ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2008„Neandertal“: Wunde Seele, wunde Haut

KULTUR

„Neandertal“: Wunde Seele, wunde Haut

Dtsch Arztebl 2008; 105(19): A-1012 / B-880 / C-860

Osterloh, Falk

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Guidos Haut juckt auch noch in seinem 18. Lebensjahr. Nach einem erneuten Krankheitsschub beginnt er eine Therapie. Foto: farbfilm verleih
Guidos Haut juckt auch noch in seinem 18. Lebensjahr. Nach einem erneuten Krankheitsschub beginnt er eine Therapie. Foto: farbfilm verleih
Der als Drehbuchautor ausgebildete Ingo Haeb erzählt in seinem Regieerstling die Geschichte seiner Jugend.

In Deutschland erkranken bis zur Einschulung acht bis 16 Prozent aller Kinder an Neurodermitis. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich das Auftreten dieser Krankheit verfünffacht. Trotz intensiver Forschung sind die Gründe bis heute nicht abschließend geklärt. Klar ist nur, dass Kinder aus einer höheren sozialen Schicht häufiger betroffen sind.

Ein anderes Leben
Eines dieser Kinder war Guido. Doch im Gegensatz zu vielen Leidensgenossen, bei denen die Krankheit bis zur Pubertät abklingt, juckt und nässt Guidos Haut auch noch in seinem 18. Lebensjahr. Guido wohnt mit seinem desillusionierten Vater, seiner übervorsichtigen Mutter und seinem älteren Bruder in einer Reihenhaussiedlung im Neandertal, nahe Düsseldorf. Er geht aufs Gymnasium, nach der Schule betrinkt er sich mit Freunden. Am Frühstückstisch herrscht zumeist Schweigen. Eine typische Jugend in der oberen Mittelschicht also?

Nach einem erneuten, schweren Krankheitsschub beginnt Guido eine Therapie. Und er fängt an, Fragen zu stellen. Warum träumt sein Bruder davon, nach Neuseeland auszuwandern? Warum funktioniert die Kommunikation zwischen seinen Eltern nicht mehr? Als er die Antworten erhält, als er zum ersten Mal hinter die Heile-Welt-Fassade seiner Familie blickt, sucht er angewidert das Weite, schließt sich dem Tagelöhner Rudi an und versucht verzweifelt, ein anderes, von niemandem abhängiges Leben zu führen. Doch Guido lernt, dass man vor seinen Problemen nicht davonlaufen kann. Und so muss er sich der Wahrheit stellen, wenn er seine Krankheit dauerhaft überwinden will.

Der als Drehbuchautor ausgebildete Ingo Haeb erzählt in seinem Regieerstling „Neandertal“ die Geschichte seiner Jugend. Auch er litt als Kind an Neurodermitis und bezeichnet die Krankheit heute als „körperlichen Ausdruck mangelnder seelischer Abgrenzungsfähigkeit“ und insofern als „ein Symptom der humanistisch geprägten westlichen Welt“. Tatsächlich steht Neurodermitis in „Neandertal“ als eine Metapher für den Druck, der durch das Perfektionsstreben einer Leistungsgesellschaft insbesondere auf deren jungen Mitgliedern lastet. Dabei werden die mehr als berechtigten Fragen aufgeworfen, welche Prioritäten in einer globalisierten Zivilisation Anfang des 21. Jahrhunderts gesetzt werden sollen, und welche Werte wirklich etwas bedeuten.

Rastlose Inszenierung
Ingo Haeb gelingt es, zu den Gefühlen seiner Hauptfigur die passenden Bilder zu finden. Guidos emotionale Achterbahnfahrt macht er durch eine rastlose Inszenierung und einen wütend-melancholischen Soundtrack lebendig. Vor allem die Schauspieler Jacob Matschenz und der stets eindringliche Andreas Schmidt (Ronald aus „Sommer vorm Balkon“) verleihen der Geschichte zusätzliche Glaubwürdigkeit. „Neandertal“ legt mit viel Gespür für die Nöte Heranwachsender die Finger in die Wunde einer zunehmend in Fremdbestimmung und Fatalismus erstarrten Gesellschaft.
Falk Osterloh
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