ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2008Autobiografie: Wünsche und Erwartungen

KULTUR

Autobiografie: Wünsche und Erwartungen

Dtsch Arztebl 2008; 105(17): A-894 / B-776 / C-764

Goddemeier, Christof

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„Die Erinnerung ist eine Fata Morgana in der Wüste des Vergessens“, heißt es zu Beginn. Erst als der österreichische Autor seinem Enkel von sich erzählt, stellt sich die Erinnerung an seine Kindheit langsam wieder ein. Dabei geht es ihm vor allem darum, seine „eigene Wahrheit“ zu finden, weniger um die „sogenannten Tatsachen“. Jahrgang 1942, ist Roth bei Kriegsende drei Jahre alt. Sein Vater ist Arzt. Früh hört der Junge ihn von „Exitus“ reden, von „Agonie“ und „letal enden“ – die Wörter „Tod“ und „sterben“ spricht er dagegen niemals aus. Der Sohn begleitet den Vater auf seine Hausbesuche in der Umgebung von Graz, bezahlt wird mit Selchfleisch, Schmalz, Brot und Holundersirup. Das Verhältnis zum Vater ist bald getrübt. Der möchte, dass sein Sohn ebenfalls Arzt wird, doch den Jungen zieht es in die Welt der Literatur und Fantasie. Wann immer möglich, suchen die Eltern seine literarischen Ambitionen zu unterbinden. Schließlich verspricht er dem Vater, Medizin zu studieren, und belegt nach der Matura einige Semester. Den Fragen des Sohnes nach ihrem Verhalten während der nationalsozialistischen Diktatur weichen die Eltern lange aus.

Fragmentarisch und ungeordnet beginnt diese Erinnerungsarbeit im Kopf des Autors, am Ende steht eine voluminöse Autobiografie, die beides ist: chronologische Erzählung von Kindheit und Jugend und lockere Verbindung einzelner Bilder und Szenen. Der Spannung zwischen seinen Wünschen und den Erwartungen der Erwachsenen begegnet der Heranwachsende über weite Strecken mit einer Art doppelter Buchführung. Leitmotivisch führt durch den Text das Bild einer Taschenuhr, die der Icherzähler als Kind mit seinem Bruder in ihre Bestandteile zerlegt und in einem Papiersäckchen verstaut. Erst Jahrzehnte später fügt ein Uhrmacher die Teile wieder zusammen.
Christof Goddemeier

Gerhard Roth: Das Alphabet der Zeit. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2007, 860 Seiten, gebunden, 28 Euro
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