ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2008Arzneimittelversorgung: Es hakt an der Schnittstelle

POLITIK

Arzneimittelversorgung: Es hakt an der Schnittstelle

Dtsch Arztebl 2008; 105(18): A-932 / B-810 / C-798

Korzilius, Heike

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LNSLNS Der Wechsel der Versorgungsebene geht häufig mit einem Wechsel der Medikation einher. Dem wollen niedergelassene und Krankenhausärzte in Remscheid durch eine gemeinsame Wirkstoffliste entgegenwirken.

Sie sind nicht die Ersten, die sich des Problems angenommen haben. Doch sie sind die Ersten, deren Erfolg durch eine Diplomarbeit belegt wird. Im nordrhein-westfälischen Remscheid haben sich niedergelassene Ärztinnen und Ärzte mit den Kolleginnen und Kollegen am dortigen Sana-Klinikum zusammengefunden, um die Schnittstellenprobleme in der Arzneimittelversorgung beim Übergang vom Krankenhaus in die ambulante Versorgung zu lösen. Hintergrund ist eine strategische Kooperation, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Sana-Kliniken im Dezember 2005 geschlossen haben. Die Partner vereinbarten unter anderem, Arzneiverordnungen zwischen dem ambulanten und stationären Sektor besser abzustimmen.

Problematisch ist das unterschiedliche Preisniveau
Häufig werden Patienten im Krankenhaus auf Medikamente eingestellt, die der niedergelassene Arzt nach der Entlassung nicht weiter verordnet. Grund dafür ist meist das unterschiedliche Preisniveau in den öffentlichen und den Krankenhausapotheken. So können die Tagestherapiekosten, die im Krankenhaus bei fünf Cent liegen, im niedergelassenen Bereich für das identische Präparat mit 72 Cent zu Buche schlagen, wie Heike Krämer in ihrer Diplomarbeit* am Beispiel Remscheid ermittelt hat. Der deshalb notwendige Therapiewechsel kann wiederum die Compliance der Patienten beeinträchtigen. Zudem kostet er den Arzt Zeit und damit Geld. Die Leistungserbringer sollten aus eigenem Antrieb zusammenarbeiten, um diese Defizite zu reduzieren, lautet die Analyse von Krämer.

Therapiefreiheit soll gewahrt bleiben
In Remscheid fand die erste Sitzung einer gemeinsamen Arznei­mittel­kommission, in der niedergelassene Ärzte und Mitarbeiter des Krankenhauses vertreten waren, im Dezember 2006 statt. Man verständigte sich auf die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die für die medikamentenintensivsten Bereiche eine einheitliche Wirkstoffliste erarbeiten sollte. „Dabei sollte die Therapiefreiheit aber gewahrt bleiben“, betont der Leiter der Krankenhausapotheke am Sana-Klinikum Remscheid, Hans-Peter Geiger. „Wir haben uns auf Wirkstoffe geeinigt. Welches Präparat der Patient erhält, bestimmt nach wie vor der Arzt.“

Die Arbeitsgruppe, der drei niedergelassene, vier Krankenhausärzte und Geiger angehörten, befasste sich mit fünf Arzneimittelgruppen: kardiologische Präparate, Schilddrüsen- und Osteoporosepräparate, Analgetika, Insuline und andere Diabetika sowie Antibiotika. Für die Gruppe der Betarezeptorenblocker einigte man sich beispielsweise auf den Wirkstoff Bisoprolol. Als Alternative steht Carvedilol auf der gemeinsamen Liste. Bei den ACE-Hemmern soll Ramipril verordnet werden. Als Alternative gilt Benazepril.

„Das gegenseitige Vertrauen ist gewachsen“, sagt Krankenhausapotheker Geiger über die gemeinsame Arbeit. Darüber hinaus habe sich unter dem Einfluss der niedergelassenen Ärzte aber auch das Verordnungsverhalten der Krankenhausärzte stark verändert.

Das wissenschaftliche Urteil fällt ähnlich positiv aus. Krämer hatte zwischen September 2006 und Mai 2007 die Fälle von 226 Patienten der kardiologischen Abteilung des Sana- Klinikums analysiert. Sie kommt zu dem Schluss, dass durch die gemeinsame Wirkstoffliste im ambulanten Versorgungsbereich Einsparungen erzielt werden konnten.

Doch die Wissenschaftlerin schlägt auch kritische Töne an. Die Untersuchung belege, dass die Zusammenarbeit zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor in der Kardiologie „bei Weitem noch nicht optimal“ sei. Krämer kritisiert insbesondere, dass nur acht Prozent der Patienten einen Medikamentenpass besaßen, der dem Krankenhausarzt zum Zeitpunkt der Aufnahme deren Medikation auflistete. 81 Prozent der Patienten gaben bei der stationären Aufnahme selbst Auskunft über ihre Medikamente. Dabei war unter anderem von blauen, gelben und grünen Tabletten die Rede.

Initiative muss von Ärzten vor Ort ausgehen
Das Problem des Medikamentenpasses ist noch immer ungelöst, wie Krankenhausapotheker Geiger einräumt. Doch er hofft, dass zumindest die gemeinsamen Sitzungen weitergehen. „Wenn sich die Arbeitsgruppe einmal im Jahr trifft, ist das schon ein Erfolg“, sagt Bernhard Brautmeier, Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, die das Projekt in Remscheid angestoßen hat. Umfragen belegten, dass die niedergelassenen Ärzte inzwischen seltener die Medikation ihrer Patienten umstellen müssten. „Natürlich ist es schwierig, eingefahrene Gewohnheiten zu ändern“, räumt auch Brautmeier ein. Dennoch hofft er, dass andere dem Beispiel aus Remscheid folgen. „Die Initiative muss von den Ärztinnen und Ärzten vor Ort ausgehen. Sie müssen den Kontakt zu den Krankenhäusern aufnehmen. So etwas kann man nicht verordnen.“
Heike Korzilius

* Heike Ursula Krämer, Verbesserung der Zusammenarbeit des ambulanten und stationären Bereichs hinsichtlich der Arzneimittelversorgung am Beispiel Remscheid, Diplomarbeit an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln im Fach „Gesundheitökonomische Entscheidungsverfahren“, 2007.
Die Arbeit kann bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Tersteegenstraße 9, 40474 Düsseldorf, E-Mail: kvno.hauptstelle@kvno.de, angefordert werden.
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