ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2008Tele­ma­tik­infra­struk­tur: Nachteile im Wettbewerb befürchtet

TECHNIK

Tele­ma­tik­infra­struk­tur: Nachteile im Wettbewerb befürchtet

Dtsch Arztebl 2008; 105(19): A-1013

Krüger-Brand, Heike E.

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Der „Stein des Anstoßes“ – das elektronische Rezept: Auch die „sonstigen Leistungserbringer“ im Gesundheitswesen benötigen künftig Zugriff darauf und fordern mehr Mitsprache bei der Einführung von Telematik. Foto: Techniker Krankenkasse
Der „Stein des Anstoßes“ – das elektronische Rezept: Auch die „sonstigen Leistungserbringer“ im Gesundheitswesen benötigen künftig Zugriff darauf und fordern mehr Mitsprache bei der Einführung von Telematik. Foto: Techniker Krankenkasse
Ein Bündnis der Gesundheitsberufe will die Interessen der sonstigen Leistungserbringer bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte stärker zu Gehör bringen.

Die Medizinproduktehersteller und die „sonstigen Leistungserbringer“ im Gesundheitswesen sehen sich bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) noch weitgehend unberücksichtigt. „Wir müssen erst die Prozesse in der Versorgung mit Hilfsmitteln beispielsweise durch Homecare-Unternehmen besser verstehen, bevor sie technisch abgebildet werden“, sagte Dr. Jürgen Faltin vom rheinland-pfälzischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium bei der vom Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) veranstalteten Konferenz „Elektronische Patientenversorgung“ in Berlin.

Homecare-Unternehmen versorgen Patienten mit beratungs- und betreuungsintensiven Hilfsmitteln. Sie erhalten ärztliche Verordnungen und rechnen diese mit der Krankenkasse ab. Zu den Versorgungsbereichen gehören unter anderem Stoma, Inkontinenz, Wundversorgung, enterale Ernährung und Beatmungstherapien. Deshalb ist insbesondere das elektronische Rezept (eRezept) für die Unternehmen von Bedeutung. „Die Homecare-Unternehmen brauchen für die Patientenversorgung künftig den Zugriff auf das eRezept – und damit auf die Tele­ma­tik­infra­struk­tur“, betonte Jana Künstner, BVMed. Denn Zugriff auf die Daten der eGK wird nach dem 2-Schlüssel-Prinzip nur dann gewährt, wenn sich eGK und elektronischer Heilberufsausweis wechselseitig authentifiziert haben. Daher benötigen die Homecare-Unternehmen als sonstige Leistungserbringer auch einen Berufsausweis, um die derzeitigen Tätigkeiten weiter ausführen zu können. Künstner forderte, die betreffenden Unternehmen frühzeitig in den Testregionen der eGK zu berücksichtigen. Gemeinsam mit anderen Gesundheitsberufe-Verbänden will der BVMed stärker auf die Belange der sonstigen Leistungserbringer aufmerksam machen.

Interessengemeinschaft der Gesundheitsberufe
Im Januar 2008 hat sich dazu eine Interessengemeinschaft der Gesundheitsberufe aus den Bereichen Pflege, Heil- und Hilfsmittel gegründet. Das Bündnis fordert unter anderem die Aufnahme in den Beirat für die Einrichtung eines elektronischen Gesundheitsberuferegisters (eGBR), das künftig als zentrale Stelle für die Ausgabe von Berufsausweisen an die nicht verkammerten Berufe zuständig ist, die anders als die verkammerten Berufen nicht über eine eigenständige Selbstverwaltung verfügen.

Faltin geht von zusätzlich rund 600 000 Berufsausweisen außerhalb der Krankenhäuser und Arztpraxen aus. Im Homecare-Bereich liegen die Schätzungen bei rund 100 000 Personen, die einen Berufsausweis benötigen werden. Zwischenzeitlich haben sich die Bundesländer mit Ausnahme von Bayern auf einen Staatsvertrag geeinigt, um die Weichen für das zentrale eGBR zu stellen: „Wir wollen eine Lösung aus einer Hand, einschließlich eines virtuellen Trustcenters“, betonte Faltin. Die Ausstellung der Ausweise soll durch Gebühren finanziert werden und wird nach Meinung des Experten aufgrund der hohen Anzahl unter den Kosten für einen Arztausweis liegen. Die Herausgabe der Berufsausweise für die sonstigen Leistungserbringer, die auf der Basis ärztlicher Rezeptverordnungen arbeiten, müsse bis zu einer flächendeckenden Einführung des eRezepts sichergestellt sein, so Faltin. Dies werde 2010 „oder wohl eher 2011“ realisiert sein.

„Die heutigen Versorgungswege im Hilfsmittel- und Homecare-Bereich werden fortentwickelt werden müssen, weil sie elektronisch nicht eins zu eins abbildbar sind und sich durch die eGK die Prozesse verändern werden“, meinte Magnus Fischer, Fresenius. Der Industrievertreter forderte, das eRezept erst dann einzuführen, wenn alle Marktteilnehmer an elektronischen Prozessen partizipieren könnten. Andernfalls hätten die Apotheken in der Hilfsmittelversorgung einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Homecare-Unternehmen. Der Zugriff der Hilfsmittel-Leistungserbringer müsse auch auf ausgewählte Produkte auf Arzneimittelrezepten möglich sein, beispielsweise für Verbandsmittel und enterale Ernährung.

Eine Voraussetzung für die elektronische Verordnung von Hilfsmitteln ist die Weiterentwicklung der Abrechnungsrichtlinie (§ 302 SGB V), mit der ein eigener Datensatz für Hilfsmittel geschaffen wurde.

Prozessablauf
Holger Köppen vom IKK-Bundesverband skizzierte den möglichen Ablauf einer Hilfsmittel-Verordnung: Der Vertragsarzt stellt das eRezept aus, signiert es und gibt es frei. Die Daten werden im Rahmen einer geschützten Serverlösung ins Netz der Tele­ma­tik­infra­struk­tur gestellt. Zugleich mit dem Verordnungsdatensatz könnte ein inhaltsgleicher Genehmigungsdatensatz erstellt werden, auf den die Krankenkasse zugreifen kann. Der Leistungserbringer erhält Zugriff auf die Verordnungsdaten, wenn der Versicherte dies durch seine eGK autorisiert. Alternativ könnte der Versicherte über ein Ticketverfahren andere ermächtigen, den Zugriff auf die Verordnungsdaten zu ermöglichen. Der Leistungserbringer erhält mit der Genehmigung durch die Krankenkasse die Möglichkeit, sowohl die Genehmigungsdaten der Krankenkasse als auch die Verordnungsdaten des Arztes in sein EDV-System zu übernehmen. Diese sind dann nicht mehr innerhalb der Tele­ma­tik­infra­struk­tur verfügbar und nicht bei einem anderen Leistungserbringer einlösbar.

Der Hilfsmittelbereich ist erst für das „Release 3“ der eGK vorgesehen. Zurzeit wird in den Testregionen das „Release 1“ mit den Basisanwendungen der eGK (offline) erprobt. Das „Release 2“ soll 2009 folgen, der 100 000er-Test im Jahr 2010. Eine Erweiterung der unterstützten Verordnungen mit Krankenhauseinweisungen, Heil- und Hilfsmitteln sowie einem „elektronischen Patientenfach“ werde 2010/11 folgen, sagte Dirk Drees, Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft Gematik. Im Heilmittelbereich sei man mit den Vorbereitungen bereits sehr weit. „Bei den Hilfsmitteln werden wir den Zeitplan vermutlich strecken müssen, schon deshalb, weil die technische Ausstattung der sonstigen Leistungserbringer viel Zeit benötigen wird.“
Heike E. Krüger-Brand
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