ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2008Hausärztemangel: Das Schiff sinkt
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Mein Vorgänger, ein altgedienter Allgemeinarzt, übergab mir 1981 seine Praxis mit den Worten: „Ich bewundere Ihren Mut. Ich würde mich heute nicht noch einmal niederlassen. Seien wir doch ehrlich: Die guten Zeiten sind vorbei. Und verlassen Sie sich nicht auf die KV! Ich habe selbst lange Zeit mitgearbeitet. Dort sitzen doch heute nur noch Hornochsen!“ Wohl wahr – die guten Zeiten sind schon lange vorbei, und sie wurden immer schlechter. Worte wie: Budget, Richtgröße, Abstaffelung, Regress, Fortbildungszwang, Gewerbeaufsicht, Regelleistungsvolumen, Hamsterrad, Punktwertverfall und so weiter, und so weiter, waren damals unbekannt. Zusätzlich hat sich die Honorarsituation im Vergleich zur Teuerung ständig verschlechtert, und die KV war trotz mehrerer neuer Gebührenordnungen nicht in der Lage, daran etwas zu ändern. Ihre Legitimation bezieht sie nur noch daraus, dass es ohne sie vielleicht noch schlechter wäre. Viel zu früh ist mir deshalb leider in meiner Vertragsarzttätigkeit die positive Perspektive abhanden gekommen. Die KV war vielleicht ein Luxusdampfer. Dieser ist aber trotz aller Bemühungen der Mannschaft marode geworden und schon längst am Sinken. Die Schiffsleitung täte gut daran, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Schotten brechen und die Schwimmwesten bereits verteilt werden. Die Hilferufe aus den unteren Decks sind doch wohl nicht mehr zu überhören! Anstatt mit Sonderangeboten und Rabatten noch weitere Passagiere auf das sinkende Schiff zu locken, sollte sie endlich über alle Lautsprecher die Durchsage verbreiten: Das Schiff ist nicht zu halten! Alle Mann in die Boote! Rette sich, wer kann!
Dr. med. Reinhard Neubronner, Schuhhof 3, 38640 Goslar

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