ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2008Kognitive Verhaltenstherapie: Breite Übersicht über Fähigkeiten

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Kognitive Verhaltenstherapie: Breite Übersicht über Fähigkeiten

Dtsch Arztebl 2008; 105(18): A-954 / B-828 / C-816

Kattermann, Vera

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Die Diagnose einer chronischen oder gar unheilbaren Erkrankung kommt für die meisten Betroffenen einem schweren Schock gleich und bedeutet oft einen krisenhaften Einschnitt: Wie wird die Krankheit mein Leben verändern? Wie komme ich mit den Verlusten klar, die mit meiner Erkrankung einhergehen, wie zum Beispiel mit dem Verlust der Arbeit oder der Beweglichkeit? Die Folgen einer chronischen Erkrankung sind abhängig von ihrem Charakter und dem jeweiligen Verlauf vielfältig und verlangen – häufig sehr plötzlich – von den Betroffenen ein breites Spektrum an Bewältigungsfertigkeiten, die im normalen Lebenskontext gar nicht entwickelt werden konnten.

Hier setzt das Buch des kognitiven Verhaltenstherapeuten Kenneth Sharoff an: Er stellt eine breite Übersicht über Fähigkeiten zusammen, die Menschen mit chronischen Erkrankungen erlauben, mit den Folgen und Herausforderungen ihrer Erkrankung besser umzugehen. Der krankheitsbedingte Verlust an Kontrolle über das eigene Leben und die empfundene Hilflosigkeit gegenüber der fortschreitenden Erkrankung wiegen schwerer, wenn diese Fertigkeiten nur unzureichend ausgebildet sind. Hier kann die Psychotherapie dazu beitragen, einzelne Fertigkeiten gezielt auszubilden und zu stärken. So schlägt der Autor beispielsweise die Arbeit mit förderlichen Selbstinstruktionen vor, die das Tolerieren und Akzeptieren von Schmerz und Leiden fördern und so das häufig dysfunktionale irrationale Kämpfen gegen die Erkrankung auflösen. Ebenso erhält auch die Auseinandersetzung mit dem Selbstbild und der Identität des Erkrankten Augenmerk, welche eine Neudefinition und Neuausrichtung verlangen, so zum Beispiel das Konzept der Weiblichkeit nach einer Brust-OP. Schließlich werden auch spezifische Fertigkeiten im Umgang mit den behandelnden Ärzten und Institutionen nötig, wie zum Beispiel Selbstbehauptung, aber auch das Akzeptieren von Enttäuschungen und Grenzen.

Das Buch ist überaus klar und anschaulich formuliert, gut gegliedert und nachvollziehbar aufgebaut. Der Autor arbeitet das Zusammenspiel der einzelnen Bewältigungsfertigkeiten sehr detailliert und differenziert heraus und gibt zahlreiche Bearbeitungszugänge an, um diese zu trainieren. Fallbeispiele geben einen guten Einblick in die Schwierigkeiten und Herausforderungen der psychotherapeutischen Arbeit. Etwas willkürlich wirkte die Einteilung der Krankheitsverarbeitung in verschiedene Unterphasen: Da jede Krankheit sehr unterschiedlich verläuft, ist wohl eher von einem Oszillieren zwischen den verschiedenen beschriebenen Phasen der Auseinandersetzung auszugehen.

Das zu dem Buch zusätzlich käufliche Manual ergänzt die Inhalte des Buchs und stellt einige Arbeitsmaterialien für die therapeutische Arbeit vor. Als Leser fragt man sich allerdings, aus welchem Grund Buch und Manual gesondert herausgegeben wurden; eine Integration beider Schriften wäre formal und inhaltlich sinnvoll gewesen. Insgesamt bieten beide jedoch einen hilfreichen und für Anwendung und Umsetzung sehr gut konzipierten Zugang zur Unterstützung von Menschen mit chronischen und unheilbaren Erkrankungen. Es ist für professionelle Therapeuten, aber auch für Betroffene selbst ebenso wie ihre Angehörigen uneingeschränkt zu empfehlen.
Vera Kattermann

Kenneth Sharoff:
Leben mit chronischen und unheilbaren Krankheiten.
Huber, Bern, 2007,
226 Seiten, kartoniert, 24,95 Euro
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