ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2008Medizinstudium: Akademische Prinzipien erhalten

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Medizinstudium: Akademische Prinzipien erhalten

Wichert, Peter von

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Prof. Dr. med. Peter von Wichert
Prof. Dr. med. Peter von Wichert
von Prof. Dr. med. Peter von Wichert, emer. Direktor des Zentrums für Innere Medizin, Universität Marburg

Die Ausbildung künftiger Ärztinnen und Ärzte hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Nicht zuletzt die Approbationsordnung für Ärzte (ÄAppO) aus dem Jahr 2002 hat Folgen für das Studium, die geeignet sind, die wissenschaftliche Weiterentwicklung der Medizin und die Betreuung der Patienten nachhaltig zu beeinflussen. Von Beginn an war die Medizin in den europäischen Universitäten Mitglied im akademischen Konzert, gemeinsam mit der Jurisprudenz, der Theologie und der Philosophie, später auch mit anderen Fächern. Es muss äußerst beunruhigen, dass theoretische Fächer, wie die Physiologie, in letzter Zeit über einen Mangel an jungen Bewer-bern aus der Medizin klagen. Dieser Mangel ist mittlerweile ebenfalls in klinischen Fächern zu verzeichnen – auch an den Universitäten. Das ist sicher nicht nur allein der allgemeinen Misere des Gesundheitswesens geschuldet, sondern hat spezifische Gründe. Diese können persönlich oder finanziell begründet sein, sind aber auch im Medizinstudium zu sehen. Wenn die Vermittlung von Wissenschaft nicht mehr im Zentrum des akademischen Unterrichts steht, kann man nicht erwarten, dass sich der Nachwuchs in die wissenschaftliche Arbeit stürzt.

Nach § 41 der ÄAppO können die medizinischen Fakultäten sogenannte Modellstudiengänge anbieten. Damit ist den Fakultäten einerseits jede Freiheit zur Gestaltung der Ausbildungssysteme übergeben worden, andererseits wurde ihnen aber jede Verantwortung genommen zu garantieren, dass die angebotenen Ausbildungsprinzipien auch geeignet sind, einem künftigen Arzt ein ausreichendes Wissen zu vermitteln. Bisher ist nirgendwo belegt, dass ein Modellstudiengang zu besser ausgebildeten Medizinern führt. Auch der beste Wille, etwas Sinnvolles zu schaffen, ist keine Gewähr dafür, dass das Ziel auch erreicht wird. In den Studienordnungen einiger medizinischer Fakultäten sucht man die Vorstellung von einem wissenschaftlich orientierten Medizinstudium vergeblich.

Frühere Approbationsordnungen hatten der praktischen Ausbildung der Studierenden sicher nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Ein wissenschaftlich fundiertes Studium ist aber nicht an praktischen Elementen, sondern an der Vermittlung grundlegender und geistig bildender Sachverhalte erkennbar. Sonst degeneriert das Studium zur Vermittlung von einfachen Anwendungsregeln für bereits bekannte Fakten. Wenn sich die Ausbildung der Medizinstudenten auf häufige oder gefährliche Krankheiten konzentriert (Zielvorstellung der Universität zu Köln für den dortigen Modellstudiengang), dann ist die Sicherheit der Patienten nachhaltig gefährdet, die nicht in diese Kategorien fallen. Ein akademisches Studium soll den Studenten in die Lage versetzen, auch auf neue Sachverhalte einzugehen, Neues zu erarbeiten und Situationen zu beherrschen, die nicht in einem Curriculum vorgedacht sind, und in neue wissenschaftliche Dimensionen vorzustoßen. Damit unterscheidet es sich von einer nicht akademischen Ausbildung.

Der Bologna-Prozess gefährdet die akademische Struktur der Universitäten bereits unabhängig vom Fach. Wenn die Wissenschaftlichkeit des Medizinstudiums verloren geht, weil sich aus ehrenwerten Motiven Zielvorstellungen verschieben, wird darüber hinaus eine der wichtigsten Garantien für eine unabhängige Grundhaltung der Ärzte infrage gestellt. Der aufgrund der Qualität seiner Ausbildung – und später der Weiter- und Fortbildung – unabhängig agierende Arzt ist nach wie vor der beste Garant für das Wohlergehen kranker Menschen, eine Sicherheit, die durch noch so viel Bürokratie nicht erreicht werden kann. In diesem Zusammenhang ist die „Verschlankung“ des medizinischen Staatsexamens in den letzten Jahrzehnten zu bedauern. Da nur noch allenfalls vier Fächer Bestandteil des mündlichen Teils des Zweiten Abschnitts der Ärztlichen Prüfung nach dem praktischen Jahr sind, ist der breite Ausbildungsstand am Ende des Studiums, der bis Ende der Siebzigerjahre das abgeschlossene Medizinstudium charakterisierte, nicht mehr vorhanden. Besonders „kleine“ Fächer werden schon während des Studiums nicht mehr beachtet. Es ist zu befürchten, dass sich ein praxisbezogenes Studium und die Modalitäten des Examens gegenseitig in ihrer negativen Auswirkung auf Qualität und Umfang des vermittelten Wissens verstärken. Damit bewegt sich die Medizin aber auf ein nicht akademisches Niveau. Die Erfahrungen mit solchen Systemen aus einigen Ländern des ehemaligen Ostblocks sprechen eine deutliche Sprache. Außerdem: Niemand würde sich statt von einem Juristen von einem Rechtspfleger beraten lassen, wenn es um wichtige Probleme geht.

Bis vor wenigen Jahren hatten wir im deutschsprachigen Raum, also auch in der Schweiz und in Österreich, ein weitgehend einheitliches Ausbildungssystem an den Universitäten. Durch die ÄAppO 2002 ist diese Einheitlichkeit verloren gegangen. Nicht nur, dass derzeit ein Student lediglich mit Schwierigkeiten die Universität wechseln kann, auch das, was in den verschiedenen Hochschulen vermittelt wird, ist nicht mehr von Universität zu Universität vergleichbar. In Zukunft müsste also ein Arzt eigentlich angeben, wo er studiert hat.

Was ist notwendig?
1. Auch im Rahmen der ÄAppO 2002 muss die wissenschaftliche, systematische Ausbildung der Studierenden absolute Priorität haben. Ein ausschließlicher Kleingruppenunterricht, zumeist nicht von Hochschullehrern durchgeführt, kann eine fundierte Lehre ergänzen, aber niemals ersetzen.

2. Das Staatsexamen muss die medizinischen Fächer nicht nur in der schriftlichen, sondern auch in der mündlichen Prüfung möglichst umfassend abprüfen, um eine medizinische „Allgemeinbildung“ zu gewährleisten. Dies ist Voraussetzung für eine spätere interdisziplinäre Kooperation zwischen den Fächern.

3. Die Studienpläne an den Universitäten sollten einigermaßen einheitlich sein. Unabhängig von den Organisationsformen des Studiums, muss gewährleistet sein, dass der Inhalt der Lehre den notwendigen akademischen und wissenschaftlichen Qualitätsanforderungen genügt. Hier sind die Fakultäten gefordert. Aber auch eine breite Debatte über die Probleme der medizinischen Ausbildung ist erforderlich. Nur ein wissenschaftliches Studium ist Garant für die Gesundheit der Bevölkerung.

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