ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2008Ghostwriting durch die Pharmaindustrie

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Ghostwriting durch die Pharmaindustrie

Dtsch Arztebl 2008; 105(17): A-860 / B-748 / C-736

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Der Hersteller des COX-2-Inhibitors Rofecoxib (Vioxx®), der im September 2004 wegen kardialer Risiken weltweit vom Markt genommenen worden war, ist erneut in die Kritik geraten. Im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2008; 299: 1800–12) behaupten Kritiker, Merck (in Deutschland MSD) habe viele Studien zu Rofecoxib von Ghostwritern verfassen lassen und die Ergebnisse einiger Studien „selektiv“ dargestellt. Laut Merck sind die Vorwürfe „falsch, irreführend oder aus dem Zusammenhang gerissen“.

In den USA wurde in den letzten Jahren eine Vielzahl von Schadensersatzprozessen gegen Merck angestrengt. In diesen Verfahren haben sich die Anwälte von medizinischen Sachverständigen unterstützen lassen. Diese erhielten einen detaillierten Einblick in die Unterlagen des Herstellers bis hin zum E-Mail-Verkehr. Dabei haben Joseph Ross von der Mount Sinai School of Medicine (New York) und Mitarbeiter entdeckt, dass viele Studien offenbar nicht von den späteren Erstautoren der Publikationen verfasst wurden, sondern von Ghostwritern im Auftrag des Herstellers. In einem besonders krassen Fall stieß Ross auf den Entwurf eines Manuskripts, das als Erstautor „External author?“ nannte, während im Druck dann Leon Thal, ein bekannter Alzheimerexperte von der Universität San Diego, genannt wurde. Thal konnte sich nicht verteidigen, weil er im letzten Jahr bei einem Flugzeugabsturz starb.

Die weiteren Autoren der Studie, welche die Wirkung von Rofecoxib bei der Alzheimervorstufe MCI (mild cognitive impairment) untersuchten, haben die Vorwürfe zurückgewiesen. Sie seien sehr wohl wesentlich an der Erstellung des Manuskripts beteiligt gewesen, behaupten sie. Laut Ross gehört die Studie jedoch zu einer Reihe von Publikationen, die von der Marketingabteilung geplant, von Mitarbeitern der Firma ausgewertet und von Ghostwritern verfasst wurden. Den Ärzten, so die Darstellung, blieb die Rolle, Patienten und Behandlungsdaten zur Verfügung zu stellen. Einige sollen zudem für die Bereitschaft, als Erstautor zu fungieren, gut bezahlt worden sein.

Nach Ansicht von Ross wirft dies ein schlechtes Licht auf die Integrität der Mediziner. Die derzeitige Zusammenarbeit zwischen Pharmaindustrie und Ärzten müsse überdacht werden. Auch die Chefredakteurin von JAMA, Catherine DeAngelis, befürchtet einen Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit, wenn der Eindruck entstehe, dass die Industrie den Ärzten die Feder bei ihrer publizistischen Tätigkeit führe (JAMA 2008; 299: 1833–5). rme
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