ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2008Computerspiele: In einer anderen Realität

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Computerspiele: In einer anderen Realität

Dtsch Arztebl 2008; 105(17): A-890 / B-772 / C-760

Gieseke, Sunna

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Foto: ddp
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Jeder dritte Deutsche spielt zumindest hin und wieder am Computer oder an der Spielekonsole. Über Aggressions- und Suchtpotenziale wird in der Wissenschaft immer noch diskutiert.

Computer- und Internetspiele sind in der Gesellschaft angekommen. Längst sind es nicht mehr irgendwelche Außenseiter, die exzessiv spielen, viele Menschen nutzen diese Art der Spiele als Freizeitgestaltung. Inzwischen können schon Grundschüler genau sagen, welches ihre Lieblingsspiele sind: „morhüna“, „heripota“ und „niet vo spiet“ gehören unbedingt dazu. Dr. Maria von Salesch, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Leuphana-Universität Lüneburg, löst das Geheimnis um die merkwürdig klingenden Spielenamen schnell auf: „Wir haben die Kinder in unserer Studie nach ihren Lieblingsspielen gefragt: Moorhühner, Harry Potter und Need for Speed wurden mehrfach genannt. Die Grundschüler kennen sich bereits perfekt mit den Spielen aus – nur schreiben können sie sie noch nicht.“ Die Professorin präsentierte die Ergebnisse ihrer sogenannten KUHL-Studie Anfang März auf der internationalen Computerspiele-Konferenz „Clash of Realities“ in Köln. Bereits zum zweiten Mal kamen zahlreiche renommierte Wissenschaftler zusammen, um ihre Forschungsergebnisse vorzustellen.

Immer wieder wird diskutiert, ob es sinnvoll ist, dass Kinder schon so früh am Computer sitzen. Gerade Jungen haben eine starke Tendenz, zu sogenannten Gewaltspielen zu greifen. Es wird befürchtet, dass die Kinder dadurch aggressiv werden. In ihrer Studie hat von Salisch untersucht, ob die Kinder durchs Spielen aggressiv werden oder ob aggressive Kinder eher dazu neigen, gewalthaltige Spiele auszusuchen. Über mehrere Jahre wurden dieselben Grundschüler zu diesem Thema befragt. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass nicht die Vorliebe der Kinder für Spiele mit gewalttätigen Inhalten zu aggressivem Verhalten führt. Vielmehr nannten bereits als offen aggressiv bekannte Kinder über die Zeit vermehrt gewalthaltige Bildschirmspiele als ihre Favoriten.

Eine wichtige Frage der Diskussion war darüber hinaus, ob pathologische Spieler wirklich psychisch krank sind oder ob es sich hierbei um ein soziales Phänomen handelt. Zunächst wurde in der Wissenschaft die pathologische Internetnutzung als eine durch das Medium selbst verursachte Abhängigkeit bei zunächst „gesunden“ Menschen gesehen. Dr. med. Bert te Wildt, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiter der Poliklinik I der Medizinischen Hochschule Hannover, und Dr. Silvia Kratzer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Psychologie der Universität Augsburg, fanden in voneinander unabhängigen Studien heraus, dass es sich um keine eigenständige Krankheit handelt. Sie untersuchten außerdem, welche Krankheiten hinter den Symptomen stecken. In vielen Fällen stecke eine Impulskontrollstörung dahinter. Die Patienten seien häufig depressiv: Viele hätten Angst vor der Zukunft. Im Internet aber könnten sie ihre eigene Macht und Größe präsentieren.

Die exzessive Internetnutzung sei demnach eher ein Versuch, den eigenen Problemen aus dem Weg zu gehen, erklärte te Wildt. Eine ständige gedankliche Beschäftigung mache Versuche der Patienten aber erfolglos, den Internetgebrauch zu kontrollieren. „Die Menschen haben nicht selten Probleme in der Gesellschaft, treten aggressiv und depressiv auf“, erklärte te Wildt. „Es wäre aber zu einfach, den Computer einfach abzuschaffen. Das scheint nicht die Lösung für den Patienten zu sein. Das Internet ist nicht nur ein Symptom, sondern häufig auch ein Lösungsversuch“, erklärte Dr. Bert te Wildt. Bei einer Behandlung sei es daher unbedingt notwendig, dass der Psychiater sich mit der Mediennutzung seiner Patienten auseinandersetze. Grundsätzlich könne aber jeder Psychiater die Störungen der Patienten behandeln. Allerdings ist es auch eine Herausforderung: Die bisherigen Formen der Therapie können teilweise nicht greifen. Gruppentherapien scheitern zum Beispiel schon einmal am Termin, da den Patienten häufig das Gespür für Zeit fehlt.
Sunna Gieseke
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