ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2008Mindestquotenregelung für ärztliche Psychotherapeuten: Ein guter Kompromiss

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Mindestquotenregelung für ärztliche Psychotherapeuten: Ein guter Kompromiss

Dtsch Arztebl 2008; 105(18): A-917 / B-797 / C-785

Bühring, Petra

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Petra Bühring Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Petra Bühring Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Ärztliche Psychotherapeuten (ÄP) sind die einzige Facharztgruppe, die neben den Hausärzten noch sehr gute Niederlassungsmöglichkeiten hat – überall, nicht nur im Osten. Die Zahl der offenen Planungsbereiche ist 2007 für alle anderen Fachärzte erneut gesunken.

Grund für diese Sonderstellung der ärztlichen Psychotherapeuten ist eine gesetzliche Regelung, die mit hehrer Absicht eingeführt wurde, ihre Wirkung aber nicht wie gewünscht entfaltet hat. Es geht um die Mindestquotenregelung nach § 101 Absatz 4 SGB V, die Ärzten einen Mindestanteil an der psychotherapeutischen Versorgung von 40 Prozent zusichert. Die Regelung läuft Ende des Jahres aus. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat nun einen Kompromiss unterbreitet: Die Quote sollte mit 20 Prozent weitergeführt werden, schlägt die parlamentarische Staatssekretärin, Marion Caspers-Merk, dem Gesundheitsausschuss vor.

Eingeführt wurde die Quote 1999 mit dem Psychotherapeutengesetz, als die große Gruppe der Psychologischen Psychotherapeuten (PP) in das kassenärztliche System integriert wurde. Der Gesetzgeber wollte damals die Ärzte schützen. Zur Versorgung zugelassen waren Ende 2006 genau 4 279 ÄP und 15 089 PP. Doch die Bilanz der Quotenregelung nach zehn Jahren ist schlecht: 1 643 der für Ärzte reservierten Sitze können nicht besetzt werden. Sie fehlen in der Versorgung psychisch kranker Patienten. Die Wartelisten sind überall lang. Psychologen dürfen die offenen Sitze nicht übernehmen.

Der Versorgungsanteil der ÄP beträgt im Bundesdurchschnitt 20 Prozent. Eine 40-prozentige Quote kann also rein rechnerisch nicht erreicht werden – es gibt die Ärzte schlichtweg nicht, und eigentlich gab es sie nie. Die Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie haben ein Nachwuchsproblem. Bereits auf dem Deutschen Ärztetag 2006 in Magdeburg wurde prophezeit, dass sich deren Anzahl weiter verringern werde, wenn nicht gegengesteuert wird. Bislang ist eine Trendwende nicht abzusehen.

Würde die Quote nun einfach wegfallen, ergäben sich allerdings nicht 1 643 freie Niederlassungsmöglichkeiten, sondern bundesweit nur rund 700, so eine Schätzung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Denn die Sitze sind nur „fiktiv“ – ein Paradox der Bedarfsplanung. Weil die meisten der für Ärzte reservierten Sitze in faktisch überversorgten Planungsbereichen liegen, in denen der Versorgungsgrad über 110 Prozent liegt, fallen viele weg. Eine Nachfrage bei der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin beispielsweise ergab, dass die 156 Sitze für Ärzte ersatzlos gestrichen würden. Von den 274 Sitzen in Nordrhein würden rund ein Drittel der Bedarfsplanung zum Opfer fallen.

Zu der Frage, wie es mit der Quotenregelung weitergehen soll, hat sich nicht nur das BMG positioniert. Die Forderungen gehen auseinander. Der Berufsverband der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie e.V., die Bundes­ärzte­kammer, die KBV und die Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen sprechen sich für die Beibehaltung der Quotenregelung aus. Ihre Argumente: Ärzte haben eine Doppelkompetenz, weil sie sowohl somatische als auch psychotherapeutische Leistungen erbringen. Es bestehe die Gefahr der Verdrängung, insbesondere weil bei der Nachbesetzung von Sitzen Psychologen eher zum Zuge kommen würden, weil sie bereits länger auf eine Zulassung warteten. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer und die Berufsverbände der Psychologen hingegen lehnen eine Fortschreibung ab. Sie sehen die Gefahr von Versorgungsengpässen, weil auch Niederlassungsmöglichkeiten für Psychologen gesperrt werden, obwohl der vorgesehene Sollwert noch nicht erfüllt ist.

Die 20-Prozent-Quote wäre ein akzeptabler Mittelweg. Ein Anteil von 20 Prozent entspricht in etwa der aktuellen Versorgungssituation. Neue Niederlassungsmöglichkeiten für Psychologen würden geschaffen. Ebenso bliebe die Versorgungsvielfalt erhalten, die die Doppelkompetenz der Ärzte bietet. Ein Fehler darf sich nicht wiederholen: Die Quote wurde vor zehn Jahren viel zu hoch angesetzt, wodurch Patienten länger auf eine Psychotherapie warten mussten, als nötig gewesen wäre.
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