ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2008Die Lobotomie: Wie ein Relikt aus finsterer Zeit

THEMEN DER ZEIT

Die Lobotomie: Wie ein Relikt aus finsterer Zeit

Dtsch Arztebl 2008; 105(18): A-945 / B-821 / C-809

Gerste, Ronald D.

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Rund 2 900, vielleicht sogar bis zu 3 500 Menschen soll Walter J. Freeman lobotomiert haben. In Spitzenzeiten operierte er bis zu 25 Patienten am Tag. Foto: AP
Rund 2 900, vielleicht sogar bis zu 3 500 Menschen soll Walter J. Freeman lobotomiert haben. In Spitzenzeiten operierte er bis zu 25 Patienten am Tag. Foto: AP
Der Aufstieg des „Lobotomisten“ Walter J. Freeman ist eine Parabel des Missbrauchs von Wissenschaft, der Hybris eines Arztes und vor allem der Kritiklosigkeit von Öffentlichkeit und Fachkollegen.

Der Heilkundige setzte unter den erwartungsvollen Bli-cken seiner Kollegen das Instrument an. Der Patient war nur oberflächlich betäubt, doch er regte sich kaum, aus Angst oder aus seiner Grunddisposition heraus, die von den sich um ihn gruppierenden Ärzten mit Begriffen wie „besessen“ oder „stumpfsinnig“ beschrieben wurde. Mit einem geschickten Griff trieb der Mann, an dessen Bewegungen die anderen Vertreter seiner Kunst mit atemloser Spannung hingen, das schlanke Stück Metall knapp oberhalb des Bulbus durch die Orbita. Als die Spitze der knapp fingerdicken Sonde an das Orbitadach stieß, griff der Heilkundige zu einem kleinen Holzhammer. Zwei-, dreimal schlug er zu, dann überwand das Instrument den Knochen und fuhr, sichtlich von jedem Widerstand befreit, ins Gehirn des Patienten ein. Mit ein paar schnellen Bewegungen rotierte der Heilkundige den Metallstab in diesem Zielorgan seiner Bemühungen, dann zog er das Stück Metall wieder zurück, aus dem Zerebrum, aus der Orbita und verkündete mit einer kurzen Bemerkung zu seinem Publikum hin seine Überzeugung, dass der entscheidende Schritt zur Heilung des Patienten von seiner geistigen Umnachtung getan sei.

Diese Szene könnte aus einer Schilderung der Heilkunst eines Schamanen in archaischer Zeit stammen, mutet die Vorstellung, dass man einen Geisteskranken durch eine kurze und brutale Zerstörung einiger seiner Gehirnstrukturen heilen könne, doch wie ein Relikt aus einer finsteren Epoche, Äonen vor Aufklärung und Rationalismus an. Doch der Eingriff wurde vor laufender Kamera vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert vorgenommen, im technologisch fortschrittlichsten Land der Welt, das gerade die Atombombe entwickelt hatte und sich anschickte, in den Weltraum vorzustoßen: den USA. Für rund ein Jahrzehnt, von den frühen 40er- bis in die Mitte der 50er-Jahre hinein kündeten die Schlagzeilen der Zeitungen von den Wunderheilungen des Dr. Walter J. Freeman, saßen Psychiater, Neurologen und Ärzte anderer Fachrichtungen atemlos bei seinen Demonstrationen, viele von ihnen begeistert. Diejenigen, die Freeman und seine Methode ablehnten, pfiffen ihn gelegentlich auf Kongressen aus; ihn in der Öffentlichkeit anzugreifen, wagte niemand, viele Jahre nicht. Denn Walter J. Freeman war der Hoffnungsträger für unzählige Familien mit psychisch kranken Angehörigen und der Liebling der Presse. Walter J. Freeman war der Lobotomist.

Die Saga Freemans und seiner Methode, die er nicht erfand, doch mit der sein Name für immer verknüpft bleibt, erzählt nicht nur von einer der dramatischsten Irrungen in der jüngeren Medizingeschichte. Sie ist auch eine Parabel des Missbrauchs von Wissenschaft, der Hybris eines die Medien perfekt für seine Zwecke einsetzenden Arztes und vor allem einer erschütternden Kritiklosigkeit der Öffentlichkeit und vor allem der Fachkollegen. In den Vereinigten Staaten hat jetzt die Dokumentation des freemanschen Wirkens durch die öffentlich-rechtliche Fernsehgesellschaft PBS für großes Aufsehen gesorgt.

Aus der Nachschau heraus wirkt es geradezu unglaublich, wie lange Freeman seine transorbitale Lobotomie propagieren konnte – und dass die medizinischen Fachgesellschaften jahrelang keine Anstrengungen unternahmen, ihn an seinem oft jedweden chirurgischen und hygienischen Grundsätzen Hohn sprechenden Treiben zu hindern. Denn Freeman lobotomierte auch fernab eines sterilen Operationsaals, oft in Praxisräumen und Hörsälen mit dem Patienten auf einer Trage und meist ohne Handschuhe. In einem Fall rief die Polizei ihn zu einem seiner Patienten, der in seinem Farmhaus randalierte und eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darzustellen schien. Freeman überredete den Mann, der sich vor den Gesetzeshütern verbarrikadiert hatte, aufzugeben. Der psychisch Labile gehorchte, Freeman lobotomierte ihn direkt auf seiner Terrasse. Unglaublich auch die Herkunft des freemanschen Instrumentariums: Er begann mit einem Eispickel aus der eigenen Eiskammer.

Freeman, über den ein Zeitzeuge sagte, er sei so nah am Genius gewesen wie niemand anders, den er in seinem Leben kennen gelernt hatte, und doch gleichzeitig „mad as hell“, war kein vorsätzlich böser, ignoranter oder gar sadistischer Arzt. Die Sorge um psychiatrische Patienten trieb ihn um, sein Mitgefühl mit den Kranken war ehrlich. Und was Freeman in psychiatrischen Kliniken wie dem St. Elisabeth Hospital in Washington, dessen Leitung er als 29-Jähriger übernahm, sah, war in der Tat entsetzlich. Die Patienten waren oft verwahrlost, wurden in völlig überbelegten, verdreckten Zimmern zusammengepfercht und mit Elektroschocks behandelt – wenn überhaupt eine Therapie stattfand. Als 1946 die Zeitschrift „Life“ einen Artikel mit dem Titel Bedlam (Chaos) zum Zustand psychiatrischer Kliniken mit zahlreichen schockierenden Bildern publizierte, war die Öffentlichkeit zutiefst erschüttert. Der Traum von einer Heilung Geisteskranker – nie schien seine Realisierung so dringlich, und Walter J. Freeman machte sich auf, dieses Bedürfnis zu befriedigen.

1936 hatte Freeman, inzwischen hoch angesehener Neurologe an der Klinik der George Washington University in der US-amerikanischen Hauptstadt, die erste frontale Lobotomie durchgeführt. Auf der Suche nach einer Therapie für Manische, Depressive oder einfach Auffällige war er auf eine Arbeit des Portugiesen Egas Moniz gestoßen. Moniz vertrat die These, dass man mit der Durchtrennung von Nerven, die vom Stirnlappen zum Thalamus verlaufen, seelische Krankheiten heilen könne. Moniz wurde für diese „Innovation“ 1949 der Nobelpreis verliehen – Nachfahren von lobotomierten Patienten setzen sich heute dafür ein, dass ihm dieser posthum wieder aberkannt wird. Doch Freeman konnte weder diese Entwicklung absehen noch standen ihm randomisierte Studien im modernen Sinn zur Verfügung, die von der Wirkungslosigkeit des Verfahrens gekündet hätten. Für ihn war es der State of the art.

Freeman stellte 1937 auf der Tagung der American Medical Association seine Erfahrungen mit den ersten 20 Patienten vor und sang das Hohelied der Befreiung der Operierten aus überbelegten, schlecht beleumundeten Nervenheilanstalten. Zwar standen Kollegen auf und beschimpften die Methode als barbarisch, das Skalpell entwand ihm jedoch niemand. Freeman entwickelte einen schonenderen Zugang, den transorbitalen – den Patienten musste nicht mehr der Kopf geschoren werden, der große, eine Narbe hinterlassende Schnitt blieb ihnen erspart. Stattdessen führte Freeman einen Eispickel ein. Der Eingriff schien einen Ausweg aus dem Dahinvegetieren in einem „lunatic asylum“ zu bieten. Freemans Werbeslogan lautete: „Lobotomie bringt sie nach Hause.“

Auch Prominente mit „Problemfällen“ in der Familie gehörten bald zu jenen, die von der Lobotomie wenn nicht Heilung, so doch Sedierung erwarteten. Der berühmteste Fall war die Tochter eines schwerreichen Geschäftsmanns und Sozialaufsteigers, der kurzfristig Botschafter der USA in Großbritannien war: Joseph P. Kennedy. Rosemary Kennedy war das Antlitz, das in der Galerie stets siegesgewiss lächelnder Kennedys fehlte. In der großen Zeit von Amerikas quasiroyaler Familie, während des Aufstiegs des Senators John F. Kennedy und schließlich in den tausend Tagen seiner Präsidentschaft waren die Familienmitglieder der Öffentlichkeit wohlbekannt – bis auf Rosemary Kennedy. Für Biografen der Familie steht indes nicht eindeutig fest, ob die 1918 geborene Rosemary wirklich als geistig behindertes Kind zur Welt kam oder ob sie nur ein nonkonformistisches Mädchen war, das die Lebensmaxime der Kennedys, immer kompetitiv sein, immer siegen zu müssen, für sich ablehnte. Wahrscheinlich hat sie an Dyslexie gelitten und möglicherweise Probleme mit ihrer Sexualität gehabt, ein Thema, das für ihre strenggläubige Mutter Rose ein Tabu war. Joseph Kennedy veranlasste 1941 die damals noch präfrontal durchgeführte Lobotomie bei Freeman. Die Operation endete in einer Katastrophe und ließ Rosemary mit dem Intellekt eines Kleinkinds zurück. Mit dem politischen Aufstieg der Familie wurde ihre Existenz negiert oder mit Fehlinformationen beschönigt. Als sich die Präsidentschaftskandidatur John F. Kennedys andeutete, wurde einem Biografen des Kandidaten in Interviews der Eindruck vermittelt, als sei Rosemary in einen Orden eingetreten und „widme ihr Leben den Kranken und Leidenden“. Rosemary Kennedy, eine Frau abseits des Glanzes der Familie, doch Teil ihrer Tragödien, starb im Januar 2005 im Alter von 86 Jahren.

Der Fall der Rosemary Kennedy drang nicht an die Öffentlichkeit, doch ab Mitte der 50er-Jahre häuften sich Berichte über die Nutzlosigkeit der Operation und ihren offenbar verstümmelnden Charakter. Die ersten halbwegs wissenschaftlichen Kriterien entsprechenden Studien konnten keine Erfolge belegen. Die Fachkollegen wandten sich von Freeman ab, der dennoch erst 1967 seine letzte Lobotomie durchführte. Er wirkte zu diesem Zeitpunkt in Kalifornien, und die Behörden entzogen ihm nach dem Tod eines Patienten endlich die Zulassung. Belehren lassen hat er sich nie – doch Zweifel, die kamen ihm. In seinen letzten Lebensjahren fuhr er fast rastlos durch das große Land, suchte ehemalige Patienten, die als Beispiele für einen Erfolg des Eingriffs dienen konnten. Der Mann, der einst Tausenden von Menschen Heilung versprochen hatte, bedurfte nun selbst der Hilfe durch seine Patienten.

Walter J. Freeman hat wahrscheinlich im Laufe seines Ärztelebens rund 2 900, vielleicht gar bis zu 3 500 Menschen lobotomiert. In Spitzenzeiten operierte er bis zu 25 Patienten am Tag. Seine Tochter nannte ihn deshalb den „Henry Ford der Chirurgie“. Er nahm es als Kompliment.
Ronald D. Gerste
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