ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 2/2008Börsenpsychologie: Dem „Herdentrieb“ widerstehen

Supplement: PRAXiS

Börsenpsychologie: Dem „Herdentrieb“ widerstehen

Dtsch Arztebl 2008; 105(18): [8]

Jobst, Peter

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Wenn die Kurse moderat steigen, sind die meisten Anleger skeptisch. Explodieren sie jedoch, wird jeder freie Euro investiert. Ähnlich in der Baisse: Fallende Kurse werden lange Zeit hingenommen, erst zum Höhepunkt des Crashs entschließen sich viele zum Verkauf.

Anlageexperten bezeichnen es als „Bild-Zeitungs-Syndrom“: Berichtet das meistgelesene Printmedium Deutschlands über Aktien, ist höchste Wachsamkeit angesagt. Denn die Erfahrung zeigt: Wenn die Börse bejubelt und „Gewinne für jedermann“ versprochen werden, ist das Ende der Hausse nicht weit. Aber auch wenn die „Bild“-Redakteure „in Trauer verfallen“ und einen spektakulären Crash oder eine jahrzehntelange Baisse prognostizieren, steht die Wende zum Besseren meist unmittelbar bevor. Bestes Beispiel: Die Börsenentwicklung in den vergangenen zehn Jahren. „Geld-Rausch“ war Ende 1999 in großformatigen Lettern auf der Titelseite zu lesen, und die Redakteure präsentierten Konzepte zum „schnellen Reichtum“. Nur wenige Wochen sollte es dauern, bis der dramatischste Rückgang der deutschen Börsengeschichte begann. Ebenso ließ das Massenmedium im Frühjahr 2003 bekannte Crash-Propheten zu Wort kommen, die ein Abstürzen des DAX von seinerzeit 2 500 auf unter 1 000 Punkte prognostizierten – und dies kurz vor Beginn der Hausse, in der viele Papiere ihre Notierungen vervielfachen konnten.

Hitlisten taugen nicht als Kaufindikator
Ein Problem wird damit erkennbar: Deutsche Geldanleger lassen sich viel zu leicht beeinflussen. Statt ihr Depot mit einer soliden Mischung aus Rentenwerten, Aktien und Immobilienprodukten auszustatten, neigen sie dazu, alles auf eine Karte zu setzen. Was noch schlimmer ist: Die Umschichtungen erfolgen nahezu immer zum falschen Zeitpunkt. So wurde in den 80er- und Anfang der 90er-Jahre kräftig in Fremdwährungsprodukte investiert – kurz bevor der US-Dollar und in seinem Gefolge auch die meisten anderen Auslandsdevisen erhebliche Kursverluste verzeichneten. Dann folgte ein Boom bei den Rentenwerten, der 1999 infolge steigender Kapitalmarktzinsen zu erheblichen Verlusten führte. In den Jahren 1999 und 2000 wurde das Geld dann in Aktien und Aktienfonds umgeschichtet – und damit so manches Vermögen verbrannt. Der „Herdentrieb“, dem insbesondere Kleinsparer nur allzu gern unterliegen, ist mithin ein schlechter Ratgeber.

Hinzu kommt das Problem, dass sich insbesondere private Anleger meist allein an den Renditen der Vergangenheit orientieren. Statt mit gesundem Menschenverstand an die Anlage heranzugehen, vertrauen sie auf das, was bereits geschehen ist. Hitlisten in Fondsmagazinen gelten als zuverlässiger Kaufindikator, nach 100 Prozent Börsenplus wird eingestiegen. Ignoriert werden dabei auch warnende Stimmen. Anlageberater, die beispielsweise im Frühjahr 2000 vor einer Überhitzung des Markts warnten und zu Umschichtungen in Rentenwerte rieten, wurden im günstigsten Fall milde belächelt. Nicht selten wurden auch Vorwürfe laut, die Institute wollten nur ihre eigenen Produkte verkaufen und den Anleger nur deshalb von der Zeichnung der „so chancenreichen Neuemissionen“ abhalten. Erst im Nachhinein musste mancher Anleger erkennen, dass die kritischen Berater letztlich doch recht hatten.

In jedem Fall haben private Anleger heute auch ohne übermäßiges Fachwissen durchaus die Möglichkeit, an den Wertpapiermärkten gutes Geld zu verdienen – vorausgesetzt, sie schenken der „Börsenpsychologie“ mehr Beachtung. Schlüssel dazu ist zum einen der „gesunde Menschenverstand“, zum anderen die Diversifizierung. So hat die Börse seit mehr als 100 Jahren unter Beweis gestellt, dass sich Zyklen aus Hausse und Baisse stets mehr oder minder regelmäßig wiederholen. Immer dann, wenn niemand mehr daran glaubt, steigen die Kurse. Wenn alles in Euphorie ausbricht und der „Bild-Indikator“ seinen Höhepunkt erreicht, bestehen jedoch erhebliche Risiken. Wer sich daran orientiert, kann – siehe die Jahre 2003 bis 2007 – manche zusätzlichen Gewinne einfahren und Kursverluste vermeiden.

Dass es dabei zu Fehlentscheidungen kommen kann, ist unvermeidlich. So waren die meisten Börsenexperten zu Jahresbeginn davon ausgegangen, dass der Deutsche Aktienindex nach fünf Jahren Hausse zwar kein wesentliches Potenzial mehr hat, sich jedoch im Bereich der psychologisch wichtigen 8 000-Punkte-Marke behaupten wird. Der Markt war also keineswegs von Euphorie geprägt. Dass die deutsche Börse seit Jahresbeginn knapp 20 Prozent nachgegeben hat, ist angesichts der aktuellen Probleme (Ölpreis, Dollarkurs, Subprime-Krise) zwar durchaus verständlich. Es kam jedoch „börsenpsychologisch“ eigentlich überraschend, weil viel zu spät. Und auch im weiteren Jahresverlauf kann sich die Stimmung durchaus wieder ändern und die Börse dem Anleger Gewinne – oder auch Verluste – bescheren.

Die grundsätzliche Treffsicherheit der „Börsenpsychologie“ gilt auch in fast allen anderen Bereichen der Geldanlage. Wer sich der Tatsache bewusst ist, dass die durchschnittliche Umlaufrendite in den vergangenen 50 Jahren mehr als sechs Prozent betragen hat, wird bei einem Marktzins von drei Prozent kaum in langfristige Rentenwerte investieren. Und wer den Kursverfall des US-Dollars der vergangenen Jahre in den Langzeitvergleich stellt, erkennt schnell, dass der „Greenback“ mittelfristig durchaus wieder besseren Zeiten entgegengehen dürfte.

Nicht in Firmen investieren, die man nicht kennt
Aber auch bei Einzelentscheidungen ist der gesunde Menschenverstand gefragt. In der Hausse 1999/2000 haben viele Anleger Aktien von Unternehmen gekauft, deren Tätigkeitsfeld sie nicht beurteilen konnten oder – noch schlimmer – gar nicht kannten. Als dann von einer Krise in der Halbleiterindustrie zu lesen war, fühlten sie sich zunächst gar nicht betroffen. Erst als sie erfuhren, dass ihr „heiß geliebtes“ Unternehmen, in das sie Zehntausende Euro investiert hatten, allein solche Halbleiterprodukte herstellt, kam das böse Erwachen. Doch dann waren die Kurse meist bereits kräftig gefallen, denn die Profis waren längst ausgestiegen. Wer indes auf Unternehmen gesetzt hatte, die er aus dem täglichen Leben kannte und deren Produkte er schätzte, erlitt wesentlich geringere Verluste. Mehr noch: Während mancher zweifelhafte Technologiewert aus der einstigen Hausse heute vom Kurszettel verschwunden ist, notieren „Traditionswerte“ oft deut- lich über den Rekordständen aus dem Jahr 2000 und weit über den Tiefstständen von 2003.

„Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen“
Mindestens ebenso wichtig ist die Frage nach der Diversifizierung. Anleger, die in der Vergangenheit kaum Ersparnisse gebildet haben, sollten nicht von heute auf morgen ihr gesamtes Kapital auf hoch spekulative Aktien setzen. Ebenso wenig sollten Sparer, die für ihr Alter vorsorgen wollen, allein Anleihen kaufen. Wirklich erfolgreich sind nur Investoren, die ihr Vermögen angemessen streuen. Als Grundlage dient dabei eine Basis aus liquiden Mitteln, die über kurzzeitige Finanzengpässe hinweghelfen. Darauf aufbauend stellen Rentenwerte und Aktien eine solide Anlage dar, wobei der Aktienanteil umso größer gewählt werden kann, je längerfristiger die Anlage konzipiert ist. Auch bei der Einzelproduktauswahl sollten Anleger keineswegs auf einige wenige Papiere setzen, sondern sich möglichst bemühen, ihr Vermögen zu streuen, also zum Beispiel neben deutschen Aktien auch internationale Werte zu wählen und dabei auch auf eine gute Mischung verschiedener Branchen achten.

Ein weiterer großer Fehler sind unüberlegte Umschichtungen. Viele Anleger verkaufen eine Aktie bereits dann, wenn sie damit wenige Prozent Plus erzielt haben. Wenn jedoch ein Papier in die roten Zahlen gerät, wird das Engagement langfristig beibehalten, unabhängig davon, wie groß die Verluste werden. Auch nehmen manche Sparer einen Börsenverlust von mehreren Tausend Euro mit Schulterzucken hin, während sie gleichzeitig stundenlang bei den Discountern nach Schnäppchen suchen, die ein paar Cent billiger sind.

Mehr Erfolg verspricht ein konsequentes Risikomanagement nach dem Motto „Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen“. Solange ein Papier steigt, wird es gehalten. Gibt es eines Tages nach, wird es erst dann verkauft, wenn die festgelegte Verlustgrenze – zum Beispiel zehn Prozent unter dem erreichten Höchstkurs – zurückfällt. Damit wird zwar vielleicht der optimale Ausstiegszeitpunkt verpasst, jedoch bemisst sich das Risiko lediglich auf maximal zehn Prozent. Noch deutlicher wird dies bei Wertpapieren, die negativ tendieren. Wer konsequent zum Beispiel bei einem Minus von zehn oder 15 Prozent aussteigt, bleibt selbst mit hoch spekulativen Werten vor einem Debakel analog zu den Jahren 2000 bis 2003 verschont. Peter Jobst
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