ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2008Kindstötungen: Empörung berechtigt
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Die Empörung in Sachsen-Anhalt zu Wolfgang Böhmers Äußerungen, dass das ehemalige DDR-Abtreibungsrecht auch dazu führe, dass Abtreibungen jetzt Bestandteil der Lebensplanung der Frauen in den neuen Bundesländern sei, war zu Recht massiv. Denn Böhmer ist ja nicht nur Politiker, sondern er war in der DDR Arzt und Hochschullehrer. Man hätte also differenzierte Aussagen erwarten dürfen. Aber wahrscheinlich dominierte jetzt doch die Seele des Politikers Böhmer. Und wenn Politiker aus den neuen Bundesländern am Ende ihrer Weisheit angelangt sind, ist es meistens üblich, auftretende Probleme auf die DDR-Vergangenheit zu fokussieren. Das ist ein „Totschlag-argument“ und erspart eigenes Nachdenken und die Problemlösung! Wenn Böhmer recht hätte und Abtreibungen jetzt zur Lebensplanung gehören sollten, dann wäre er besser beraten gewesen, sich über die Situation vieler Frauen in der Jetztzeit zu informieren, anstatt die Retrospektive zu bevorzugen. Vielleicht hätte er dann aktuelle Gründe gefunden, die Frauen zur Abtreibung bis hin zur Kindstötung bringen: sinkende Nettoeinnahmen, Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg, Zukunftsangst, Selbstfinanzierung der Pille usw. Ich möchte nicht ausschließen, dass hin und wieder auch persönliche Bequemlichkeit im Spiel sein kann – wen wundert das aber, wenn Deutschland fortwährend als „Spaßgesellschaft“ apostrophiert wird . . . Wieso vergleicht Norbert Jachertz Sachsen-Anhalt (265 Abtreibungen je 1 000 Geburten) nur mit Bayern (129) und Baden-Württemberg (142)? 2003 lag der Mittelwert in den alten Bundesländern bei 250 (Tendenz fallend). Es wäre fair gewesen, auch den höchsten Wert in den alten Bundesländern zu nennen. In Gesamtberlin lag der Wert übrigens bei etwa 380. Es wäre kaum zu widerlegen, wenn jemand behaupten würde, dass das daran liegen könnte, dass Berlin Regierungssitz ist . . . Interessant ist vielleicht der Hinweis, dass in der DDR anteilmäßig mehr Kinder geboren und aufgezogen wurden als in der damaligen BRD – trotz (oder wegen?) des offeneren Abtreibungsrechts. Vielleicht hat der sich nach der Vereinigung in den neuen Bundesländern durchsetzende Wertewandel einen größeren Einfluss auf das heutige Leben als die oft geschmähte DDR-Sozialisation?
Prof. Dr. Frank P. Meyer, Magdeburger Straße 29,
39167 Groß Rodensleben
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige