ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2008Ausbildung von Psychotherapeuten: „Die extrem lange Ausbildung ist nicht mehr hinnehmbar“

POLITIK

Ausbildung von Psychotherapeuten: „Die extrem lange Ausbildung ist nicht mehr hinnehmbar“

PP 7, Ausgabe Mai 2008, Seite 204

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten soll reformiert werden. Ein Symposium der Bundes­psycho­therapeuten­kammer bot eine Diskussionsgrundlage.

Der Hörsaal der Kaiserin-Friedrich-Stiftung versetzte die Teilnehmer zurück in Ausbildungszeiten. Fotos: Kay Funke-Kaiser
Der Hörsaal der Kaiserin-Friedrich-Stiftung versetzte die Teilnehmer zurück in Ausbildungszeiten. Fotos: Kay Funke-Kaiser
Psychische Störungen nehmen zu, ein Ende dieser Tendenz ist nicht abzusehen. Damit steigt auch der Bedarf an qualifizierten Therapeuten. Voraussetzung dafür, dass junge Menschen sich für den Beruf des Psychologischen Psychotherapeuten (PP) oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) entscheiden, ist seine Attraktivität. „Wir bekommen viele Briefe von unzufriedenen Ausbildungsteilnehmern“, berichtete Karin Knufmann-Happe, Ministerialdirektorin im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), beim Symposium „Zukunft der Psychotherapieausbildung“ am 9. April in Berlin.

Das von der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) ausgerichtete Symposium beleuchtete die Reform der Psychotherapieausbildung, die in Gang gesetzt wurde durch ein Forschungsgutachten des BMG*. Das zum 1. Januar vergebene Gutachten soll die Ausbildung umfassend evaluieren, um eine „auf Dauer zukunftsgerecht angelegte Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung zu erreichen“.

Weiterentwicklungsbedarf
Anlass der Reform sind die Umgestaltung der psychologischen und pädagogischen Studiengänge zum Bachelor beziehungsweise Master im Rahmen des sogenannten Bologna-Prozesses. Knapp zehn Jahre nach Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes (PTG) konnten ausreichend Erfahrungen gesammelt werden, um festzustellen, ob die Ausbildungsinhalte noch adäquat sind. „Weiterentwicklungsbedarf sehen wir beispielsweise aufgrund der Änderung der Psychotherapierichtlinien durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss“, sagt Knufmann-Happe. Das BMG erwartet unter anderem Bewertungen dazu, ob künftig einer Direktausbildung zum Psychotherapeuten anstelle der bisherigen postgradualen Ausbildung der Vorzug gegeben werden sollte. Die Wissenschaftler sollen auch Aussagen dazu treffen, ob eine Erweiterung der Kompetenzen von Psychotherapeuten, etwa zur Verschreibung von Arzneimitteln bei entsprechendem Kenntniserwerb, sinnvoll ist. Die Forschungsergebnisse werden im März 2009 erwartet. Mit Symposien und Workshops will die BPtK bis dahin die Diskussion anregen und die Meinungsbildung fördern: „Selbstreflektivität ist ein wichtiger Bestandteil der Professionalisierung“, sagte der BPtK-Präsident, Prof. Dr. Rainer Richter.

Die Inhalte jeder Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung sollten dazu befähigen, ein erfolgreicher Therapeut zu werden. Was aber macht den Erfolg, die Wirksamkeit der Therapie aus? Darauf versuchte Prof. Dr. Dirk Revenstorf, Universität Tübingen, in seinem einleitenden Vortrag „Therapeutische Kompetenz und Methodenäquivalenz“ eine Antwort zu geben. Seiner Ansicht nach ist die Effektvarianz, die auf die Beziehung zwischen Therapeut und Patient zurückgeht, wesentlich höher als die Varianz zwischen den einzelnen Verfahren. Verhaltenstherapie, psychodynamische Therapien und humanistische Therapie seien etwa gleich wirksam. „Allegiance“ (Überzeugung) und „Alliance“ (Arbeitsbeziehung), bezeichnete Revenstorf als die wichtigsten Faktoren in einer Therapie. Er betonte: „Welcher Patient die Störung hat, ist wichtiger als welche Störung der Patient hat.“

Auf dem Weg zum „Meister“, dem erfahrenen Therapeuten, der automatisch und intuitiv handelt, müssten folgende „Lernschritte therapeutischer Kompetenz“ durchlaufen werden, erklärte Revenstorf:

1. Anfänger (nimmt die Regeln wahr)
2. Lehrling (arbeitet nach Richtlinien)
3. Geselle (Zielbildung und Strategie; hat die Grundkompetenz)
4. Könner (erkennt mit diagnostischem Blick die Situation ganzheitlich).

In all diesen Stufen gebe es viel implizites und viel schulübergreifendes Wissen zu erlernen. Wie das am sinnvollsten in die Ausbildung integriert werden kann, müsse überlegt werden.

In Deutschland gibt es mit 180 Ausbildungsstätten ein breit gefächertes Angebot für angehende Psychotherapeuten. „Das macht den Beruf attraktiv“, sagte Günter Ruggaber von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Ausbildungsträgervereine für PP und KJP (BAG), der einen Überblick über die Ausbildungslandschaft gab. „Diese Vielfalt muss erhalten bleiben.“ An 140 Stätten werden künftige PP ausgebildet, an 60 künftige KJP. Träger sind Universitäten, Fachhochschulen und Fachverbände. Besonders viele Ausbildungsstätten gibt es in Berlin, im Köln-Bonner Raum und in München. An rund 90 Stätten wird schwerpunktmäßig Verhaltenstherapie unterrichtet, an etwa 80 Einrichtungen Psychoanalyse (PA) oder tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP). „Die Mehrheit der Institute bildet integriert aus, also PA und TP zusammen“, fügte Anne Springer, die Vertreterin der psychodynamischen Ausbildungsinstitute in der BAG, hinzu. Ebenso häufig seien PP und KJP in der analytischen Ausbildung unter einem Dach.

Günter Ruggaber: „Vermögend und kinderlos zu sein, wirkt sich günstig auf die Ausbildungszeit aus.“
Günter Ruggaber: „Vermögend und kinderlos zu sein, wirkt sich günstig auf die Ausbildungszeit aus.“
Derzeit befinden sich etwa 8 500 Teilnehmer in Ausbildung, davon 6 000 mit dem Ziel PP, und 2 500 möchten KJP werden. Deutlich mehr dieser Teilnehmer streben eine verhaltenstherapeutische Qualifikation an: 4 500 bei den PP und 1 700 bei den KJP. Ungleich ist auch die Geschlechterverteilung. 80 Prozent Frauen streben den Beruf der Psychotherapeutin an, bei den KJP sogar 86 Prozent.

„Zurzeit bilden wir genügend Nachwuchs aus“, sagte Ruggaber. Nach Schätzungen der BPtK aufgrund der Altersstruktur der derzeit tätigen Psychotherapeuten, werden jährlich etwa 1 000 Absolventen benötigt. Die Ausbildungsstätten melden eine Zunahme an Teilnehmern seit 2002, die Zahl bleibt seit etwa zweieinhalb Jahren stabil. Die durchschnittliche Ausbildungszeit liegt bei über drei Jahren. Die meisten brauchen vier bis viereinhalb Jahre, auch weil viele nebenbei arbeiten müssen oder Kinder zu versorgen haben. „Vermögend und kinderlos zu sein, wirkt sich günstig auf die Ausbildungszeit aus“, sagte Ruggaber.

Wegen der „verheerenden Honorarsituation“ während des Psychiatriejahrs sieht Ruggaber den größten Reformbedarf bei der praktischen Ausbildung. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer erhalten während der praktischen Ausbildung in einer psychiatrischen Klinik keine Vergütung (Hölzl 2006). Die BAG fordert hier dringend tarifliche Regelungen. Auch die Inhalte der praktischen Ausbildung seien in den Ausbildungsprüfungsverordnungen bislang noch „sehr unbestimmt“ geregelt. Ruggaber verweist jedoch auf die „vielversprechenden Empfehlungen“, die die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) derzeit erarbeitet.

Während es für angehende PP ausreichend Klinikplätze gibt, ist die Lage für KJP angespannter. Ruggaber fordert deshalb die Öffnung von Einrichtungen der Jugendhilfe für den praktischen Teil der Ausbildung von KJP.

Die BAG betrachtet insbesondere die Ausbildungsambulanzen an den Ausbildungsstätten als Quelle für eine Verzahnung von Psychotherapieforschung und Ausbildung. Mit rund 10 000 Therapiestunden pro Jahr allein in der Verhaltenstherapie stellten die Ambulanzen eine „effektive Infrastruktur“ für die Behandlung in der Ausbildung bereit. Überdies seien sie ein wichtiger Baustein zur Finanzierung der Ausbildung: Circa 40 000 Euro werden nach BAG-Schätzungen von jedem Ausbildungsteilnehmer erwirtschaftet, da die dort geleisteten Therapien von den Krankenkasssen erstattet werden.

Hinsichtlich der Qualitätssicherung der Ausbildung forderte Ruggaber einheitliche bundesweite Qualitätsstandards. Die Breite des Ausbildungsmarkts habe zwar vielfältige Qualitätssicherungsmaßnahmen an den Ausbildungsstätten gefördert. Dafür spricht auch die hohe Erfolgsquote: Rund 97 Prozent der Auszubildenden bestehen die staatlichen Prüfungen. Dennoch bestehe Reformbedarf.

Schließlich müsse sichergestellt werden, dass die Universitäten ausreichende Masterstudiengänge mit Schwerpunkt Klinische Psychologie einrichteten. „Den Master fordern wir als Voraussetzung für PP, aber auch für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten“, sagte Ruggaber. Anne Springer problematisierte in diesem Zusammenhang, dass die meisten Fachbereiche für Klinische Psychologie an den Universitäten verhaltenstherapeutisch ausgerichtet sind. Dass dies Einfluss auf die Berufswahl beziehungsweise den therapeutischen Schwerpunkt der Absolventen hat, fand auch eine Studie der Universität zu Köln heraus (Eichenberg, Müller und Fischer, 2007; siehe auch „Curriculare Gestaltung überdenken“ in PP, Heft 10/2007).

Springer hält einen Masterstudiengang Psychotherapie für vorstellbar, der die notwendigen theoretischen Grundkenntnisse für eine Psychotherapieausbildung vermittelt und mit der Prüfung beim Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) endet. Der Kernbereich der Psychotherapieausbildung müsse jedoch in den Instituten bleiben. „Den Psychoanalytiker zeichnet eine Kompetenztrias aus. Es geht um persönliche Kompetenz, Beziehungs- und Konzeptkompetenz“, sagte Springer. Diese Kompetenzen ließen sich nur in einem komplexen Prozess, der ineinander verzahnt sei, vermitteln. Da eine in diesem Sinne anwendungsorientierte Ausbildung an einer Universität nicht zu realisieren sei, „muss es bei der Ausbildung an verfahrensspezifischen Instituten bleiben“.

Das Konzept einer sogenannten Direktausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten trug Dr. phil. Wolfgang Groeger, von der Ruhr-Universität Bochum vor. Die Fakultät für Psychologie der Universität bietet einen Weiterbildungsstudiengang „Psychotherapie“ an. „Die extrem langen Ausbildungszeiten von PP sind nicht länger hinnehmbar“, sagte Groeger. Fünf Jahre Psychologiestudium plus drei bis fünf Jahre Ausbildung zum Psychotherapeuten „halten bis zu zehn Jahren in Abhängigkeit“.

Wolfgang Groeger: „Das Psychologiestudium wird marginalisiert.“ Anne Springer: „Es muss bei der Ausbildung an verfahrensspezifischen Instituten bleiben.“
Wolfgang Groeger: „Das Psychologiestudium wird marginalisiert.“

Anne Springer: „Es muss bei der Ausbildung an verfahrensspezifischen Instituten bleiben.“
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Besser und sinnvoller sei eine Direktausbildung mit einer fünf bis sechsjährigen Dauer, beispielsweise ein dreijähriges Bachelorstudium, das Grundkenntnisse der klinischen Psychologie vermittelt. Darauf aufbauend könne ein zweijähriges Masterstudium zum PP oder zum KJP ausbilden. Vorstellbar sei anschließend – analog zu Ärzten und Apothekern – eine drei- bis fünfjährige verfahrens- oder störungsorientierte „Weiterbildung“, tariflich geregelt wie die fachärztliche Weiterbildung. Während Ärzte und Apotheker die Fachkunde, also die Berechtigung zum Arztregistereintrag und zur KV-Zulassung, im Rahmen der Weiterbildung erwerben können, müssen PP und KJP die Fachkunde gleichzeitig mit der Approbation erwerben – und befinden sich so acht bis zehn Jahre in – unbezahlter – Ausbildung.

Neben der Belastung der Ausbildungsteilnehmer habe die derzeitige Regelung noch andere negative Konsequenzen, kritisierte Groeger: „Das Psychologiestudium wird marginalisiert und der praktische Teil der Ausbildung behindert.“ In dem Zukunftsszenario würden die jetzigen Ausbildungsstätten als Weiterbildungsstätten anerkannt und könnten sich berufsfeldbezogener ausrichten, als es jetzt möglich sei. Ein nicht zu unterschätzendes Problem allerdings sei die Frage der Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildungsstellen.

Noch zu lösende Probleme sieht Groeger für die psychodynamische Ausrichtung während der Studienphase bei der Direktausbildung. Aufgrund der „VT-Lastigkeit“ der der Klinischen Psychologie an den Universitäten fehlten dort die psychodynamisch orientierten Dozenten. Kurzfristig könnten Honorarkräfte aus den jetzigen Ausbildungs-, späteren Weiterbildungsstätten einspringen. Langfristig müsse eine Lösung gefunden werden.

Noch nicht absehbare Folgen könne die Direktausbildung auch wegen der Verlagerung der Zuständigkeiten haben, gab Groeger zu bedenken: Die Berufsausbildung würde an die Universitäten verlagert; die Weiterbildung an die Psychotherapeutenkammern. Den größten Widerstand befürchtet Groeger aber aus der Profession: „Womöglich scheitert eine auf Dauer zukunftsgerecht angelegte Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung an uns selbst.“
Petra Bühring

*Den Zuschlag bekam ein Forschernetzwerk unter der Leitung von Prof. Dr. phil. Bernhard Strauß vom Universitätsklinikum Jena. Dazu gehören: Prof. Dr. Sven Barnow (Heidelberg), Prof. Dr. Elmar Brähler (Leipzig), Prof. Dr. Jörg M. Fegert (Ulm), Dr. Steffen Fliegel (Münster), Prof. Dr. Harald J. Freyberger (Greifswald/Stralsund), Prof. Dr. Lutz Goldbeck (Ulm), Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber (Frankfurt a. M. / Kassel), Priv.-Doz. Dr. Ulrike Willutzki (Bochum).

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