ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2008Von schräg unten: Brief an das Helfersyndrom

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Brief an das Helfersyndrom

Dtsch Arztebl 2008; 105(18): [108]

Böhmeke, Thomas

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Sehr geehrtes Syndrom,

wortlos verfolgen Sie mich schon seit meiner Jugend, zwingen mich zu absonderlichsten, psychiatrisch anmutenden Aktionen: Bereits als Heranwachsender konnte ich keiner Großmutter kontemplative Augenblicke vor den Auslagen der Schaufenster gönnen, weil ich sie über den nächstgelegenen Zebrastreifen zwingen wollte. Später, im Rettungsdienst, karrte ich Dutzende alkoholisierte Fußballbegeisterte zwecks Magenspülung in die Notaufnahme – vor dem Anpfiff.

Als Niedergelassener verlängerte ich die Wartezeit in meiner Praxis auf mehr als fünf Stunden, auf dass meine Patienten währenddessen ihr Übergewicht bekämpfen konnten, übereinandergestapelt im Wartezimmer bei trocknem Wasser und schlechten Zeitschriften. Mit dem sich bei mir einstellenden Alter, Übergewicht und dem Einfluss des früher vehement bekämpften Alkohols stellt sich nunmehr für mich die Frage, ob Sie tatsächlich so nutzbringend sind wie besagte Magenspülung nach übermäßigem Biergenuss. Ist mir noch zu helfen? Aus der Sicht meiner Opfer kann ich nur sagen: Ab mit Ihnen in den Regress!

Ziemlich ernüchtert, Ihr T. Böhmeke

Sehr geehrter Herr Doktor Böhmeke,

wenn Sie nur wüssten. Ich hatte sooo ein schönes Leben, beseelte Spitale, Karrieren, Arztromane und Krankenhausserien, eingenistet irgendwo zwischen Empathie und Ausnutzung. Lüstern tobte ich mich in den jungen Ärzten aus, die bis zur Eradikation ihrer Leistungsfähigkeit gingen. Aber was ist jetzt aus mir geworden? Verjagt von EU-Richtlinien, banalisiert von Arbeitszeitgesetzen, kannibalisiert vom Qualitätsmanagement! Wo, bitte schön, ist noch Platz für mich, wenn angehende Ärzte ihre Berufung nur noch als abgeklapperten Flowchart begreifen? Auf der anderen Seite:
Wie viele Stellen konnten früher die Krankenhäuser durch mich einsparen? Was wäre ein Halbgott in Weiß ohne mich? Und jetzt kommen Sie daher, machen mich auf der allerletzten Seite des Deutschen Ärzteblattes nieder! Als ob ich nicht schon genug darunter zu leiden hätte, dass mich die Psychologen fortwährend entblättern und als Ursache von Burn- outs brandmarken. Also, seien Sie kein Philister, tun Sie etwas: Gegen den Ärztenotstand an den Krankenhäusern! Für die Freuden einer 80-Stunden-Woche! Arbeiten bis zum Anschlag für einen Pfifferling!

Helfen Sie dem Helfersyndrom!
Dr. med. Thomas Böhmeke ist
niedergelassener Kardiologe
in Gladbeck.
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