ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2008Hausarztzentrierte Versorgung: Das Vertragsgeschäft blüht – mit und ohne die KVen

POLITIK

Hausarztzentrierte Versorgung: Das Vertragsgeschäft blüht – mit und ohne die KVen

Dtsch Arztebl 2008; 105(20): A-1041 / B-903 / C-883

Rabbata, Samir; Rieser, Sabine

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Die Abrechnungsvorgaben für den neuen Hausärztevertrag passen auf einen Bierdeckel, sagt AOK-Vorstandsvize Dr. Christopher Hermann (Mitte). Unterschrieben wurde er im Vorfeld der Pressekonferenz – auf DIN-A4-Bögen. Foto: AOK Baden-Württemberg
Die Abrechnungsvorgaben für den neuen Hausärztevertrag passen auf einen Bierdeckel, sagt AOK-Vorstandsvize Dr. Christopher Hermann (Mitte). Unterschrieben wurde er im Vorfeld der Pressekonferenz – auf DIN-A4-Bögen. Foto: AOK Baden-Württemberg
Alles neu macht der Mai: In Baden-Württemberg ist der Hausarztvertrag ohne Beteiligung der KV unter Dach und Fach. Gleichzeitig hat die Vertragsgemeinschaft von KBV und 15 KVen zwei bundesweite Hausarztverträge verhandelt. Der Wettbewerb treibt neue Blüten.

Der Affront kam für Dr. med. Werner Baumgärtner überraschend. Die Teilnehmerliste für die Podiumsdiskussion der „taz“ über die Gesundheitsreform stand bereits, als Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) ihr Veto einlegte und den Medi-Vorsitzenden ausladen ließ. Das war im Winter 2006, als das Klima zwischen Schmidt und Baumgärtner angesichts der Ärzteproteste frostig war.

Mittlerweile dürfte sich Schmidt wieder für Baumgärtner erwärmen können. Bei frühsommerlichen Temperaturen unterschrieben Anfang Mai in Berlin die AOK Baden-Württemberg, Medi Baden-Württemberg und der baden-württembergische Landesverband des Deutschen Hausärzteverbands den deutschlandweit ersten Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung nach § 73 b SGB V ohne Beteiligung einer Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Für Baumgärtner ist dies „der Anfang vom Ende der KVen“. Schmidt, die sich seit Jahren für Versorgungskonzepte jenseits des Kollektivvertrags einsetzt, versprach teilnehmenden Ärzten schon im Vorfeld: „Wir werden das sehr positiv begleiten.“

„Qualitätsvolle, zielgenaue Versorgung unserer Versicherten bei besserer Vergütung für die Ärzte waren die Leitgedanken“, betonte Dr. Rolf Hoberg, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg. Tatsächlich sieht der Vertrag eine neuartige Honorierung für die teilnehmenden Haus- und Kinderärzte vor. Diese sollen ihr Geld nicht mehr über die Kassenärztliche Vereinigung erhalten, sondern als pauschalierte Euro-Beträge direkt von der Krankenkasse. „Wir haben die Abrechnungsmodalitäten so einfach konstruiert, dass sie auf einen Bierdeckel passen würden“, sagte Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvize der AOK Baden-Württemberg. Hausärzte könnten einen durchschnittlichen Behandlungsfallwert bis zu 80 Euro im Quartal erreichen. Gegenüber den heute in Baden-Württemberg üblichen Werten von rund 50 Euro sei dies eine deutliche Steigerung.

Der Hausärztevertrag sei auch ein Ergebnis fehlender Lösungsstrategien der tradierten ärztlichen Selbstverwaltung für die aktuellen Probleme, befand der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt. „Es ist sicher nicht übertrieben, wenn wir von einer historischen Wende in der hausärztlichen Versorgung sprechen“, so Dr. Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg.

Ernste Mienen, freundlicher Anlass: KBV-Vorstand Dr. Carl-Heinz Müller (rechts) und die Berliner KV-Vorstandsvorsitzende, Dr. Angelika Prehn, präsentierten mit ihren Vertragspartnern zwei bundesweit gültige Hausarztverträge. Foto: KBV
Ernste Mienen, freundlicher Anlass: KBV-Vorstand Dr. Carl-Heinz Müller (rechts) und die Berliner KV-Vorstandsvorsitzende, Dr. Angelika Prehn, präsentierten mit ihren Vertragspartnern zwei bundesweit gültige Hausarztverträge. Foto: KBV
Die Vertragspartner werben darüber hinaus damit, dass teilnehmende Ärzte von Bürokratie entlastet werden und so mehr Zeit für ihre Patienten haben. Der Vertrag schreibt gleichwohl die Teilnahme an Qualitätszirkeln und Fortbildungen, die Umsetzung eines Qualitätsmanagements und die EDV-gestützte Dokumentation, Abrechnung und Verordnung mithilfe einer speziellen Software vor.

Auch für Patienten soll sich das Programm lohnen, obwohl ihnen – anders als bei vielen bisherigen Hausarztverträgen – nicht die Praxisgebühr erlassen wird. Ähnlich wie in anderen Verträgen sind hingegen die Vorgaben gestaltet: Bindung an den gewählten Hausarzt für ein Jahr, Facharztkonsultation erst nach Überweisung mit Ausnahme von Gynäkologen und Augenärzten.

Die Kosten veranschlagt die Kasse auf bis zu 200 Millionen Euro jährlich. Der Großteil des Geldes wird aus der einbehaltenen Kopfpauschale stammen, die die AOK bislang an die KV zahlt. Der Rest soll durch Einsparungen bei den Verordnungen zusammenkommen.

Erfolgreiche Vertragsabschlüsse präsentierte ebenfalls Anfang Mai die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). „Wir gestalten den Wettbewerb – und zwar zum Nutzen für Patienten und Ärzte.“ Mit diesen Worten stellte Dr. Carl-Heinz Müller, KBV-Vorstand, zwei bundesweit geltende Hausarztverträge mit unterschiedlichen Schwerpunkten vor. Sie wurden zwischen der Knappschaft und der „BIG Gesundheit – Die Direktkrankenkasse“ jeweils mit der Arbeitsgemeinschaft Vertragskoordinierung (ARGE) geschlossen. Die ARGE ist ein Zusammenschluss von KBV und 15 Kassenärztlichen Vereinigungen, an dem sich nur Bayern und Baden-Württemberg nicht beteiligen.

Der Vertrag mit der Knappschaft wird zum 1. Juli in Kraft treten. Dabei soll der Hausarzt als Lotse im Gesundheitswesen die zentrale Steuerungs- und Koordinationsaufgabe übernehmen. „Der Versorgungsauftrag will die in vielen Regionen schon geleistete besondere Betreuung durch die Hausärzte weiter fördern und unterstützen“, heißt es in den Eckpunkten. Er soll um zusätzliche Module erweitert werden, so zum Beispiel zum Arzneimittelmanagement.

Rolf Stadié, Direktor der Knappschaft, hob die Vorteile für die bundesweit rund 1,6 Millionen Versicherten hervor: So würden Hausärzte beispielsweise verpflichtet, die Behandlung mit anderen Leistungserbringern – wie Krankenhäusern oder Fachärzten – zu koordinieren. Die Versicherten würden außerdem von zeitnahen Terminvergaben, kurzen Wartezeiten oder vermittelten Facharztterminen profitieren.

Den zweiten Hausarztvertrag hat die ARGE mit der BIG Gesundheit abgeschlossen. Sie versichert zurzeit bundesweit rund 380 000 Menschen, darunter viele, die jung sind und selten zum Arzt gehen. „Der Vorsorgeansatz und die Qualitätssicherung, die wir mit dem Vertrag verfolgen, sind für unsere Mitglieder besonders attraktiv“, erklärte der BIG-Vorstandsvorsitzende, Frank Neumann. Ziel des Vertrags ist, gesundheitsbewusstes Verhalten zu fördern und dadurch schwerwiegende Erkrankungen möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen. Er startet rückwirkend zum 1. April.
Samir Rabbata, Sabine Rieser

Neu: Euro-Pauschalen
Der Vertrag von AOK, Medi und Deutschem Hausärzteverband in Baden-Württemberg sieht vor, dass die Hausärzte für ihre Arbeit feste Eurobeträge erhalten. Ihr Honorar setzt sich zusammen aus:
- einer kontaktunabhängigen Pauschale von 16,25 Euro pro Quartal für einen eingeschriebenen Patienten plus Vorhaltezuschlägen für Sonografie (2 Euro), kleine Chirurgie (1,25 Euro) und Psychosomatik (1,50 Euro)
- einer kontaktabhängigen Pauschale von 40 Euro pro Quartal
- gegebenenfalls einer Zusatzpauschale für chronisch Kranke von 25 Euro pro Quartal
- Dazu kommen Vergütungszuschläge, falls bestimmte Zielquoten bei Gesundheitsuntersuchungen, Impfungen und Arzneimittelverordnungen erreicht werden.
- Die Krebsfrüherkennungsuntersuchung und die unvorhergesehene Inanspruchnahme außerhalb der Sprechzeiten werden als Einzelleistungen vergütet.

Neu: Zuschläge
Die Arbeitsgemeinschaft Vertragskoordinierung von KBV und 15 KVen hat zwei bundesweit geltende Hausarztverträge abgeschlossen.
- Der Vertrag mit der Knappschaft sieht vor, dass der jeweilige Hausarzt als Lotse für seinen Patienten fungiert. Dafür erhält er neun Euro pro eingeschriebenem Versicherten. Außerhalb der budgetierten Gesamtvergütung und zusätzlich zur DMP-Einschreibepauschale zahlt die Knappschaft noch 12 Euro für Versicherte in Chronikerprogrammen.
- Der Vertrag mit der BIG Gesundheit legt den Schwerpunkt auf die Prävention. Er sieht vor, dass Hausärzte 28 Euro für jeden Versicherten erhalten, dessen Präventionsstatus sie erheben. Früherkennungsuntersuchungen werden dann fest mit 5,11 Cent vergütet. Teilnehmende Kinder- und Jugendärzte erhalten für die Vorsorgeuntersuchungen U 7a und U 10 zusätzlich zur budgetierten Vergütung eine Pauschale von jeweils 50 Euro.
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