ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2008Ärztliche Führung: Selbstkritik ist vonnöten
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Mit dem von der BÄK entwickelten Curriculum „Ärztliche Führung“ soll in das bundesrepublikanische Chefarztsystem ein neuer Stil etabliert werden. Der späte Versuch ist hoch löblich, Ärzten in Leitungsfunktion „wichtige Kompetenzen in Personalführung, Organisationsentwicklung, Zielsetzung und Umgang mit Zielkonflikten“ zu vermitteln. Denn im Gegensatz zu Herrn Prof. Hahns Auffassung ist das bestehende Chefarztsystem durchaus für die problematische Aus- und Weiterbildungssituation vieler Jungärzte verantwortlich, z. B. wenn der Internist bis über das Ende seiner Ausbildung hinaus gehindert wird, seine Intensivzeit im Zeitrahmen zu absolvieren, wenn der Chirurg erst über seine Ausbildungszeit hinaus wesentliche OP-Katalogszahlen erreichen kann: ein Phänomen, das durchaus die Bezeichnung Ausbeutung durch Macht verdient. Nur aus einem Hierarchiedenken, das „deutlicher als beim Militär“ ausgeprägt ist, kann der Gedanke entstehen, eine Klinik ohne Hierarchien sei nicht möglich . . . Nichtsdestotrotz kann der Schritt der BÄK Veränderungen in verkrustete Strukturen bringen. Richtig ist: Medizinische Kompetenz allein genügt nicht. Leider erweitert das Curriculum aber die Kompetenzen nur auf quasilogistischer Ebene, fügt also der nach außen gerichteten medizinischen Kompetenz eine zweite, nach außen gerichtete Kompetenz hinzu. „Ärzte sollten zu Gestaltern der eigenen Arbeitsbedingungen werden, anstatt sie nur zu erleiden“ schreiben Flintrop/Gerst folgerichtig. Solange aber noch der Gedanke lebt: „Für mich als Führungskraft sind meine Mitarbeiter das wichtigste Kapital“, solange gärt noch alter Wein in neuen Schläuchen! Offensichtlich ist es entweder noch ein zu heißes Eisen, noch zu früh oder wird noch nicht erkannt, dass viele fatale Verhältnisse innerhalb des Führungssystems im intrapersonalen Bereich angesiedelt sind. So vermisse ich die Entwicklung eines Curriculums, in dem Wert gelegt wird auf die Fähigkeit zur Introspektion, zur Selbstkritik, auf die Bereitschaft zur Selbsterkenntnis verbunden mit dem Willen zur Veränderung durch Selbsterziehung. Hier nämlich scheint mir die Krux des heutigen Führungsstils beheimatet und belastet das Klima und die inneren Stimmungen im zwischenmenschlichen Begegnungsraum in unseren Kliniken (wie auch im ambulanten Bereich): in einem Klima von Übertragung und Gegenübertragung, Defizitkultivierung und Anerkennungsbedürfnissen, Handlungszwängen und Minderwertigkeitskonflikten. Bleibt zu hoffen, dass die Inauguration eines neuen Stils weitere, intimere Versuche für künftige Veränderungen initiiert und sich entwickeln lässt.
Dr. med. Matthias Komp, Annabergstraße 19, 73230 Kirchheim unter Teck
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