ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2008Von schräg unten: Warnstreik

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Warnstreik

Dtsch Arztebl 2008; 105(16): [134]

Böhmeke, Thomas

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Die einen bekommen eine schwere Lungenentzündung, die anderen ihre Bürgschaften von amerikanischen Kredithaien abgekauft. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, was schlimmer ist. Ich bekomme Besuch von den frechen Neffen.

„Onkel Thomas, heute war klasse, weil wir viel zu spät in die Schule kamen, echt Spitze, die Busfahrer, die machten in Warnstreik! Sag mal, kennst du das eigentlich auch, streiken und so, meine ich?!“ Ich bin erschüttert ob dieser schulkraftzersetzenden Einstellung und sehe mich nunmehr in der Pflicht, hehre Berufsideale der PISA-beschwerten Jugend zu vermitteln, damit sie sich an solch leuchtenden Beispielen orientieren möge wie fluoreszierende Antikörper an Markerproteinen. Nun, so führe ich aus, sind Ärzte ja dem hippokratischen Eid, also der Heilung und Linderung von Krankheiten und Zuwendung zu den Siechen verpflichtet und können sich nicht schnöden wochen- und monatelangen Streiks hingeben, wie Bundesbahnbedienstete oder Angestellte im öffentlichen Dienst . . . „Hahaha! Du kannst uns was vom öffentlichen Osterhasen erzählen! Ihr habt vor zwei Jahren auch angefangen zu streiken, und du, Onkel Thomas, warst mittendrin! Wir haben dich auf der Demo in Köln herumwackeln sehen!“ Mist. Anstatt dass der Induktionsfunke für eine selbstlose Medizinerkarriere auf die niederträchtigen Neffen überspringt, behandeln sie mich wieder wie ein Quetschpräparat. Also bleibt mir nur ein kurzer Exkurs darüber übrig, was Mediziner unter Streik verstehen. Dass wir Ärzte zwar tatsächlich auf die Straße gegangen sind, aber vorher die Patientenversorgung penibel geregelt haben, sozusagen unsere Streikbrecher aus den eigenen Reihen in gewohnter Sorgfalt und Qualität aufgestellt haben, auf dass niemand unter unserem Protest zu leiden habe. Dass ich mich in jungen Jahren bereits als gemeiner Streikender gefühlt habe, wenn ich nach einem 32-Stunden-Dienst ohne Schlaf völlig übermüdet nach Hause geschlichen bin, obwohl die Schicht nur 24 Stunden vorsah. Dass ich fortwährend meine Familie bestreikt habe, um die Notfallversorgung im Krankenhaus zu sichern. Dass wir Ärzte uns heute im permanenten Streik befinden, da wir ständig versuchen, die Magermedizin zu unterlaufen. Dass . . ., der Neffe unterbricht meinen Redeschwall, der gleich einem gespaltenen Senkungsabszess daherkommt: „Also, Onkel Thomas, alles was recht ist, das mit dem Streiken, das habt ihr Ärzte noch nicht raus. Ihr macht da irgendwas richtig falsch. Was du da erzählst klingt ja wie ein Trostpreis in Schönschreiben, das taugt ja überhaupt zu nix.“ „Genau“, kräht der andere, „sieh mich an: Von mir kannste was lernen, ich hab’ zwei Fünfen auf dem Zeugnis, das nenn’ ich Warnstreik!“

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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