ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2008Europäische Union der Fachärzte: 50 Jahre und kein bisschen leise

POLITIK

Europäische Union der Fachärzte: 50 Jahre und kein bisschen leise

Dtsch Arztebl 2008; 105(16): A-822 / B-716 / C-704

Spielberg, Petra

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LNSLNS Die Fachärzteunion hat die Harmonisierung der fachärztlichen Weiterbildung in Europa in den letzten 50 Jahren maßgeblich mit vorangetrieben.

Mitte der 50er-Jahre hatten der belgische Hals-Nasen-Ohren-Arzt Dr. Oscar Godin und der französische Gynäkologe Dr. Jacques Courtois eine Vision. In einem künftigen gemeinsamen Europa, so ihre Vorstellung, müsste es Fachärzten möglich sein, jederzeit ohne große Probleme im europäischen Ausland tätig zu werden. Godin und Courtois regten daraufhin an, eine Vereinigung zu gründen, die die Harmonisierung und die gegenseitige Anerkennung der fachärztlichen Weiterbildung im zusammenwachsenden Europa fördern sollte.

Am 20. Juli 1958, ein Jahr nach Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), war es so weit: Vertreter von fachärztlichen Organisationen der sechs EWG-Länder Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande und Deutschland schlossen sich zur Europäischen Union der Fachärzte (UEMS) zusammen. Die UEMS ist damit die älteste europäische Standesvertretung, die sich auf dem Brüsseler Parkett für die Belange der Ärzteschaft einsetzt.

Je größer die Europäische Gemeinschaft wurde, desto größer wurde auch die UEMS. Heute, 50 Jahre nach ihrer Gründung, umfasst die Vereinigung mehr als 800 Mitglieder aus 35 Ländern. Darunter befinden sich neben den 27 Mitgliedsländern der Europäischen Union (EU) auch Staaten wie Israel, Georgien, Türkei und Aserbaidschan.

„Immer weiter bohren!“
„Wir können der Europäischen Kommission gegenüber allerdings nur beratend tätig werden“, sagt der ehemalige Präsident des Berufsverbands Deutscher Internisten, Gerd-Guido Hofmann. Hofmann ist seit Januar 2006 Verbindungsoffizier der UEMS. Seine Aufgabe besteht darin, die Kontakte zu anderen Organisationen des Gesundheitswesens auf europäischer Ebene zu pflegen und mit ihnen gemeinsame gesundheitspolitische Ziele abzustimmen. Dies sind insbesondere der Ständige Ausschuss der Europäischen Ärzte (CPME), die Europäische Vereinigung der Allgemeinärzte (UEMO) und die Ständige Arbeitsgruppe der Assistenzärzte (PWG).

Eine Abstimmung der Interessen ist wichtig, da in Brüssel zahlreiche Institutionen, Verbände und Organisationen darum buhlen, die europäische Gesetzgebung zu beeinflussen. „Das birgt die Gefahr, dass Anregungen einzelner Interessenvertreter kein oder nur unzureichend Gehör finden“, erklärt Hofmann. Da helfe nur eins: „Immer weiter bohren!“ Erfolg mit dieser Taktik hatte die UEMS beispielsweise im Jahr 1975: Bei der Entwicklung der sogenannten Ärzterichtlinie, die die gegenseitige Anerkennung der ärztlichen Diplome regelt, floss der Sachverstand der Vereinigung maßgeblich mit ein.

Zu den Themen, die derzeit zwischen den Fachärzten und den Vertretern der anderen europäischen Ärztevereinigungen heiß diskutiert werden, gehören Hofmann zufolge die EU-Arbeitszeitrichtlinie und die Frage, ob europäische Hausärzte den Status von Fachärzten erhalten sollen. Die geplanten Änderungen der europäischen Arbeitszeitvorschriften, die auch für Krankenhausärzte kürzere Wochenarbeitszeiten im Interesse des Gesundheitsschutzes vorsähen, seien sogar innerhalb der UEMS umstritten, sagt Hofmann. „Die britischen Chirurgen glauben, dass dann keine Weiterbildung im Fach Chirurgie mehr möglich ist.“

Neben der Angleichung der Ausbildungsstandards befasst sich die UEMS mittlerweile auch mit Fragen der Qualitätssicherung, der Harmonisierung der fachärztlichen Fortbildung und der Förderung von Austauschprogrammen. Seit 1962 gibt es außerdem Arbeitsgruppen für einzelne fachärztliche Spezialisierungen, die die Harmonisierung in den unterschiedlichen Fächern samt ihrer Unterdisziplinen, wie orthopädische Chirurgie oder Gastroenterologie, gezielter vorantreiben sollen.

Europaweit akkreditiert
Als „tollen Erfolg“ bezeichnet Hofmann die Einrichtung des europaweiten Akkreditierungsgremiums EACCME im Jahr 2000. Es ermöglicht europäischen Fachärzten die gegenseitige Anerkennung von zertifizierten Fortbildungsaktivitäten (cme). In Zukunft sollen sich die Ärzte auch via Internet erworbene cme-Punkte europaweit akkreditieren lassen können. Durch das EACCME werde ein wichtiger Beitrag zur Qualitätssicherung der fachärztlichen Tätigkeit und der Patientensicherheit in Europa geleistet, betont Hofmann. Einen zusätzlichen Schub für die Qualitätssicherung fachärztlicher Leistungen erhofft sich der amtierende Präsident der UEMS, Zlatko Fras, vom zunehmenden Einsatz von Electronic-Health-Lösungen.
Petra Spielberg

Die Ziele
Die Europäische Union der Fachärzte (UEMS) setzt sich im Wesentlichen ein für
- die Gewährleistung eines hohen fachärztlichen Standards
- die Harmonisierung und Qualitätssicherung der fachärztlichen Aus-, Weiter- und Fortbildung in Europa
- die Wahrung der Interessen der einzelnen Fachgruppen
- die Sicherstellung der Facharztposition
- die Stärkung der Solidarität unter den Spezialisten in Europa
- die Förderung der Freizügigkeit der Fachärzte in Europa
- die Zusammenarbeit mit anderen europäischen Ärzteorganisationen
- die Förderung von Austauschprogrammen
- die Förderung der Patientensicherheit
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