ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2008Woche für das Leben: Hoffen auf Gesundheit statt Erlösung

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Woche für das Leben: Hoffen auf Gesundheit statt Erlösung

Dtsch Arztebl 2008; 105(16): A-823 / B-717 / C-705

Klinkhammer, Gisela

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„Gesundheit – höchstes Gut“: Unter diesem Motto steht der auf drei Jahre angelegte Themenschwerpunkt der Kirchen, der in Würzburg von Bischof Heinrich Mussinghoff (links) und Bischof Wolfgang Huber vorgestellt wurde. Foto: dpa
„Gesundheit – höchstes Gut“: Unter diesem Motto steht der auf drei Jahre angelegte Themenschwerpunkt der Kirchen, der in Würzburg von Bischof Heinrich Mussinghoff (links) und Bischof Wolfgang Huber vorgestellt wurde. Foto: dpa
Die großen christlichen Kirchen in Deutschland sprechen sich gegen den zunehmenden Fitnesswahn und aktive Sterbehilfe aus.

Jung, schön und gesund – diesem Ideal jagen immer mehr Menschen nach. In der Werbung wird für zahlreiche Anti-Aging-Produkte geworben, in der Freizeit wird „mal gejoggt, mal gewalkt oder sich eine ,gesunde‘ Bräune aus dem Sonnenstudio geholt“, wie es der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heinrich Mussinghoff, beschrieb. Der Urlaub werde zum Wellnessurlaub, das Hotel zum Wellnesshotel mit Ayurveda-Anwendungen oder Reiki-Massagen.

Gegen das wachsende Gesundheitsbewusstsein hat Bischof Mussinghoff ebenso wie der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, wenig einzuwenden. Es sei sogar durchaus anerkennenswert, dass das deutsche Gesundheitssystem trotz aller Finanzierungsschwierigkeiten weiterhin eine bemerkenswert gute Grundversorgung leiste. Dennoch kritisierten die Bischöfe bei der Auftaktveranstaltung der „Woche für das Leben“ in Würzburg „krasse Fehlentwicklungen“, so Bischof Huber. „Manchmal habe ich den Eindruck: Wo es früher noch um das Heil der Seele ging, geht es heute nur noch um den heilen Körper. Unsere Großeltern hofften auf die Erlösung; wir hoffen nur noch auf Gesundheit. Wenn das nicht klappt, fordert man ein schnelles Ende. Denn ein beschädigtes Leben gilt nicht mehr als sinnvoll. Ärzte sehen sich vor die Erwartung gestellt, ihre Patienten von Krankheit und Leiden zu ,erlösen‘.“ Die vom ehemaligen Hamburger Justizsenator Roger Kusch vorgestellte sogenannte Tötungsmaschine sowie die Existenz von Sterbehilfe-Organisationen in der Schweiz bezeichnete Huber als „erschreckend“. „Leiden und Tod gehören zu unserem Leben. Wer das leugnet, verleugnet die Wirklichkeit.“

Pflege wird zur Dienstleistung
Heutzutage bestehe die Gefahr, dass Gesundheit zum Produkt der eigenen Lebensgestaltung sowie der gegebenen medizinischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten werde. Der EKD-Ratsvorsitzende fürchtet, dass Ärzte zu Vertragspartnern würden, bei denen man eine gelungene Operation oder einen wiederhergestellten Körper einklagen möchte. Der Heilungsprozess werde nach Diagnosen berechnet und solle einem festgelegten Zeitschema folgen. Pflege werde zur Dienstleistung, die man in einzelne Funktionseinheiten zerlegen könne. Die Orientierung an einem Produkt- und Kundenbewusstsein führt Bischof Huber zufolge schließlich zu einer Verrechtlichung, die am Ende auch das Recht auf einen guten Tod einzuschließen scheine. „Visionen tauchen am Horizont auf, die uns in eine dunkle Zeit unserer Geschichte zurückverweisen: ,guter Tod – Euthanasie‘.“

Auch Bischof Mussinghoff, fürchtet, „dass die Sorge um äußerliches Wohlbefinden und körperliche Fitness einen derart hohen Stellenwert einnimmt, dass man schon von Gesundheitsreligion sprechen kann“. Der körperliche und mentale Leistungsträger werde zum „Normalfall“, dem nicht nur die Werbung ein gesteigertes Interesse entgegenbringe. An ihm richte sich inzwischen die ganze Gesellschaft aus. „Denn wieso – so stellt sich dann eine Frage, die in den 20er-Jahren diskutiert und in der NS-Zeit konkrete Politik wurde – müssen Mittel von der Gemeinschaft aufgebracht werden für Menschen, die nichts Produktives für sie leisten?“

Bei aller Einigkeit in der Ablehnung des Fitnesswahns und der aktiven Sterbehilfe, nicht angesprochen wurde – kurz vor der Entscheidung des Bundestages – das Thema Stammzellforschung. Bischof Huber hatte seine Position in Berlin verteidigt. Gegen eine einmalige Verschiebung habe er keine Bedenken, sagte er (dazu DÄ, Heft 7/ 2008). Dagegen vertritt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Robert Zollitsch, die Auffassung, dass eine verbrauchende Embryonenforschung niemals gerechtfertigt werden dürfe, da embryonale Stammzellforschung die Tötung menschlicher Embryonen voraussetze.

Gisela Klinkhammer
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