ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2008Mammografie-Screening: Wettbewerbsverzerrung

MEDIZINREPORT

Mammografie-Screening: Wettbewerbsverzerrung

Dtsch Arztebl 2008; 105(16): A-826 / B-719 / C-707

Bördlein, Ingeborg

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Foto:NovartisPharma
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Brustkrebsfrüherkennung in Screening-Einheiten erfolge zulasten bewährter Versorgungseinheiten im ambulanten und stationären Bereich, sagen Kritiker.

Das flächendeckende Mammografie-Screening ist in Deutschland weitgehend verwirklicht (siehe Aktuell). Als Mindeststandard zur Früherkennung von Brustkrebs findet das Verfahren zwar generell Zustimmung, doch es wird zunehmend kritisch beurteilt. Bestehende, hervorragend ausgewiesene Versorgungsstrukturen im ambulanten und stationären Bereich würden zerschlagen, um die Brustkrebsfrüherkennung zu zentralisieren und auf die gesundheitspolitisch gewünschten Screening-Einheiten zu reduzieren, kritisiert Prof. Dr. med. Christiane Kuhl (Radiologische Klinik der Universität Bonn).

Nach der Strahlenschutzverordnung dürfen Frauen ohne Symptome einer Röntgenuntersuchung wie der Mammografie nicht ausgesetzt werden. Ausgenommen davon sind allein die 94 bundesweit installierten Screening-Einheiten. Das bedeute, so Kuhl, dass allen anderen radiologischen Einrichtungen automatisch die medizinische und apparative Qualität per Gesetz abgesprochen und ihnen künftig unter Strafandrohung untersagt werde, eine Mammografie zur Früherkennung bei symptomlosen Frauen anzubieten. Die Folge: „Ärzte, die seit Jahren eine nachweislich exzellente Qualität in der Diagnostik vorgehalten haben, werden nun kriminalisiert, wenn sie ihre Arbeit fortsetzen wollen“, sagt Kuhl. Das komme einem Berufsverbot gleich.

Formaljuristische Faktoren
Auch die Auswahl der Zentren für das Screening-Programm sieht die international anerkannte Radiologin als fragwürdig an. Denn nicht die medizinisch-diagnostische Erfahrung im Bereich der Mammadiagnostik sei zugrunde gelegt worden, sondern allein wirtschaftliche und formaljuristische Faktoren hätten dabei eine Rolle gespielt. Nur niedergelassene Radiologen beziehungsweise Ärzte mit „Vertragsarztstatus“ konnten sich als Screening-Einheit bewerben. Die Teilnahme praktisch aller Krankenhäuser und Universitäten sowie vieler niedergelassener Radiologen und Gynäkologen, die sich seit vielen Jahren auf die Brustkrebsfrüherkennung spezialisiert haben, sei von Anfang an ausgeschlossen gewesen, moniert auch die Radiologin Dr. med. Marie-Luise Otto (Sundern), die eine Spezialpraxis für Mammadiagnostik betreibt.

Mit der Auslagerung aus den Universitäten werden den Kritikerinnen zufolge auch die Europäischen Leitlinien für die Brustkrebsfrüherkennung nicht eingehalten, denn diese sollte in Brustzentren erfolgen, in denen Ärzte verschiedener Fachrichtungen auf diesem Gebiet zusammenarbeiten.

Negative Auswirkungen auf die Forschung und ärztliche Ausbildung im Bereich der Mammadiagnostik befürchtet auch Prof. Dr. med. Maximilian Reiser (München) vom Vorstand der Deutschen Röntgengesellschaft. So könnten die Universitäten ihrem Ausbildungsauftrag in diesem Bereich nicht mehr nachkommen, weil die Früherkennung komplett aus der akademischen Medizin ausgelagert worden sei.

Nicht zuletzt konstatieren die Kritiker um die Radiologin Kuhl eine Wettbewerbsverzerrung zugunsten der Screening-Einheiten. Insbesondere deshalb, weil beträchtliche extrabudgetäre Finanzmittel zulasten der übrigen vertragsärztlich tätigen 3 351 Radiologen in Deutschland in die Screening-Zentren umgelenkt würden. Dies sei eine staatlich sanktionierte Kartellbildung, die medizinisch nicht begründbar sei.

Auch die Berufsgruppe der Gynäkologen fühlt sich bei dem „abgespeckten Programm“ außen vorgelassen. So wertet es der Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte, Dr. med. Wolfgang Cremer (Hamburg), als „massiven Affront“, dass die Einwände der Gynäkologen bei der Einführung des Screenings überhaupt nicht berücksichtigt worden seien. Die Mammografie sei nur eine der möglichen Früherkennungsmaßnahmen. Der Stellenwert des Ultraschalls als möglicherweise bessere Technik für einen Teil der Frauen, werde erst gar nicht mehr unter Studienbedingungen untersucht. Auch Reiser betont die Grenzen der Mammografie: Wichtige zusätzliche Verfahren wie Sonografie und Magnetresonanztomografie würden in dem Früherkennungsprogramm kaum berücksichtigt.

Freie Arztwahl beschnitten
Harsche Kritik kommt auch von Patientinnenseite: Ursula Goldmann-Posch, Gründerin von „mamazone e.V.“ (Augsburg), fordert, dass das an sich „gute und richtige“ flächendeckende Programm nicht die einzige Form sein dürfe, die in der Brustkrebsfrüherkennung nunmehr erlaubt sei. Damit würden das Selbstbestimmungsrecht und die freie Arztwahl der Frauen zugunsten einer Einheitsversorgung auf Mindestniveau beschnitten. Es müsse für Frauen möglich sein, eine qualitätsgesicherte Früherkennungs-Mammografie mit einer ärztlichen Untersuchung, Beratung und gegebenenfalls weiterführenden Untersuchungen zu verbinden.
Ingeborg Bördlein

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