ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2008Konzertfilm: Der Rhythmus der Bilder

KULTUR

Konzertfilm: Der Rhythmus der Bilder

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 183

Osterloh, Falk

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Der Ausnahmeregisseur Martin Scorsese zeigt die Ausnahmeband „The Rolling Stones“ bei einem Konzert in New York.

1962 ist Konrad Adenauer Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. 1962 stationiert die Sowjetunion Mittel- und Langstreckenraketen auf Kuba. 1962 läuft in den deutschen Kinos der Film „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ mit Heinz Erhard und Karin Dor. 1962 gründet sich die Band „The Rolling Stones“. Seither sind 46 Jahre vergangen. In Zeiten von „Deutschland sucht den Superstar“ ist das für Musiker nicht weniger als eine Ewigkeit. Doch die Rolling Stones stehen noch immer auf der Bühne. Und nicht nur das. Weltweit füllen sie 46 Jahre nach ihrer Gründung Stadien. Von kaum einer anderen Band kann man mit mehr Recht behaupten, sie hätte Musikgeschichte geschrieben.

Martin Scorsese – für seine 23 Spielfilme wurde er mit 80 Preisen ausgezeichnet – hat nun versucht, sich diesem Phänomen auf Augenhöhe zu nähern. Für sein ungewöhnliches Filmprojekt „Shine a Light“ hat er elf der besten Kameramänner und -frauen der Welt versammelt, um zwei Konzerte der Band im altehrwürdigen Beacon Theater in New York zu filmen. Das Ergebnis ist ein herausragender Konzertfilm, bei dem die Kraft der Musik ungebrochen in optische Energie überführt wird. In schnellen, niemals hektischen Bildern, in rhythmisch präzisen Schnitten wird die Musik mit allen Sinnen greifbar. Mick Jagger, bestehend aus nichts als Falten und Knochen, liefert eine ekstatische, schweißtreibende Darbietung. Keith Richards wirkt altersweise tiefenentspannt.

Ein ungewöhnliches Filmprojekt – Martin Scorsese (rechts), Chefkameramann Robert Richardson (Mitte) und Mick Jagger im altehrwürdigen Beacon Theater in New York
Ein ungewöhnliches Filmprojekt – Martin Scorsese (rechts), Chefkameramann Robert Richardson (Mitte) und Mick Jagger im altehrwürdigen Beacon Theater in New York
Der gleichfalls entspannte Martin Scorsese lässt den Film augenzwinkernd mit einem Zwist über die Bühnengestaltung zwischen ihm und der Band beginnen. Und auch um einen Backstagebesuch vom Expräsidenten Bill Clinton samt Frau und Schwiegermutter kommen die Rolling Stones nicht herum. Zudem skizziert Scorsese anhand exemplarischer Ausschnitte aus früheren Interviews die Persönlichkeiten der einzelnen Bandmitglieder. Wenn Mick Jagger dabei über die Außendarstellung der Band philosophiert, wenn Keith Richards sein herablassendes Missvergnügen oder Charlie Watts seine Einsilbigkeit stilisieren, wird der Wandel offenbar, den die Band im Lauf der Jahre vollzogen hat. Speiste sich ihr Weltruhm in den 60er- und 70er-Jahren neben ihrer speziellen Musik auch aus ihrem speziellen Lebenswandel und ihrer kompromisslosen Rockstar-Attitüde, sorgt heute der pure Umstand für Aufsehen, dass sie in einem Alter noch auf der Bühne stehen, in dem sich andere in wohlverdiente Altersteilzeit begeben.

„Shine a Light“ zeigt auf beeindruckende Weise, was hinter dem Phänomen der Rolling Stones steckt. Auf die Frage, was das letzte sei, an das er vor einem Auftritt denke, hatte Mick Jagger in einem frühen Interview geantwortet: „Ich denke nur noch daran, dass es ein gutes Konzert werden muss.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Falk Osterloh
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