ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/1996Körpergewicht: Mißverständlich
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNSLNSLNS Es wurden zwei Publikationen aus dem New England Journal of Medicine zur Beziehung zwischen Übergewicht beziehungsweise Gewichtsschwankung und Mortalität referiert. Die mißverständliche Darstellung dieses Themas erfordert einige Anmerkungen. Die neueste Auswertung der Nurses’ Health Study zeigt in der Tat eindrucksvoll, daß das Sterberisiko mit steigendem Body Mass Index (BMI gleich Körpergewicht in kg/Körpergröße in Meter im Quadrat) ansteigt, und zwar besonders oberhalb von 27 kg/m2 und nicht, wie fälschlich genannt, unterhalb davon. Ein BMI von 27 kg/m2 oder höher stellt jedoch kein "extremes Übergewicht" dar, sondern liegt beispielsweise bei einer 170 cm großen Person bereits bei einem Gewicht von 78 kg vor und entspricht in etwa 10 Prozent Übergewicht nach der Broca-Formel. Mindestens jeder dritte erwachsene Deutsche erreicht oder übertrifft diesen Wert. Dies bedeutet, daß jeder dritte Bundesbürger gefährdet ist, wegen seines Übergewichts vorzeitig zu sterben. Damit ist aber das Gesundheitsrisiko des Übergewichts keineswegs ausreichend gewürdigt. Eine andere Auswertung der Nurses’ Health Study ergab kürzlich, daß bei Frauen bereits ein Körpergewicht im oberen Normalgewichtsbereich beziehungsweise ein moderater Gewichtsanstieg ab dem Alter von 18 Jahren das Risiko für die koronare Herzkrankheit erhöht (JAMA 1995; 273 : 461-465). Allein diese Ergebnisse sind so alarmierend, daß eine Neubewertung des Gesundheitsrisikos der Adipositas und damit auch eine Revision der Gewichtsempfehlung dringend geboten erscheint.
Schließlich sei noch ein Kommentar zu der Schlußaussage gestattet, daß das Körpergewicht mit einer cholesterinarmen Ernährung nicht kontrolliert werden kann. Hier wurde wohl Cholesterinzufuhr mit Fettaufnahme verwechselt. Richtig und hervorzuheben ist, daß das wachsende Angebot fettarmer beziehungsweise fettreduzierter Lebensmittel nicht verhindern konnte, daß die Prävalenz des Übergewichts in den Industrieländern in den letzten Jahrzehnten weiter angestiegen ist. Der Verzehr solcher "Light-Produkte", um damit das Körpergewicht zu halten oder zu senken, ist ohne gleichzeitige Begrenzung der Gesamtfettmenge und der übrigen Kalorienträger leider unwirksam beziehungsweise sinnlos.
Prof. Dr. med. Hans Hauner, Jahnstraße 37, 41464 Neuss
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote