ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2008ApothekerVerband: „Apotheken bleiben heuschreckenfreie Zone“

POLITIK

ApothekerVerband: „Apotheken bleiben heuschreckenfreie Zone“

Dtsch Arztebl 2008; 105(17): A-865

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Bedrohte Marke? Die EU-Kommission zweifelt an der Rechtmäßigkeit des deutschen Fremd- und Mehrbesitzverbots für Apotheken. Foto: Vario Images
Bedrohte Marke? Die EU-Kommission zweifelt an der Rechtmäßigkeit des deutschen Fremd- und Mehrbesitzverbots für Apotheken. Foto: Vario Images
Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände sorgt sich um Liberalisierungsbestrebungen auf dem Arzneimittelmarkt. Außerdem will sie dem Rabattvertragsgeschäft eine Alternative entgegenstellen: Zielpreise.

Heinz-Günter Wolf gab sich kämpferisch: „Die Arzneimittelversorgung in Deutschland darf kein Experimentierfeld für Handelskonzerne und Großinvestoren werden“, erklärte der ABDA-Präsident am 15. April vor Journalisten in Berlin. Konzerne betrachteten die Arzneimittelbranche als Mittel zur Gewinnmaximierung. „Kranke sind aber keine Konsumenten und deshalb muss die Apotheke eine heuschreckenfreie Zone bleiben“, betonte Wolf.

Der ABDA-Präsident sorgt sich zu Recht. Denn das deutsche Fremd- und Mehrbesitz-Verbot wackelt. Zurzeit müssen Apotheken von einem Apotheker geführt werden, der neben seiner Hauptapotheke nicht mehr als drei Filialen betreiben darf. Die Europäische Kommission betrachtet dies als unzulässige Wettbewerbsbeschränkung und hat Ende Januar ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet. Fiele das Fremd- und Mehrbesitzverbot, wäre auch hierzulande der Weg frei für Apothekenketten. „Die Politik muss wissen, was sie will. Oligopole oder den eigenverantwortlich handelnden selbstständigen Apotheker“, meint Wolf dazu. Doch er ist auch überzeugt, dass der Europäische Gerichtshof (EuGH) „feinsinniger entscheiden wird, als sich das so mancher vorstellt“.

Die Hoffnungen des ABDA-Präsidenten scheinen nicht ganz unbegründet. Denn im April hat der Generalanwalt des EuGH die Wettbewerbsbefürworter in einem anderen Fall in ihre Schranken verwiesen. Er empfahl dem Gericht, eine Vertragsverletzungsklage abzuweisen. Die Europäische Kommission hatte Deutschland im März 2007 verklagt. Sie bemängelte, dass das deutsche Apothekenrecht die Belieferung eines Krankenhauses mit Arzneimitteln durch Apotheken aus anderen EU-Mitgliedstaaten praktisch unmöglich mache. Die deutschen Vorschriften sehen vor, dass ein Apotheker in der Lage sein muss, ein Krankenhaus, das über keine eigene Apotheke verfügt, kurzfristig zu beliefern, das Krankenhauspersonal kontinuierlich zu beraten und bei der Auswahl geeigneter Medikamente zu unterstützen sowie die Arzneimittelvorräte der Klinik zu überprüfen. Diesen Auftrag könnten faktisch nur nahe gelegene Apotheken erfüllen, argumentierte die EU-Kommission.

Der Generalanwalt hingegen sieht die Klage als unbegründet an. Der Gesundheitsschutz rechtfertige die Beschränkungen. Weil der EuGH in der Regel der Empfehlung des Generalanwalts folgt, könnte die Entscheidung, mit der im Herbst gerechnet wird, zugunsten deutscher Apotheker ausfallen. Die Apotheker hoffen nun zudem darauf, dass mit denselben Argumenten auch den Kapitalgesellschaften weiterhin der Zugang zum deutschen Apothekenmarkt verwehrt wird. „Wir wollen nicht uns schützen“, betonte ABDA-Präsident Wolf in Berlin. „Es geht um die Patientensicherheit.“

Ständige Präparatewechsel gefährden die Compliance
Vor diesem Hintergrund betrachtet er auch die Entwicklung der Rabattverträge für Arzneimittel zwischen Krankenkassen und Pharmaherstellern skeptisch. Wenn Patienten sich aufgrund der Rabattvereinbarungen ständig auf neue Arzneimittel einstellen müssten, führe das zu Compliance-Problemen. Eine Alternative ist für die Apotheker das sogenannte Zielpreismodell. Dabei verordnet der Arzt einen Wirkstoff und der Apotheker wählt aus dem kompletten Spektrum der verfügbaren Generika ein Arzneimittel aus. Der Kasse wird ein fester Zielpreis garantiert. „Die Krankenkasse spart, weil Zielpreise immer unter dem Niveau der Festbeträge liegen“, sagte ABDA-Geschäftsführer Karl-Heinz Resch, der im März in der „Pharmazeutischen Zeitung“ das Konzept erläuterte. Grundsätzlich stünden bei diesem Modell je Wirkstoff jeweils mindestens fünf, bei vielen Wirkstoffen zehn oder mehr Präparate zur Auswahl. „Die Versicherten haben so eine deutlich höhere Gewähr, ihr gewohntes Arzneimittel zu erhalten“, betonte Resch. Gespräche zwischen der ABDA und den Krankenkassen über das Zielpreismodell sind bislang noch ergebnislos verlaufen.
Heike Korzilius
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige