als jene Karteikarte durch die Medien geisterte, mit der Walter Jens’ Eintritt in die NSDAP dokumentiert wurde.

Gehören solche privaten Distanzierungen in die Öffentlichkeit? Und wie kommt eine angesehene Zeitung dazu, den, biologisch gesehen, tilmanschen Blödsinn zu veröffentlichen? Und weshalb besinnt sich ein Magazin, dem ansonsten die informelle Selbstbestimmung angelegen ist, bei dem dementen Walter Jens nicht darauf?

Um noch eins draufzusetzen: Das „Stern“-Interview propagiert kaum verhüllt Euthanasie (freilich ohne den belasteten Begriff zu verwenden) bei Demenz. Ihr Mann, sagt Inge Jens, habe über sein Lebensende frei entscheiden wollen. „Aber den Zeitpunkt, seinem Leben ein Ende machen zu können, den hat er im wahrsten Sinn des Wortes verpasst.“ Und sie fragt sich: „Könnte ich ihm jetzt vom Leben zum Tod verhelfen?“ Sie habe die Frage ernsthaft erwogen. Ob Hans Küng, der Theologe, mit dem sie darüber sprach, sie endgültig davon abbringen konnte, bleibt im Interview offen.

Vielleicht war das die eigentliche Botschaft, die der Öffentlichkeit nahegebracht werden sollte: die Diskussion um Sterbehilfe für Demente zu befördern. In den Beneluxländern scheint Sterbehilfe auch bei Demenz schon praktiziert zu werden. Hugo Claus jedenfalls, der berühmte flämische Dichter, hat diesen Weg kürzlich gewählt. Wie es heißt, aus freier Entscheidung.

Wie lange aber kann ein Mensch, der unter Demenz leidet, wie Claus, noch frei entscheiden, und wann nehmen ihm die Angehörigen die Entscheidung ab? Und wer unterscheidet, ob der Kranke oder die Familie leidet? Walter Jens scheint, folgt man den Worten seiner Frau, nicht zu leiden.
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