ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2008Fehlbildungsrisiko bei extrakorporaler Befruchtung: Trügerische Sicherheit
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LNSLNS „Primum nil nocere“ – vor dem Hintergrund dieses Grundgebots ärztlichen Handelns erschien es nur selbstverständlich, dass der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (GBA) bei Aufnahme der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung angesichts einer besorgniserregenden Pilotstudie mit signifikant erhöhter Fehlbildungsrate eine Überprüfung seiner Entscheidung nach drei Jahren festlegte (1).

Mit der nun vorgelegten Datenanalyse werden diese Bedenken leider keineswegs ausgeräumt. Dennoch schlussfolgern die Autorinnen sehr moderat, dass wegen Heterogenität der Studien deren Validität eingeschränkt sei. Tatsache ist jedoch, dass bei quantitativer Zusammenfassung der untersuchten Daten keine Heterogenität der Ergebnisse vorliegt: Über alle Studien betrachtet findet sich bei immerhin knapp 5 000 untersuchten Fällen unadjustiert (Odds ratio [OR] = 1,70; 95-%-Konfidenzintervall: 1,27–2,26) ebenso wie adjustiert auf Konfounder (OR = 1,76; 95-%-Konfidenzintervall: 1,16–2,68) ein signifikant erhöhtes Fehlbildungsrisiko, bei nicht signifikanter Heterogenität der Studienergebnisse (p > 0,1). Das heißt, trotz teilweise heterogener Studiendesigns besteht Ergebnishomogenität, nämlich im Sinne eines nahezu verdoppelten Fehlbildungsrisikos bei lebendgeborenen (sic!) Kindern nach ICSI im Vergleich zur natürlichen Zeugung. Allein angesichts der Erkenntnisse zu epigenetischen Re-Programmierungsprozessen kann dies auch nicht verwundern, handelt es sich doch bei der ICSI um eine massive Manipulation in der sehr frühen Ontogenese. Dabei bleiben Langzeitfolgen noch abzuwarten. Dass Ähnliches für die In-vitro-Fertilisation gilt, macht das Problem nicht kleiner. Deshalb müssen die zurückhaltenden Schlussfolgerungen der Autorinnen doch verwundern. Zumindest die konkrete Forderung eines erneuten Prüfzeitpunkts und verbindlicher Endpunkte wäre hier zwingend geboten, ethisch wie auch gesundheitsökonomisch. Eine ähnliche „Großzügigkeit“ wie bei dieser offenkundig risikoerhöhenden Maßnahme kann man sich seitens des GBA im Falle der Implementierung von Präventionsmaßnahmen für Mutter und Kind nur wünschen.
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0362

Prof. Dr. med. Andreas Plagemann
Dr. med. Thomas Harder
Prof. Dr. med. Joachim W. Dudenhausen
Charité – Universitätsmedizin Berlin
AG „Experimentelle Geburtsmedizin“
Klinik für Geburtsmedizin
Campus Virchow-Klinikum
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin
E-Mail: andreas.plagemann@charite.de

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Die Autorinnen des Beitrags haben auf ein Schlusswort verzichtet.
1.
Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen: Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) wird Kassenleistung. Pressemitteilung, Februar 2002.
1. Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen: Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) wird Kassenleistung. Pressemitteilung, Februar 2002.

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