ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2008Interview mit Dr. med. Frank Ulrich Montgomery: „Die Arbeit muss heute auf mehr Köpfe verteilt werden“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Frank Ulrich Montgomery: „Die Arbeit muss heute auf mehr Köpfe verteilt werden“

Dtsch Arztebl 2008; 105(19): A-988 / B-861 / C-841

Flintrop, Jens

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Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Der Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer zu den steigenden Arztzahlen bei gleichzeitig zunehmendem Ärztemangel

Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte ist weiter gestiegen. Dennoch können viele ärztliche Stellen nicht besetzt werden. Wie passt das zusammen?
Montgomery: Eine gute Frage. Das Paradoxon muss etwas mit dem veränderten Arbeitszeitangebot der einzelnen Ärztin, des einzelnen Arztes zu tun haben. Es muss etwas mit der Arbeitszeitverdichtung und dem Arbeitszeitgesetz zu tun haben, und es muss etwas mit einer anderen Erwartung der Ärzte an ihre Tätigkeit im Krankenhaus zu tun haben.

Inwiefern haben die Ärzte eine andere Erwartung an ihre Tätigkeit im Krankenhaus als früher?
Montgomery: Ein wichtiges Kriterium ist, dass immer mehr Frauen in der Medizin Arbeitsstellen suchen. Die Herausforderung dabei ist, dass Frauen in der Regel immer noch mehr in familiäre Pflichten eingebunden sind als Männer und deswegen – über ein ganzes Leben betrachtet – weniger Arbeitsleistung für eine Bezahltätigkeit im Krankenhaus aufbringen können. Wir müssen deshalb die Arbeit auf immer mehr Köpfe verteilen.

Dass die Arbeit auf mehr Köpfe verteilt werden muss, ist auch eine Folge des zum 1. Januar 2007 verschärften Arbeitszeitgesetzes . . .
Montgomery: Ja, das novellierte Arbeitszeitgesetz schlägt langsam – mit Betonung auf langsam – durch. Die einzelnen Regelungen stehen in den meisten Krankenhäusern zum Glück nicht mehr zur Disposition. In Verbindung mit den inzwischen abgeschlossenen arztspezifischen Tarifverträgen sinkt dadurch die durchschnittliche Arbeitszeit des Einzelnen. Als logische Folge steigt damit – da ja die Arbeit nicht weniger wird – der Stellenbedarf der Krankenhäuser.

Zurück zur veränderten Erwartungshaltung der Ärzte an die Tätigkeit im Krankenhaus. Ist es wirklich nur der Feminisierung des Arztberufs geschuldet, dass sich hier die Prioritäten verschieben?
Montgomery: Nein. Wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass die jetzt nachrückende Ärztegeneration – trotz unveränderter Begeisterung für den Beruf – in der Masse einfach nicht mehr bereit ist, widerspruchslos 80- und 100-Stunden-Wochen im Krankenhaus zu respektieren.

Warum ist das so?
Montgomery: Vor allem haben sich die Perspektiven geändert. Früher haben viele Ärztinnen und Ärzte in den ersten Jahren im Krankenhaus die Zähne zusammengebissen, weil sie davon ausgingen: Es ist nur für eine kurze Zeit. Die Weiterbildung im Krankenhaus war für viele Ärzte nur die Durchgangsstation zur Niederlassung als Facharzt. Diese Leute haben sehr viel mehr an zeitlicher Arbeitsbelastung und schlechten Arbeitsbedingungen akzeptiert – nach dem Motto: Augen zu und durch. Dies ist heute nicht mehr so.

Wie ist es denn heute?
Montgomery: Für viele Ärzte ist das Krankenhaus inzwischen ein Lebensarbeitsplatz. Diese Menschen sind durchaus bestrebt, mit ihren Kräften hauszuhalten. Die Ärzte sagen sich: Wenn ich jetzt in eine solche 80-Stunden-Woche-Maloche reingehe, dann halte ich das nicht ein Leben lang durch. Letztlich verhalten sie sich wie ein guter Marathonläufer und sind schon zu Beginn ihres Berufslebens vorsichtig bei der Startgeschwindigkeit.

Wie geht es weiter?
Montgomery: Die Arbeit für die Ärzte in den Krankenhäusern wird – allein schon wegen der alternden Gesellschaft – nicht weniger werden. Das heißt, wir werden immer mehr Menschen brauchen, die diese Arbeit leisten. Diese werden aber individuell immer weniger Zeit zur Verfügung stellen wollen, sodass wir noch mehr Menschen brauchen, die diese Arbeit leisten. Trotz eigentlich ausreichender Studierendenzahlen wird sich die Ärzteknappheit deshalb weiter verschärfen, wenn wir nicht einige Dinge wesentlich verbessern.

Welche?
Montgomery: Wir müssen den Ärzten einfach die Arbeitsplätze bieten, die sie haben wollen, und nicht von ihnen verlangen, ihr Leben nach unseren Arbeitsbedingungen auszurichten.
Die Fragen stellte Jens Flintrop.
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