ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2008Medizingeschichte: Vielfältige Anregungen

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Medizingeschichte: Vielfältige Anregungen

Dtsch Arztebl 2008; 105(19): A-1006 / B-875 / C-855

Groß, Dominik

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Wolfgang Uwe Eckart, Robert Jütte: Medizingeschichte. Eine Einführung. UTB 2903. Böhlau Verlag, Köln, 2007, 378 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro
Wolfgang Uwe Eckart, Robert Jütte: Medizingeschichte. Eine Einführung. UTB 2903. Böhlau Verlag, Köln, 2007, 378 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro
Das Wichtigste vorweg: Wolfgang Uwe Eckart und Robert Jütte haben ein bedeutendes und durchweg überzeugendes Buch geschrieben, das weit mehr bietet, als der eher bescheiden anmutende Titel „Medizingeschichte. Eine Einführung“ erwarten lässt.

Was die Autoren vorlegen, ist ein umfassendes Studienbuch, das sich mit den Quellen, dem einschlägigen Schrifttum, den Hilfsmitteln und den Werkzeugen der Medizingeschichtsschreibung ebenso beschäftigt wie mit den verfügbaren Methoden und theoretischen Ansätzen. Auch die Verbindungslinien zu Nachbardisziplinen wie Pharmaziegeschichte, Technikgeschichte, Ethikgeschichte oder Geschichte der Zahnmedizin – um nur einige zu nennen – werden in konziser Weise dargestellt und deren Schnittstellen ausgelotet. Zudem bietet das Buch eine Auseinandersetzung mit zentralen medizinhistorischen Grundbegriffen.

Eckart und Jütte erfüllen mit dem Buch ein Forschungsdesiderat. Dies zeigt bereits der Blick auf die bisher verfügbaren, inhaltlich vergleichbaren Bücher des Fachs: Das letzte, seinerzeit durchaus wegweisende Buch mit ähnlicher Fragestellung – Walter Artelts „Einführung in die Medizinhistorik“ – wurde 1949 veröffentlicht. Es stammt somit aus einer Zeit, in der sich das Fach Medizingeschichte weitgehend am Fortschrittsparadigma orientierte und dementsprechend „Erfolgsgeschichten“ schrieb. Mit anderen Worten: Die Geschichte der Medizin imponierte bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein als eine vor allem an Entdeckungen und Erstbeschreibungen von innovativen Diagnostiken beziehungsweise Therapien orientierte Ereignisgeschichte.

Eckart und Jütte gehen in ihrem Werk einführend auf die perspektivische Neuorientierung der rezenten Medizingeschichte ein, die sich einer „geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen, aber auch politischen Auseinandersetzung mit der Medizin, ihren Grundlagen und ihren konkreten Rahmenbedingungen“ stellt und sich dementsprechend für neue Themenfelder (zum Beispiel Ideen- und Konzeptgeschichte, Sozialgeschichte der Medizin, Professionalisierungs-, Medikalisierungs-, Patienten- und Körpergeschichte, historische Demografie) und damit für innovative interdisziplinäre Forschung geöffnet hat. Damit ging eine veränderte Medizingeschichtsschreibung einher, die den Fortschrittsbegriff zunehmend kritisch reflektiert und eine perspektivische Erweiterung vornimmt (etwa in Form einer Medizingeschichte „von unten“, das heißt eine Fokussierung auf das „erlebte Leiden“ des kranken Menschen).

Das Buch erfüllt alle Voraussetzungen eines Standardwerks. Es bedarf keiner Prophetie, dem Werk eine weite Verbreitung vorauszusagen: Neben dem im Klappentext genannten Adressatenkreis – namentlich „Studierende der Human- und Zahnmedizin, der Pharmazie sowie der Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaften“ – lohnt sich das Buch aufgrund seiner vielfältigen Anregungen auch für bereits arrivierte Forscher, für examinierte und magistrierte Doktoranden in den Bereichen Medizin- und Wissenschaftsgeschichte und in Grenz- und Nachbargebieten sowie für (zeit)geschichtlich interessierte Vertreter der vergleichsweise neuen Disziplinen Pflegewissenschaften und Public Health. Dominik Groß
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