ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2008Politische Bücher: Blick zurück mit Zorn und Sympathie

KULTUR

Politische Bücher: Blick zurück mit Zorn und Sympathie

Dtsch Arztebl 2008; 105(17): A-893 / B-775 / C-763

Jachertz, Norbert

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Der Kommunarde Rainer Langhans und seine Mitbewohnerin, das Fotomodell Uschi Obermaier 1969 in München Foto: picture alliance/united
Der Kommunarde Rainer Langhans und seine Mitbewohnerin, das Fotomodell Uschi Obermaier 1969 in München Foto: picture alliance/united
Alt-68er bilanzieren; Wissenschaftler analysieren. In der DDR war vieles anders.

Wer ist die Symbolfigur der 68er – Rudi Dutschke, der Mann mit der heiseren Stimme, die stakkato zur Revolution rief; Rainer Langhans, der mit Uschi Obermaier und anderen in der Kommune 1 die freie Liebe erprobte? Sind es die Theoretiker vom Berliner „Argument“ oder die Spontis vom Frankfurter „Pflasterstrand“? Die RAF-Terroristen oder die Turnschuhleute? Oder all die Mitmacher, die 1968 ff. Professoren geduzt und über „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ verständnisvoll gelacht haben. Alles 68er?

40 Jahre nach „68“ häuft sich die Literatur. Das ist nicht erstaunlich, waren die Achtundsechziger doch vielfach Intellektuelle mit dem Drang sich zu äußern. Und auch wenn sie jetzt in die Jahre gekommen sind, bleiben sie doch intellektuell. Sie ziehen Bilanz, mal im Zorn, mal in Gelassenheit. Götz Aly nahm am Kampf der 68er in Berlin teil und schreibt aus eigener Anschauung. Heute kreidet er seinen ehemaligen Kampfgefährten Intoleranz, ja totalitäre Gesinnung an. Bei alten Gegnern wie dem damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger entdeckt er hingegen ehrliches Bemühen um Verständnis. Empört ist Aly, der inzwischen mit ansehnlichen Büchern zu Judenvernichtung und Krankenmord hervorgetreten ist, heute darüber, dass „68“ die deutsche NS-Vergangenheit unter Antiamerikanismus und Kapitalismuskritik begraben hat.

Rudi Dutschke, berichtet Peter Schneider, auch er ein Berliner Mitkämpfer, hat die Judenvernichtung als zu überwältigend angesehen. Man sei mit der Aufarbeitung überfordert. Rainer Langhans sucht dagegen eine psychologische Erklärung: Seine Generation habe sich mit dem Nationalsozialismus nicht auseinandersetzen können, weil die Eltern und damit zwangsläufig auch die Kinder in ihn verstrickt waren.

Langhans erzählt ansonsten, wie es in der Kommune 1 zugegangen ist und wie er stets allumfassende Liebe erstrebt hat. Die Kommunegeschichten lesen sich kurzweilig und machen neugierig auf Obermaiers Version; das Esoterische bedarf der Einfühlung. Schneider hält die 68er-Bewegung bei aller heutigen Distanz für notwendig und verteidigt das Aufbegehren gegen Autoritäten, merkt aber an, dass auch das rechtzeitige Aufbegehren gegen die eigenen Propheten angezeigt ist. Norbert Frei und Wolfgang Kraushaar bieten zwei ordentliche Übersichten zur ersten Orientierung. Vor allem Frei blickt über die deutschen Grenzen hinweg, weist auf die US-Wurzeln der 68er und die weltweiten Parallelbewegungen hin. Kraushaar untersucht insbesondere die aus „68“ entstandenen „Bewegungen“.

Schneider setzt sich in einer klugen Analyse anhand seines alten Tagebuchs mit „68“ auseinander. Er hält die Bewegung bei aller nötigen Distanz für notwendig und verteidigt das Aufbegehren gegen Autoritäten. Norbert Frey und Wolfgang Kraushaar bieten zwei ordentliche Übersichten zur ersten Orientierung. In der DDR wurde 1968 ganz anders erlebt als in der BRD. Ostdeutschland stand, wie Stefan Wolle überzeugend beschreibt, ganz unter dem Eindruck des Prager Frühlings. Die rauschhaften Erlebnisse im Kampf gegen das Establishment oder gar die terroristischen Exzesse fehlten im Osten. An den Universitäten herrschte eine gespannte Atmosphäre, doch sie entlud sich nicht. „68“ im westlichen Sinne hat es in Ostdeutschland nicht gegeben, wohl aber die sexuelle Befreiung.
Norbert Jachertz

Politische Bücher
Götz Aly: Unser Kampf. 1968. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2008, 253 Seiten, 19,90 Euro

Norbert Frei: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest. dtv, München, 2008, 285 Seiten, 15 Euro

Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig. Eine Bilanz. Propyläen Verlag, Berlin, 2008, 336 Seiten, 19,90 Euro

Rainer Langhans: Ich bin’s. Die ersten 68 Jahre. Blumenbar Verlag, München, 2008, 254 Seiten, 19,90 Euro

Peter Schneider: Rebellion und Wahn. Mein 68. Eine autobiographische Erzählung. Verlag Kiepenheuer&Witsch, Köln, 2008, 265 Seiten, 19,95 Euro

Stefan Wolle: Der Traum von der Revolte. Die DDR 1968. Ch. Links Verlag, Berlin, 2008, 250 Seiten, 19,90 Euro
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