ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2008Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte: Der Ärztemangel nimmt weiter zu

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Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte: Der Ärztemangel nimmt weiter zu

Dtsch Arztebl 2008; 105(16): A-853 / B-741 / C-729

Martin, Wolfgang

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Besonders knapp sind Bewerber in der Gastroenterologie und in der Viszeralchirurgie.

Die Zahl der Stellenausschreibungen für Fachärztinnen und Fachärzte im Deutschen Ärzteblatt ist in den ersten drei Monaten nochmals um 20 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahrs gestiegen. Der Nachfrageboom ist also ungebrochen – und der Nachwuchsmangel nimmt immer drastischere Formen an. Das bekommen ganz besonders jene Krankenhäuser zu spüren, die aktuell eine Oberarztposition in der Gastroenterologie oder in der Viszeralchirurgie zu besetzen haben.

Einen Vergleich der Nachfragesituation in den verschiedenen Fachgebieten ermöglicht der Facharztindex. Für diesen wird die Zahl der in ei-nem Fachgebiet veröffentlichten Stellenanzeigen ins Verhältnis gesetzt zur Zahl der in diesem Fachgebiet angestellt tätigen Ärzte. So erhält man einen spezifischen Indexwert: Dieser gibt an, wie viele Fachärzte rein rechnerisch auf eine Stellenausschreibung entfallen. Je niedriger der Indexwert, desto geringer ist für Fachärzte die Zahl potenzieller Mitbewerber beziehungsweise umso weniger Bewerbungen werden aller Voraussicht nach bei den ausschreibenden Krankenhäusern eingehen. Bei einem Indexwert unter zehn kann man davon ausgehen, dass die Bewerberdecke dünn oder sehr dünn ist.

Das Fachgebiet Kinder- und Jugendpsychiatrie, das in den Jahren 2005 und 2006 den niedrigsten Indexwert verzeichnete, wurde im vergangenen Jahr von der Gastroenterologie und der Viszeralchirurgie abgelöst. Auch wenn die Indexwerte von 5,4 und 6,5 bereits signalisieren, dass die Bewerberdecke in den beiden Fachgebieten sehr dünn ist, wird das Ausmaß des Nachwuchsmangels erst deutlich, wenn man sich die Oberarztebene gesondert anschaut:

In der Viszeralchirurgie wurden im Jahr 2007 insgesamt 126 Oberarztpositionen ausgeschrieben. Zielgruppe waren in erster Linie Ärzte, die gerade ihre Weiterbildung in Viszeralchirurgie abgeschlossen hatten. Im gesamten Jahr 2006 waren dies aber insgesamt nur 198. Durchschnittlich kamen damit rein rechnerisch gerade mal ein bis zwei potenzielle Bewerber auf eine Stellenausschreibung. Man kann sich also leicht vorstellen, dass immer mehr Krankenhäuser gar keine Bewerbung auf ihre Stellenausschreibung erhalten. Im Vorteil sind hier die Kliniken, deren Chefärzte über eine volle Weiterbildungsbefugnis in der Viszeralchirurgie verfügen und die den selbst ausgebildeten Viszeralchirurgen eine Oberarztposition im eigenen Haus anbieten können.

Dass gerade Viszeralchirurgen zurzeit so gefragt sind, hat im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen werden gegenwärtig in größerer Zahl Abteilungen für Allgemein-/ Viszeralchirurgie als Pendant zu Abteilungen für Orthopädie/Unfallchirurgie auf- und ausgebaut (auch als Reaktion auf die geänderte Weiter­bildungs­ordnung). Zum anderen werden verstärkt interdisziplinäre Darmzentren etabliert. Dadurch ist nicht nur die Nachfrage nach Viszeralchirurgen gestiegen, sondern auch die nach Gastronterologen. Für diese wurden im Jahr 2007 fast 70 Prozent mehr Stellenanzeigen geschaltet als im Jahr 2006. Der Nachwuchsmangel macht sich hier inzwischen genauso stark bemerkbar wie in der Viszeralchirurgie. So standen den 161 Oberarztausschreibungen nur 230 frisch gebackene Gastroenterologen als potenzielle Bewerber gegenüber.

In anderen Schwerpunkten sieht es nicht viel besser aus. In der Pneumologie, Hämatologie/Onkologie, Kardiologie und Gefäßchirurgie kommen ebenfalls maximal zwei potenzielle Bewerber auf eine Oberarztausschreibung. Dieser drastische Nachwuchsmangel trifft die Krankenhäuser in einer denkbar ungünstigen Situation: Sie benötigen dringend Spezialisten, um ihr Leistungsprofil zu schärfen und so wettbewerbsfähig zu bleiben.

Im relativ jungen Fachgebiet Kinder- und Jugendpsychiatrie hat sich die Lage etwas entspannt, weil die Zahl der Facharztanerkennungen in den letzten Jahren sukzessive gestiegen ist. Allerdings reicht diese immer noch nicht, um die enorme Nachfrage auf der Facharzt-/Oberarztebene zu decken. In den Fachgebieten Neurologie sowie Psychosomatische Medizin hat sich hingegen der Bewerbermangel gegenüber dem Vorjahr weiter verschärft.

Im Fachgebiet Frauenheilkunde und Geburtshilfe ist die Verschärfung des Bewerbermangels auf der Oberarztebene zum Teil „hausgemacht“. Die Krankenhäuser stellen sich immer noch zu wenig auf die besonderen Bedürfnisse der steigenden Zahl an Gynäkologinnen ein, die Familie und Beruf miteinander vereinbaren wollen. Welches Krankenhaus bietet etwa eine Kinderbetreuung an oder ist bereit, eine Oberarztposition zu teilen? Zudem fällt auf, dass sich Frauen nicht nur häufiger, sondern auch grundsätzlicher als ihre männlichen Kollegen weigern, in den bisherigen hierarchischen Strukturen Verantwortung zu übernehmen. Insofern müssen sich die Krankenhäuser nicht wundern, wenn sie Oberarztpositionen immer schwerer besetzen können. So musste auch im letzten Jahr jede dritte Abteilung in der Frauenheilkunde eine Oberarztposition ausschreiben.

Dass sich der Bewerbermangel in bestimmten Fachgebieten so rasant verschärft hat, realisieren die meisten Krankenhäuser erst, wenn sie entsprechende Positionen zu besetzen haben. Hier fehlt eine Art Vorwarnsystem, das frühzeitig (Fehl-) Entwicklungen in der ärztlichen Weiterbildung aufdeckt.
Dr. Wolfgang Martin
E-Mail: mainmedico@t-online.de
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