ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2008Mammografie-Screening: Aufbau in Rekordzeit

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Mammografie-Screening: Aufbau in Rekordzeit

Dtsch Arztebl 2008; 105(17): A-870 / B-755 / C-743

Richter-Kuhlmann, Eva

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1,45 Millionen Frauen haben in den ersten 30 Monaten des Programms am Mammografie- Screening teilgenommen. Foto: dpa
1,45 Millionen Frauen haben in den ersten 30 Monaten des Programms am Mammografie- Screening teilgenommen. Foto: dpa
Nach der ersten Screening-Runde zieht die Kooperationsgemeinschaft Mammografie eine positive Bilanz: Fast alle Einheiten sind in Betrieb; die bisher vorliegenden Ergebnisse entsprechen den europäischen Empfehlungen.

Durchschnittlich 13 Stunden sind norwegische Frauen unterwegs, wenn sie einen Termin zum Mammografie-Screening haben: Um sieben Uhr morgens kommt der Bus, drei Stunden Fahrt, mittags die Mammografie, drei Stunden Fahrt zurück, die Fahrtkosten von etwa 77 Euro müssen selbst übernommen werden. Wer glaubt, dass deshalb nur wenige Frauen dieses Angebot wahrnehmen, irrt. Die Teilnahmerate am Mammografie-Screening liegt in Norwegen bei 86 Prozent.

Flächendeckende Früherkennung
In Deutschland haben in den ersten 30 Monaten des Screening-Programms 54 Prozent der 2,68 Millionen eingeladenen Frauen teilgenommen. „Das ist eine großartige Leistung, besonders angesichts des kurzen Zeitraums“, meint Prof. Dr. Per Skaane, Radiologe an der Universität Oslo und Leiter des Mammografie-Screening-Programms in Oslo. Norwegen habe gut acht Jahre für die flächendeckende Einführung des Programms gebraucht.

In der Tat ist Deutschland der Aufbau des Screenings im europäischen Vergleich sehr schnell gelungen. 2002 hatten Bundestag und Bundesrat die Spitzenverbände der Krankenkassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) aufgefordert, ein flächendeckendes, bevölkerungsbezogenes und qualitätsgesichertes Brustkrebs-Früherkennungsprogramm nach europäischen Leitlinien einzuführen. Nachdem die Kooperationsgemeinschaft Mammografie, die von den Krankenkassen und der KBV getragen wird, gemeinsam mit ihren fünf regionalen Referenzzentren im April 2005 die ersten Screening-Einheiten zertifizierte, sind nun 89 von 94 Einheiten gestartet. Drei weitere folgen in den nächsten Wochen, sodass nur noch die Einheiten in Kleve-Wesel und Westthüringen fehlen. Kontinuierlich werden auch die untergeordneten Mammografie-Einheiten in Betrieb genommen. Von den geplanten 396 Standorten arbeiten bereits 275, darunter 34 von 54 geplanten mobilen Standorten (Mammobilen) für ländliche Regionen. „Somit steht heute für fast 70 Prozent der Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren eine systematische Brustkrebsfrüherkennung nach den höchsten Standards zur Verfügung“, erläutert Jan Sebastian Graebe-Adelssen, Geschäftsführer der Kooperationsgemeinschaft Mammografie. „In nur drei Jahren wurden die grundlegenden Infrastrukturen zu Europas größtem und – nach Einschätzung von Screening-Experten – modernsten Mammografie-Screening-Programm geschaffen.“

Beim Mammografie-Kongress am 8. April in Berlin würdigten Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel den Aufbau und die Qualität des Screenings in Deutschland: „ In unserem Gesundheitssystem hat es bisher keine vergleichbaren Anstrengungen zur Qualitätssicherung beim Aufbau eines Früherkennungsprogramms gegeben“, sagte Gabriel. Auch die Kooperationsgemeinschaft Mammografie zog eine positive erste Bilanz. „Mit dem Mammografie-Screening haben wir einen entscheidenden Schritt gemacht, um das sogenannte graue Screening einzuschränken. Das ist eine wichtige Maßnahme des Verbraucherschutzes für unsere Versicherten“, sagte Rolf Stuppardt, Vorstandsvorsitzender des IKK-Bundesverbandes. Dr. med. Andreas Köhler, Vorsitzender der KBV, würdigte die Arbeit der beteiligten Ärzte. „Noch nie zuvor hatten wir in Deutschland eine qualitativ so hochwertige und zuverlässige Brustkrebsfrüherkennung“, erklärte er. Die besonderen Qualitätsanforderungen würden von den Ärzten sehr ernst genommen.

Ärztinnen und Ärzte, die Mammografien befunden, müssen zuvor Weiterbildungskurse und Prüfungen nachweisen. Zudem sei eine ständige Fortbildung nötig, erläuterte Dr. med. Karin Bock, Leiterin des Referenzzentrums Südwest am Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Kontinuierlich überprüft werde zudem die diagnostische Bildqualität der Geräte. Die medizinische Qualität werde durch jährliche Berichte evaluiert.

Definitive Einschätzungen zum Erfolg des deutschen Programms lassen sich jedoch noch nicht vornehmen. Im europäischen Vergleich hat Deutschland mit dem Mammografie-Screening erst sehr spät begonnen. In Island existiert dagegen bereits seit 1989 ein flächendeckendes Screening. Schweden, Großbritannien und die Niederlande führten Ende der Achtzigerjahre ihre Programme ein. Diese sind allerdings sehr unterschiedlich aufgebaut. Im Gegensatz zu Deutschland, das ein zentrales Programm etabliert, können in einigen europäischen Ländern die Regionen frei entscheiden, welche Altersgruppen von Frauen eingeladen werden sollen und wie die Auswertung erfolgen soll. Gemeinsames Ziel der Screening-Programme ist es jedoch, durch eine frühzeitige Diagnose und eine schonende und qualifizierte Therapie die Sterblichkeit infolge eines Mammakarzinoms deutlich zu senken. „Auswertungen der Screening-Programme in Kopenhagen und Island haben gezeigt, dass die Sterblichkeit an Brustkrebs unter Frauen, die tatsächlich am Programm teilnehmen, um 35 Prozent gesenkt werden kann“, erklärt Skaane. Um dies zu erreichen, sei jedoch eine Teilnahmerate von mehr als 60 Prozent und eine Laufzeit von fünf bis sieben Jahren nötig.

„Kurzfristige Aussagen über die Qualität von Programmen sind nur möglich, wenn man auf Surrogatparameter, wie die Teilnahmerate, die Wiedereinbestellungsrate, die Entdeckungsrate von Mammakarzinomen sowie die Stadienverteilung zurückgreift“, erläutert auch Graebe-Adelssen. Die Auswertungen der ersten Screening-Runde stimmen ihn jedoch optimistisch: Alle Parameter entsprechen den Empfehlungen der europäischen Experten. So liegt die Wiedereinbestellungsrate, die Aufschluss über eine möglicherweise vermehrte Anzahl falschpositiver Befunde geben soll, bei 5,1 Prozent (empfohlen sind zwischen fünf und sieben Prozent). Die Brustkrebsentdeckungsrate betrug 7,4 je 1 000 Frauen (europäische Empfehlung: das Dreifache der Hintergrundinzidenz, also 7,5 je 1 000 Frauen). Nach Angaben des Saarländischen Krebsregisters betrug die Hintergrundinzidenz (Zahl der Brustkrebs-Neuerkrankungen in der Zielbevölkerung ohne Screening-Programm) im Zeitraum von 1996 bis 2000 2,5 Neuerkrankungsfälle je 1 000 Frauen. Ferner soll der Anteil der „In-situ-Karzinome“ bei Erstscreening-Untersuchungen zwischen zehn und 20 Prozent liegen. Erste Auswertungen in Deutschland ergaben einen Anteil von 20 Prozent.

„Den ersten Ergebnissen zufolge entspricht das deutsche Programm den Europäischen Empfehlungen und bietet den Frauen die zurzeit bestmögliche Qualität in der Früherkennung von Brustkrebs“, bilanziert Graebe-Adelssen. Trotz des Anfangserfolgs gebe es jedoch noch viele Herausforderungen. Wichtig erscheint dem Geschäftsführer der Kooperationsgemeinschaft Mammografie vor allem die Schnittstelle zwischen dem Screening-Programm und der kurativen Versorgung von Frauen mit Brustkrebs (dazu auch DÄ, Heft 16/2008). „Es muss für den Übergang der Frauen vom Screening in die qualitätsgesicherten Brustzentren eine Systematik entwickelt werden. Ich empfehle eine neue, unabhängige Institution der Selbstverwaltung, die Parameter schafft, Transparenz herstellt und Wildwuchs eindämmt.“
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Daten und Fakten
- Alle zwei Jahre werden Frauen zwischen 50 und 69 Jahren per Post eingeladen, freiwillig an der Früherkennungs-Untersuchung teilzunehmen. Eine Praxisgebühr fällt nicht an.
- Mindestens zwei hoch qualifizierte Ärzte befunden unabhängig voneinander jede Mammografie. Jeder von ihnen beurteilt pro Jahr mindestens 5 000 Mammografien.
- Abklärungsuntersuchungen bleiben in der Hand des Programmverantwortlichen Arztes.
- Bei Abklärungsuntersuchungen entnommene Gewebeproben werden von speziell für das Programm qualifizierten Pathologen analysiert. Prä- und postoperativ werden Befunde in multidisziplinären Fallkonferenzen besprochen.
- Die Screening-Einheiten sind jeweils einem der bundesweit fünf Referenzzentren zugeordnet, die für Fortbildung und Qualitätssicherung verantwortlich sind.
- Evaluiert wird das Programm unter Einbeziehung des Krebsregisters.
- Die Kosten für die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung betragen zwischen 250 und 300 Millionen Euro jährlich.
- In Deutschland erkranken jährlich rund 57 000 Frauen neu an Brustkrebs; 17 500 Frauen sterben an den Folgen dieser Erkrankung.
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