ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2008Universitätskliniken: Sorgenvoller Blick in die Zukunft

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Universitätskliniken: Sorgenvoller Blick in die Zukunft

Dtsch Arztebl 2008; 105(18): A-969 / B-845 / C-825

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto:mauritius-images
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Einer Befragung der Klinikvorstände zufolge verursacht der Tarifvertrag für Ärzte an Universitätskliniken aus dem Jahr 2006 zwischen 15 und 18 Prozent Mehrkosten.
Das Tarifchaos sorge zudem für eine Benachteiligung von Ärzten in der Forschung.

Die Universitätskliniken schlagen Alarm. Immer stärker gerieten sie in wirtschaftliche Bedrängnis. „Die Hälfte der Unikliniken wird Personal abbauen müssen, um wirtschaftlich zu bleiben“, prognostiziert Rüdiger Strehl, Generalsekretär des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) und Kaufmännischer Direktor des Uniklinikums Tübingen. Dabei verweist er auf eine aktuelle Befragung der Universitätsklinikvorstände durch den VUD. Diese belege eine Gefährdung der Hochschulmedizin durch die enormen Mehrkosten infolge der neuen Ärztetarife. Auch die Budgetierung der Krankenhausausgaben, mangelnde Investionen der Länder sowie steigende Preise für Energie und Medizinbedarf bedrohten die Hochschulkrankenhäuser. Jedes Dritte habe im vergangenen Jahr rote Zahlen geschrieben.

An der Befragung des VUD haben Anfang dieses Jahres 31 der 32 Universitätskliniken teilgenommen. Die Umstellung auf das DRG-System (DRG = Diagnosis Related Groups) haben die meisten demnach gut gemeistert (acht Universitäten konnten sogar einen Jahresüberschuss erwirtschaften). Drei von vier Klinika erwarten auch in diesem Jahr eine Zunahme der Patientenzahlen. Gleichzeitig klagen jedoch fast alle Universitätskliniken über erhöhte Personalkosten. Infolge des Tarifabschlusses von 2006 haben sie laut der Erhebung zwischen 11 000 und 13 000 Euro jährlich zusätzlich je Arzt zahlen müssen. „Dies sind zwischen 15 und 18 Prozent Mehrkosten je Arzt. Eine solche Kostensteigerung hat es seit dem Zweiten Weltkrieg in keiner Branche gegeben“, erklärt Strehl.

Die Angemessenheit der Tarifabschlüsse will der VUD jedoch nicht in Zweifel ziehen. „Vielmehr sehen sich die Klinika nicht in der Lage, die Mehrkosten durch die von der Politik gedeckelten Krankenhausentgelte refinanzieren zu können“, sagte Prof. Dr. med. Rüdiger Siewert, Leitender Ärztlicher Direktor des Uniklinikums Heidelberg und Erster Vorsitzender des VUD. „Wir können leider nicht wie die Deutsche Bahn erhöhte Personalkosten über die Preise wieder reinholen. Und weder Krankenkassen noch Bund oder Länder geben uns Zuschüsse.“

Ferner kritisiert der Verband das entstandene Tarifchaos und die Benachteiligung von Ärzten, die wissenschaftlich tätig sind. Denn bei Weitem besteht an den Unikliniken kein einheitlicher Tarif für den Ärztlichen Dienst: Angestellte Ärzte, die überwiegend in der Krankenversorgung tätig sind, werden deutlich besser bezahlt als angestellte Ärzte, die in der Forschung arbeiten. So verdient ein Assistenzarzt im fünften Berufsjahr ohne Überstunden und Bereitschaftsdienste durchschnittlich 49 500 Euro pro Jahr, ein vergleichbarer Kollege in der medizinischen Forschung hingegen nur 40 084 Euro pro Jahr. Noch deutlicher werden die Unterschiede im späteren Berufsleben. So beträgt das Jahreseinkommen für einen Oberarzt im siebten Jahr ohne Überstunden und Dienste etwa 74 800 Euro jährlich; ein vergleichbarer Arzt in der medizinischen Forschung erhält 49 680 Euro im Jahr. „Das sind Fehlanreize für den wissenschaftlichen Nachwuchs und aus Sicht der Hochschulmedizin skandalös“, kommentiert Siewert diese Entwicklung. Einen Ausweg aus dem Tarifdschungel sieht der VUD durch eine Änderung der Zuständigkeiten. „Die Tarifpolitik gehört in die Hände der Klinika und Fakultäten“, ist Siewert überzeugt. Tarifsteigerungen, über die ohne die Universitätskrankenhäuser verhandelt wurde, müssten ausgeglichen werden. „Die Länder gefährden ihren eigenen Versorgungsauftrag, wenn sie außerordentliche Tarife mit den Gewerkschaften aushandeln und die Folgen auf die Uniklinika abwälzen“, betont Siewert.

Angesichts der größer werdenden Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben appelliert der VUD nun an die Politik: Massive Kostensteigerungen müssten in der Finanzierung von Uniklinika angemessen berücksichtigt werden, um den Verbund aus Forschung, Lehre und Krankenversorgung langfristig zu sichern. Für die laufenden Kosten fordert der Verband, die Krankenhausvergütung an die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts zu koppeln.

Der Verband der Universitätsklinika Deutschlands vertritt die Interessen der 32 Universitätsklinika Deutschlands. Etwa 180 000 Beschäftigte versorgen an 38 Standorten knapp zwei Millionen Menschen jährlich und erwirtschaften einen Umsatz von rund 13 Milliarden Euro.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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