ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2008Transplantationsmedizin in Europa: Export des Mangels

THEMEN DER ZEIT

Transplantationsmedizin in Europa: Export des Mangels

Dtsch Arztebl 2008; 105(16): A-831 / B-723 / C-711

Klinkhammer, Gisela

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Rechtssicherheit und Chancengleichheit bei der Organverteilung sind wesentliche Merkmale des deutschen Transplantationsgesetzes. Foto: Laif
Rechtssicherheit und Chancengleichheit bei der Organverteilung sind wesentliche Merkmale des deutschen Transplantationsgesetzes. Foto: Laif
Nach Ansicht der Bundes­ärzte­kammer kann dem Organmangel durch EU-weite Regelungen nicht wirksam begegnet werden.

Auch wenn in Deutschland in den vergangenen Jahren die Zahl der Organspenden kontinuierlich gestiegen ist, kann immer noch nicht allen Patienten geholfen werden. Nach wie vor sterben im Durchschnitt an jedem Tag drei Patienten, die auf der Warteliste stehen, weil für sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan zur Verfügung steht. Rund 12 000 Schwerkranke hoffen nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) auf ein neues Organ.

Doch wie kann dem immer noch existierenden Organmangel begegnet werden? Ob eine Änderung des seit elf Jahren geltenden Transplantationsgesetzes (TPG) die richtige Lösung ist, bleibt umstritten. Der damalige Nationale Ethikrat schlug beispielsweise im letzten Jahr ein Stufenmodell vor, das Elemente einer Erklärungsregelung mit einer Widerspruchsregelung verbindet. Die Zustimmung zur Organspende sollte bei Ausstellung eines Führerscheins oder einer elektronischen Gesundheitskarte auf diesen Dokumenten gespeichert werden (dazu Kasten „Klärungsbedarf“).

Bisher gilt in Deutschland die erweiterte Zustimmungsregelung. Danach ist nur derjenige, der zu Lebzeiten zugestimmt hat, auch potenzieller Organspender (Organspendeausweis). Die Angehörigen können nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen entscheiden, wenn sich dieser nicht geäußert hat. Nach der Widerspruchslösung dürfen Organe dann entnommen werden, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat.

Nach Ansicht von Prof. Dr. jur. Hans Lilie, dem Vorsitzenden der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), hat sich das deutsche Transplantationsgesetz bewährt. Dazu zähle an erster Stelle die Rechtssicherheit, die mit der Regelung geschaffen worden sei. Ein wichtiger Aspekt sei zudem die Chancengleichheit, ein Organ zu erhalten, sowie die organisatorische Trennung von Organspende und Vermittlung. Lilie hob außerdem die im TPG festgelegte Richtlinienkompetenz der BÄK für alle wichtigen Kriterien von Spende und Transplantation, einschließlich der Hirntoddiagnostik, hervor. Im TPG seien zudem klar die Freiwilligkeit und Unentgeltlichkeit der Spende und ein Verbot des Organhandels festgelegt.

Über die Bekämpfung des Organhandels wird allerdings seit Kurzem wieder heftig diskutiert. Dass jegliche Form der Kommerzialisierung von Organspenden abzulehnen sei, darin ist man sich einig. Das betonten 2007 auch die Delegierten des 110. Deutschen Ärztetages in Münster.

Die EU-Kommission sieht ebenfalls eine ihrer wesentlichen Aufgaben in der Bekämpfung des „illegalen“ Organhandels, dessen Gefahren sie andererseits jedoch als nicht allzu hoch einschätzt: „Zwar hat die strafrechtliche Verfolgung bisher keine Nachweise erbracht, doch es ist möglich, dass international agierende kriminelle Organisationen die lukrativen Möglichkeiten erkannt haben, die sich aus der Lücke zwischen Angebot und Nachfrage ergeben, und mehr Druck auf Menschen ausüben, die in extremer Armut leben, damit diese ihre Organe verkaufen.“ Der Organhandel in Europa bewege sich allerdings nach aktuellen Schätzungen auf relativ niedrigem Niveau. (1)

Nach Ansicht des CDU-Europaabgeordneten Dr. med. Peter Liese verharmlost die Europäische Kommission das Thema Organhandel in „unverantwortlicher Weise“. Gerade die schwächsten Menschen in ärmeren Ländern setzten sich hohen medizinischen Risiken aus, damit reiche Menschen in den Industrieländern ein Organ bekämen.

Die Bundes­ärzte­kammer kritisiert, dass der Begriff „illegaler Organhandel“ zumindest missverständlich sei. Er suggeriere nämlich die Existenz eines „legalen Organhandels“. Organhandel sei aber generell verboten. Dass die EU-Kommission, gerade vor dem Hintergrund der schwachen Datenlage, die Bekämpfung des Organhandels zu einem ihrer wichtigsten Ziele erkläre, lasse vermuten, „dass es sich hier um eine politische Absichtserklärung mit dem Ziel der Durchführung bestimmter ordnungspolitischer Vorstellungen handelt“.

Weniger kritisch sieht Liese die Absicht der Europäischen Kommission, noch in diesem Jahr eine Richtlinie zur Qualität und Sicherheit von Organspenden und -transplantationen vorzulegen. Der Gesundheitsausschuss hat sich am 26. März einstimmig für den entsprechenden Entwurf ausgesprochen. Danach soll beispielsweise vermieden werden, dass Krankheitserreger wie HIV oder Hepatitisviren vom Spender auf den Empfänger übertragen werden. Außerdem sollen europaweit die besten Methoden eingeführt werden, um die Verfügbarkeit von Organen zu erhöhen.

Diese Ansätze werden von den Europaabgeordneten unterstützt. „Ein hoher Standard zugunsten der Patienten ist in jedem Fall wünschenswert und noch nicht in allen europäischen Ländern vorhanden. Wir müssen allerdings aufpassen, dass keine übertriebenen Belastungen für die Krankenhäuser mit der Richtlinie verbunden sind“, sagte Liese. Auch die SPD-Gesundheitsexpertin, Dagmar Roth-Behrendt, bezeichnete die Pläne der Kommission als „ersten Schritt in die richtige Richtung“. Einzelstaatlich unterschiedliche Vorgaben, wie die Zustimmungs- oder Widerspruchsregelung, sollten jedoch nicht angetastet werden, so die Abgeordneten. Ländervergleiche hätten gezeigt, dass die unterschiedlichen Lösungsmodelle keinen Einfluss auf die Spendenbereitschaft der Bevölkerung hätten, betonte Liese.

Trotz der bundesweit geltenden erweiterten Zustimmungslösung variierten selbst innerhalb Deutschlands die Spenderzahlen regional mitunter sehr stark. Für sinnvoller halten es die Abgeordneten, Transplantationskoordinatoren an den Krankenhäusern einzuführen.

Die Bundes­ärzte­kammer vermutet, dass durch die EU-Richtlinie weitreichende Eingriffe in die Struktur der Transplantationsmedizin der einzelnen Mitgliedstaaten vorgenommen werden sollen, die lediglich zu einer Überbürokratisierung führten (www.bundesaerztekammer.de/downloads/STN_EU_Organspende.pdf). Das unterschiedliche Ausmaß des Organmangels in den EU-Mitgliedstaaten sei strukturbedingt und unabhängig davon, wie die Transplantationsmedizin jeweils etabliert, gesetzlich geregelt und von der Bevölkerung akzeptiert sei. Der Austausch eines nicht ausreichend vorhandenen Gutes führe aber nicht zu einer Behebung des Mangels, sondern nur zu seiner Verschiebung.
„Eine so ausgerichtete EU-Initiative wäre fehlorientiert und könnte im Zweifel den Export von Organen aus Mitgliedstaaten ohne etablierte Transplantationsmedizin befördern. Man kann nicht einfach ein Herz in Athen entnehmen und in Helsinki transplantieren“, sagte der Hauptgeschäftsführer der BÄK, Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, in Brüssel. Darüber hinaus erscheine die Einführung einer EU-weiten Warteliste für Organe unter anderem aus physiologischen Gründen, beispielsweise wegen der begrenzten Ischämiezeit der Organe, nicht praktikabel.

Ein positives Beispiel für eine grenzüberschreitende Kooperation bei der Vermittlung von postmortal gespendeten Organen ist die Tätigkeit von Eurotransplant (ET). „Seit nunmehr vier Jahrzehnten hat sich dieses System bewährt“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt anlässlich der ET-Jubiläumsfeier im vergangenen Jahr. Auf eine Gesetzeslücke weist allerdings die BÄK hin. Danach fehlt eine eindeutige Regelung zur transplantationsmedizinischen Behandlung von Patienten, die nicht in der Europäischen Union und nicht im Eurotransplant-Verbund ansässig sind und darüber hinaus keine Angehörigen mit Aufenthaltsrecht in Deutschland haben (Non-ET-Residents).

Bisher haben sich die transplantationsmedizinischen Zentren mit Eurotransplant darauf verständigt, dass der Anteil von Non-ET-Residents auf der Warteliste für Lebern und thorakale Organe auf fünf Prozent der Transplantationen postmortaler Organe vom Vorjahr beschränkt sein soll. „Diese Selbstverpflichtung bietet aufgrund der fehlenden Regelung im Transplantationsrecht die einzige, auf einem breiten Konsens beruhende Orientierung“, erklärte Lilie. Ihre Nichtbeachtung würde die Transplantationsmedizin und die Organspendebereitschaft der Bevölkerung unter Umständen erheblich beeinträchtigen.

„Es bleibt allerdings Aufgabe des Gesetzgebers, Empfängerkriterien unter Berücksichtigung staatsbürgerschafts-, aufenthalts- und sozialversicherungsrechtlicher Vorschriften zu entwickeln. Wir brauchen eine Klarstellung der gesetzlichen Regelungen, um den betroffenen Ärzten und Patienten die nötige Sicherheit zu geben und das Vertrauen in die postmortale Organspendebereitschaft zu stärken“, so Lilie.
Gisela Klinkhammer
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1. Pühler W et al.: Zur Mitteilung der EU-Kommission zu Organspende und - transplantation (KOM [2007] 275 endg). MedR Schriftenreihe Medizinrecht 2007; 25: 5a84–9.

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