ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2008Depressive Störungen im Kindes- und Jugendalter: Psychoanalytische Verfahren einbeziehen

MEDIZIN: Diskussion

Depressive Störungen im Kindes- und Jugendalter: Psychoanalytische Verfahren einbeziehen

Depression in Children and Adolescents: Include psychoanalytical procedures

Dtsch Arztebl 2008; 105(19): 363; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0363b

Windaus, Eberhard

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LNSLNS Die Autoren behaupten, dass bei depressiven Störungen im Kindes- und Jugendalter „für Familientherapie, klientenzentrierte Spieltherapie und tiefenpsychologische Verfahren kaum empirische Daten verfügbar sind“, wohingegen für kognitive Verhaltenstherapie und interpersonale Therapie die Evidenzgrade I beziehungsweise II als nachgewiesen gelten. Diese Behauptung stützt sich auf die Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Dort wird apodiktisch festgestellt: „Zur spieltherapeutischen und tiefenpsychologischen Behandlung depressiver Kinder und Jugendlicher liegen keine kontrollierten Studien vor“.

Diese Behauptung ist unzutreffend: es gibt die kontrollierten Studien Horn et al. (1) und Muratori et al. (2). Beide Studien weisen (auch mit Katamnesen) bei depressiven und dysthymen Patienten mit einer Wartekontrollgruppe beziehungsweise mit einer „TAU-Therapie“ (TAU, „treatment as usual“) signifikante Effekte entsprechend der Evidenzstufe II auf. Da es sich bei beiden Studien um Kurzzeittherapie-Studien handelt (unter anderem mit Rückgriff auf Malans Fokaltherapie), ist auch erwiesen, dass psychodynamische Kurzzeitinterventionen wirksam sind. Darüber hinaus belegen unter anderen Trowell et al. (3) mit Katamnesen, naturalistischen und Therapievergleichsstudien zusätzlich die Wirksamkeit psychoanalytischer beziehungsweise psychodynamischer Verfahren.

Die genannten Studien sind publiziert und hätten bei geringem Rechercheaufwand leicht gefunden werden können. So drängt sich der Eindruck auf, dass die wissenschaftliche Recherche aufgrund verhaltenstherapeutischer Präferenzen unvollständig geworden ist. Da dies immer wieder und in den Leitlinien mehrfach geschieht, könnte dies davon geleitet sein, die psychoanalytisch begründeten Verfahren durch Marginalisierung auszugrenzen. Auch wenn es eingestandenermaßen erheblich weniger psychodynamische Studien gibt, sollten die bekannten doch nicht verschwiegen oder als vernachlässigbar hingestellt werden.
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0363b

Dr. phil. Eberhard Windaus
Länderweg 45
60599 Frankfurt am Main

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Horn H et al.: Zur Wirksamkeit psychodynamischer Kurzzeitpsychotherapie bei Kindern und Jugendlichen mit Depressionen. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2005; 5: 52–71. MEDLINE
2.
Muratori F et al.: Efficacy of brief psychotherapy for children with emotional disorders. Psychother Psychosom 2002; 71: 28–38. MEDLINE
3.
Trowell J et al.: Childhood depression: a place for psychotherapy: an outcome study comparing individual psychodynamic psychotherapy and family therapy. Eur Child Adolesc Psychiatry 2007; 10: 584 ff. MEDLINE
1. Horn H et al.: Zur Wirksamkeit psychodynamischer Kurzzeitpsychotherapie bei Kindern und Jugendlichen mit Depressionen. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 2005; 5: 52–71. MEDLINE
2. Muratori F et al.: Efficacy of brief psychotherapy for children with emotional disorders. Psychother Psychosom 2002; 71: 28–38. MEDLINE
3. Trowell J et al.: Childhood depression: a place for psychotherapy: an outcome study comparing individual psychodynamic psychotherapy and family therapy. Eur Child Adolesc Psychiatry 2007; 10: 584 ff. MEDLINE

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