ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2008Ärztliche Führung: Primus inter pares
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Es war einmal ein frisch habilitierter und hoch motivierter Medikus (m/w), Anfang vierzig, der bedauerlicherweise in den letzten Jahren seine Freunde und seine Familie vernachlässigen musste, um ein höheres Ziel zu erreichen. Aufgrund seiner „leistungsgerechten Vergütung“ der letzten 15 Jahre konnte er sich intensiv mit betriebswirtschaftlichen Fragestellungen bezüglich seiner Haushaltskasse und seines BAföG-Schuldenbergs auseinandersetzen. Sein Kommunikations- und Durchsetzungsvermögen durfte er täglich bzw. des Nachts mit seinem grimmigen Ehepartner, der ihn gern häufiger gesehen hätte, trainieren. Aus diesem Grund übte er sich auch in seinen letzten freien Minuten in Kooperationsbereitschaft mit der Nachbarschaft und verschiedenen Kindertagesstätten, auf dass seine Familie sich auch weiterhin in ein liebevolles soziales Netzwerk eingebettet fühle. Um sowohl seine Kinder als auch seinen Ehepartner zu beschwichtigen und dabei weiterhin auf der Überholspur fahren zu können, war sein gesamter Lebensplan von innovativem (Gibt es einen mir ähnlichen Schauspieler, der mich an kirchlichen Feiertagen im Familienkreis doubeln kann?) und konzeptionellem Handeln (Wie muss ich meine Urlaubstage legen, damit der Effekt bezüglich der Teilnahmefrequenz an Geburtstagen und Schulveranstaltungen der Kinder optimal ist?) geprägt. Sein komplexes Organisationsverständnis kam dramatisch zum Tragen, als er es an einem einzigen freien Tag schaffte, zehn enge Studienfreunde einzeln zu besuchen und ein ausführliches Kriseninterventionsgespräch mit ihnen zu führen. Dann kam der große Tag. Unser Medikus wollte Chefarzt werden und las eine entsprechende Stellenanzeige. Aber, oh Schreck, was musste er lesen? Sozial- und Führungskompetenz waren ebenso gefragt wie die Fähigkeit, seine künftigen Mitarbeiter als wichtigstes Kapital anzusehen. Er sollte sie durch gute Führungskultur unterstützen, motivieren und zu Hochleistungen anspornen, um die Qualität der erbrachten Dienstleistung zu optimieren. Wer hätte ihn das je gelehrt? Was war noch bisher das wichtigste Kapital in seinem Leben? Da kam eine gute Fee in weißem Gewand. Sie lud ihn zu einem Führungsseminar ein, in dem er all das an Sozial- und Führungskompetenz erlernen sollte, was er in den letzten 40 Jahren versäumt hatte – und so geschah es auch! Und wenn der Medikus nicht gestorben ist, so lebt er auch heute noch glücklich und zufrieden als gütiger Chefarzt (m/w) inter pares. Meine Tochter würde dazu sagen: „Mama, und wovon träumst du nachts?“
Dr. med. Susanne Stemmer-vom Steeg,
An der Rodung 3, 53894 Mechernich
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